Flavio Briatore ist der große Verlierer im Formel 1-Skandal von Singapur. Der ehemalige Teamchef von Renault wurde von Internationalen Automobilverband (FIA) lebenslang von Motorsportveranstaltungen gesperrt. Die FIA hat allen Rennserien und Teams mit dem Entzug der offiziellen Unterstützung gedroht, sollte Briatore irgendwo wieder auftauchen. Bei allen FIA-Veranstaltungen erhält der Italiener Hausverbot.
Damit aber noch nicht genug: Alle Fahrer, die bei Briatore einen persönlichen Beratervertrag unterschrieben haben, verlieren zum Jahresende ihre Superlizenz. Heikki Kovalainen, Mark Webber, Fernando Alonso, Romain Grosjean und Nelson Piquet müssen (oder dürfen) sich somit einen neuen Manager suchen. Nach Begründung des Urteils wird Briatore vor allem dafür bestraft, dass er seine Beteiligung am Komplott dauerhaft geleugnet hat.
Bewährungsstrafe gegen Renault
Sein ehemaliger Arbeitgeber kommt dagegen glimpflich davon. Renault hat laut Urteilsbegründung so früh wie möglich mit offenen Karten gespielt und eine interne Untersuchung eingeleitet. Diese habe ergeben, dass Nelson Piquet auf Anweisung der Teamleitung absichtlich in die Mauer fuhr und damit eine Safety-Car-Phase ausgelöst hat. Dieses Ergebnis decke sich mit den FIA-Untersuchungen, erklärte der Weltverband.
Da der absichtliche Crash das Leben von Zuschauern, Marshalls und Piquet selbst gefährdet hat, verdiene das Vergehen eigentlich eine unbegrenzte Disqualifikation von der Formel 1-WM, heißt es im Urteil. Da Renault das Vergehen zugab, sich offiziell entschuldigt und zur Aufklärung beigetragen hat, kommen die Franzosen mit einer Bewährungsstrafe davon.
Keine offizielle Geldbuße
Bis 2011 darf sich der Rennstall somit nichts Vergleichbares zu Schulden kommen lassen, sonst wird der Ausschluss doch noch fällig. Eine feste Geldbuße wurde nicht genannt. Allerdings habe sich Renault verpflichtet, einen "signifikanten Beitrag zu FIA Sicherheits-Projekten beizusteuern." Außerdem trägt der französische Hersteller die Kosten der Untersuchung.
Auf eine Rekordstrafe wie die 100-Millionen-Dollar-Buße für McLaren-Mercedes nach der Spionage-Affäre 2007 verzichteten die Regelhüter ganz bewusst. "Das ist die härteste Strafe, die wir verhängen konnten. Wir haben ihnen die Bewährungsstrafe gegeben, weil Renault bewiesen hat, dass nicht das Team und noch weniger das Unternehmen die Verantwortung trug. Es wäre daher falsch gewesen, eine sofort wirksame Sperre zu verhängen", sagte FIA-Präsident Max Mosley.
Renault akzeptierte die Entscheidung des Weltrats umgehend. "Wir entschuldigen uns vorbehaltlos bei der Formel-1-Welt für dieses unzumutbare Verhalten. Wir hoffen aufrichtig, dass wir diese Sache hinter uns lassen und uns konstruktiv auf die Zukunft konzentrieren können", teilte der französische Autobauer mit.
Symonds für fünf Jahre gesperrt
Einen weiteren Verlierer neben Briatore gibt es aber noch. Chefingenieur Pat Symonds war ebenfalls an der Planung des Komplotts beteiligt und wurde für fünf Jahre von Motorsportveranstaltungen ausgeschlossen. Die Strafe für Symonds fällt im Vergleich zu Briatore deutlich milder aus, weil er zugegeben hat, ein Teil der Verschwörung gewesen zu sein. Außerdem zeigte der Brite vor den Untersuchungsrichtern Reue. Er empfinde "ewiges Bedauern und Scham" wegen seiner Beteiligung an dem Skandal, sagte Symonds wörtlich.
Der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso war nach Erkenntnissen der FIA nicht in das Komplott von Singapur eingeweiht. Der Spanier entging daher einer Strafe. Auch sein ehemaliger Teamgefährte Nelson Piquet Jr. kam ungeschoren davon, weil er sich dem Weltverband als Kronzeuge zur Verfügung gestellt hatte. Der Brasilianer war im Juli vom Renault-Team entlassen worden und informierte die FIA kurz darauf über den Betrug beim ersten Formel-1-Nachtrennen im vergangenen Jahr.
Schlussstrich unter Singapur-Skandal
Sechs Tage vor der zweiten Auflage des Nachtrennens in Singapur am kommenden Sonntag hat die FIA einen Schlussstrich unter einen der größten Skandale der Formel-1-Geschichte gezogen. "Ein düsteres Kapitel findet jetzt sein Ende. Zeit, sich auf die aktuellen Herausforderungen der Formel 1 zu konzentrieren", sagte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug der Deutschen Presse-Agentur dpa. Auch BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen rief dazu auf, das Urteil zu respektieren. "Nun sollten sich die Beteiligten auf die noch verbleibenden vier Saisonrennen und einen hoffentlich spannenden Titelkampf konzentrieren", erklärte Theissen.


Sind die Strafen im Renault-Skandal gerecht?

