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Rennanalyse GP Belgien 2014

Das absichtliche Nicht-Ausweich-Manöver

Lewis Hamilton - GP Belgien 2014 Foto: xpb 58 Bilder

Nach dem Grand Prix von Belgien wurde im Fahrerlager viel diskutiert. War es ein absichtliches Foul von Nico Rosberg? In unserer Rennanalyse haben wir alle Hintergründe zum Mercedes-Duell und beantworten weitere offene Fragen aus Spa-Francorchamps.

24.08.2014 Tobias Grüner
Ist Nico Rosberg absichtlich in den Teamkollegen gekracht?

Die Diskussion bei Mercedes bekam nach der 38-minütigen Aussprache der Beteiligten im Motorhome eine ganz neue Richtung. Zuvor lautete die Frage vor allem, ob die Silberpfeile ihre Freie-Fahrt-Politik überdenken würden. Teamchef Toto Wolff tendierte dazu, den Kampf auf der Strecke künstlich einzudämmen, Aufsichtsrat Niki Lauda sprach sich eher dafür aus, keine neuen Regeln einzuführen.

Doch als Lewis Hamilton interne Details aus der Diskussion mit Rosberg ausplauderte, da bekam die ganze Geschichte einen neuen Dreh. "Er hat gesagt, dass er es mit Absicht gemacht hat. Dass er den Unfall hätte vermeiden können, aber ein Zeichen setzen wollte", so Hamilton. Doch warum sollte Rosberg eine Kollision provozieren? Und warum sollte er es anschließend auch noch zugeben?

Zunächst klang die Story wenig glaubwürdig. Doch Toto Wolff bestätigte zumindest den Teil, dass Rosberg ein Zeichen setzen wollte. "Er ist aber nicht absichtlich in Lewis reingefahren", versuchte der Österreicher die Wogen zu glätten. "Er dachte, dass Lewis Platz lassen muss und hat nicht zurückgesteckt." Damit habe er bewusst in Kauf genommen, dass der Zweikampf mit einer Kollision enden könnte.

Nachdem Rosberg schon häufig dieses Jahr im direkten Duell den Kürzeren gezogen hatte - zum Beispiel in Bahrain oder Budapest - wollte er seinem Titelrivalen zeigen, dass dieser im Zweikampf nicht immer mit seiner Kooperation rechnen kann.

Einige im Fahrerlager fragten sich, ob die Szene nach den neuen Informationen vielleicht noch nachträglich von der FIA bestraft werden könnte. Doch diese Chancen sind relativ aussichtslos. Hier ist der Unterschied zwischen absichtlichem Crash und abesichtlichem Nicht-Ausweichen entscheidend.

Wie sehr wurden Rosberg und Hamilton durch die Kollision eingebremst?

Ein kleiner Kontakt und schon war die silberne Überlegenheit dahin. Dass es Hamilton schlimmer erwischte als Unfall-Auslöser Rosberg war Zufall. Der Engländer verlor durch die Schleichfahrt auf 3 Rädern und den Boxenstopp mehr als eine Minute. Nach Mercedes-Berechnungen kostete ihn der durch den Reifenschaden zerfetzte Unterboden noch einmal rund 2 Sekunden pro Runde.

An Rosbergs Frontflügel blieb durch den Kontakt die rechte Endplatte auf der Strecke. Auch der äußere Teil der beiden oberen Flaps hatte sich verabschiedet. Die Mercedes-Ingenieure kalkulierten den Zeitverlust auf zirka eine Sekunde pro Runde. Im achten Umlauf entschied man sich deshalb für den Wechsel. Normalerweise dauert ein Stopp mit Flügeltausch 10 Sekunden länger. Durch die schnelle Arbeit der Mercedes-Mechaniker stand Rosberg nur 8 Extra-Sekunden.

Warum gab Hamilton nicht früher auf?

Lewis Hamilton ist eigentlich bekannt als Kämpfer, der nach eigener Aussage niemals aufgibt. Doch während des Rennens meldete sich der Pilot mehrmals mit der Anfrage bei seinem Renningenieur, ob er den Silberpfeil nicht schon früher abstellen könne, um den Motor für die letzten 7 Saisonrennen zu schonen. Doch der Wunsch des Briten wurde erst 5 Runden vor der Zielflagge erfüllt.

Vorher wäre eine Aufgabe auch nicht klug gewesen. Man stelle sich vor, es hätte wie in Ungarn ein Safety-Car gegeben. Dann wäre der Rückstand auf die Punkteplätze auf einen Schlag eingedampft gewesen. Und Spa besitzt immerhin eine historische Safety-Car-Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent. "Wir haben intensiv darüber diskutiert ihn vorher reinzubitten", so Wolff. "Fakt ist aber, dass der Motor keinen Schaden durch die Mehr-Kilometer genommen hat. Das analysieren wir genau. Erst als klar war, dass wir keinen Lucky-Punch mehr landen können, haben wir ihn reingeholt."

Was hat sich in der Antenne von Rosberg verfangen?

Kurz nach seinem ersten Boxenstopp hatte Rosberg plötzlich einen ungebetenen Besucher an Bord. Ein faseriges Stück aus der Karkasse des zerfetzten Hamilton-Hinterreifen verfing sich ausgerechnet in der Antenne am zweiten Silberpfeil. "Ich wusste gar nicht, was es war", erklärte Rosberg später. "Es ist direkt vor meinen Augen herumgeweht. Ich konnte kaum sehen und bin es einfach nicht losgeworden. Erst nach einer Weile hat es sich von selbst gelöst."

Warum wurden die Mechaniker von Fernando Alonso vor dem Start nicht rechtzeitig fertig?

Die Formel 1-Regeln besagen, dass 15 Sekunden vor dem Start kein Mechaniker mehr am Auto arbeiten darf. Bei Fernando Alonso mussten die Ferrari-Techniker aber noch Hand am Roten Renner anlegen, als die Einführungsrunde schon eingeläutet wurde. Was war passiert?

Der externen Batterie war einfach der Saft ausgegangen. Mit ihr wird das Hybrid-System in der Startaufstellung mit Energie gefüllt. Anschließend war aber nicht mehr genug Power vorhanden, um den Motor zu starten. Bis Ersatz beschafft war, ging einfach die Zeit aus. Früher gab es für diesen Fall automatisch eine Durchfahrtsstrafe. In diesem Fall ließen die Stewards mit einer 5-Sekunden-Stop-und-Go-Penalty Milde walten.

Wie verlor Fernando Alonso den Kampf um Rang 5?

Kevin Magnussen bekam knapp anderthalb Stunden nach der Zieldurchfahrt eine unerfreuliche Nachricht von den Stewards. Er musste die 8 Punkte für Platz 6 wieder abgeben. Die FIA-Schiedsrichter sprachen nachträglich eine Durchfahrtsstrafe aus, weil Magnussen den Ferrari von Fernando Alonso im Zweikampf zwischen den Kurven 4 und 5 von der Strecke gedrängt hatte.

Durchfahrtsstrafen nach dem Rennen werden automatisch in einen 20 Sekunden-Malus umgewandelt, was den Dänen auf Platz 12 zurückwarf. Dazu gab es 2 Penalty Punkte. Damit ist das Sünderkonto schon mit 4 Zählern belastet. Was von den Kameras nicht eingefangen wurde: Fernando Alonso legte sich in der letzten Runde auch noch mit Sebastian Vettel in der Haarnadel an. Dabei ging der Ferrari-Frontflügel zu Bruch. Dadurch schlüpfte Jenson Button wieder durch. In der letzten Runde war Alonso 9 Sekunden langsamer als gewöhnlich.

In unserer Galerie haben wir die Bilder vom dramatischen Rennen in Spa-Francorchamps.

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