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Rennanalyse GP Europa 2011

Rückfall in die Vor-Pirelli-Ära

Mark Webber Foto: Wolfgang Wilhelm 50 Bilder

Sebastian Vettel diktierte in Valencia einen unspektakulären Grand Prix vom Start bis zum Ziel. Die einzige Überraschung: Ferrari löste McLaren als Gegner von Red Bull ab. In unserer Analyse erklären wir alle Hintergründe eines Rennens wie aus der Vor-Pirelli-Ära.

26.06.2011 Michael Schmidt

Warum gab es so wenig Höhepunkte im Rennen?

Kein Ausfall, keine Safety-Car-Phase, kein Crash. Beide Reifentypen waren relativ unkritisch. Der verstellbare Heckflügel erwies sich trotz zwei Überholstellen als wenig effizient. Fernando Alonsos Überholmanöver an Mark Webber vorbei war ein Gewaltakt. Die Fahrer waren sich einig: "Die DRS-Zonen fielen diesmal zu kurz aus." Man hätte den Aktivierungspunkt der ersten Überholstrecke näher an Kurve 10 legen können als 285 Meter nach dem Scheitelpunkt.

Der GP Europa lief nach Schema F ab. Das ist gleichbedeutend damit, dass Sebastian Vettel gewinnt. "Wir haben den Rückstand auf Red Bull zwar halbiert, müssen aber froh sein, wenn wir wenigstens eines der beiden Autos schlagen", resümierte Alonso.

Im Prinzip gibt es in dieser Saison zwei unterschiedlichen Szenarien. Solange McLaren und Ferrari kein Auto in die erste Startreihe bringen und Mark Webber seinem Teamkollegen Rückendeckung geben kann, bleibt Vettel unantastbar. Dann kann der Weltmeister den Abstand zu seinen Verfolgern kontrollieren und gleichzeitig Reifen schonen. Und Webber spielt seinen Part, indem er die Gegner mit einem frühen Stopp aus der Reserve lockt. Siehe Valencia. Alonso musste Webbers Beispiel folgen.

Wenn der Australier nicht den Beschatter spielen kann, wird Mercedes zum besten Mitspieler der Red Bull-Gegner. Die Silberpfeil-Piloten reißen wegen ihrer Reifenmisere mit vollen Tanks die Lücke im Feld auf, die es einem McLaren- oder Ferrari-Fahrer erlaubt, früh einen ersten Boxenstopp einzulegen. Siehe Barcelona, Monte Carlo oder Montreal. Vettel muss dann mitziehen, auch wenn das Strategieprogramm ein ganz anderes Boxenstoppfenster empfiehlt.

Was entschied den Zweikampf Alonso gegen Webber?

Fernando Alonso und Mark Webber hingen zusammen wie die Kletten. Vom Start bis Runde 20 lag Webber vorne. Dann streckte Alonso zehn Runden lang die rote Nase seines Ferrari als erster in den Wind. Er hatte Webber am Ende der ersten Überholstelle ausgebremst. Der zweite Boxenstopp drehte die Reihenfolge zugunsten des Red Bull-Piloten wieder um. Beim dritten Stopp von den weichen auf die harten Reifen revanchierte sich Ferrari. Ab Runde 42 nahm Alonso Kurs auf Platz zwei.

Prinzipiell galt: Wer auf den weichen Reifen früher wechselte, hatte einen Vorteil. "In der ersten Runde aus den Boxen raus hat Webber jeweils eineinhalb Sekunden gewonnen", rechnete Alonso vor. Beim ersten Stopp hätte Ferrari reagieren und Alonso gleichzeitig an die Box holen können, doch das hätte Alonso auch nicht vor Webber gebracht. Beim zweiten Stopp war der Spanier ein Gefangener. Webber diktierte als Hintermann den Zeitpunkt des Stopps. Und leitete so den Platztausch ein.

Komplizierter wurde es beim Wechsel von der weichen Mischung auf den Medium-Reifen. Am Freitag hatten viele Fahrer noch über ein zu langsames Aufwärmen des harten Gummis geschimpft. Am Samstag wurde es besser. Red Bull pokerte mit einem frühen Stopp und verlor. "Der Medium-Gummi hat acht Sektoren gebraucht, bis er mir gegenüber Fernandos alten weichen Reifen einen Vorteil brachte", ärgerte sich Webber, nahm sich aber auch selbst in die Pflicht: "Ich habe für die Einfahrt in die Boxengasse zu spät gebremst und dort Zeit liegenlassen."

Am Ende spielte der Ausrutscher gar keine Rolle. Die Zeiten in der Boxengasse zwischen Alonso und Webber waren praktisch identisch. Alonso machte in den drei Runden, die er länger auf der Strecke blieb, viel Zeit auf seinen Widersacher gut, verlor aber fast alles wieder im Schlusssektor vor seiner Anfahrt zu den Boxen. Er lief auf einen Pulk langsamer Fahrzeuge auf. Zum Vergleich: Webber brauchte für seine Runde in die Box trotz Patzer 1.52,072 Minuten. Alonso wurde in seiner Runde vor dem Stopp mit 1.57,542 Minuten gestoppt. Das sind 5,5 Sekunden Differenz.

Alonso regte sich so über die Hinterbänkler auf, dass er am Funk auf Italienisch fluchte. "Das macht er nur, wenn er richtig sauer ist", erzählte Pressechef Luca Colajanni. Webber war trotz der Niederlage zufrieden mit sich selbst: "Mein bestes Rennen in dieser Saison. Ich war bis zu meinen Getriebeproblemen am Ende immer auf Schlagdistanz zu Seb."

Wo waren die McLaren?

Drei Rennen lang trumpften die McLaren mit einem geringen Reifenverschleiß auf. Von Barcelona bis Montreal waren sie deshalb die schnellsten Autos im Feld. In Valencia war es umgekehrt. Die Hinterreifen wurden zu heiß. Lewis Hamilton und Jenson Button kamen in den Beschleunigungszonen nicht vom Fleck. Die McLaren-Ingenieure rätselten nach dem Rennen über die Gründe für den unerklärlich hohen Reifenverschleiß. Teamchef Martin Whitmarsh zog alle Möglichkeiten in Betracht: "Die hohen Temperaturen, das Setup des Autos, und sicher auch unsere Positionen im Rennen. Wer im Verkehr fahren muss, strapaziert die Reifen mehr."

Bei Button kam hinzu, dass er ab Hälfte der 57-Runden-Distanz auf sein KERS verzichten musste. Weil der Fahrer in diesem Fall die Bremsbalance nach hinten verstellen muss, um das beim Laden der Batterien auftretende Bremsmoment an der Hinterachse zu kompensieren, kam es zu höheren Temperaturen an den hinteren Bremsen. Das heizt die Reifen doppelt auf.

Whitmarsh zog verbittert Bilanz: "Heute klappte nicht viel. Die Starts waren schlecht, das Rennen bot uns keine Chance, Red Bull und Ferrari mit einer anderen Strategie in die Falle zu locken, der Speed war zu langsam, und dann streikte auch noch das KERS." Mit so vielen Unzulänglichkeiten kann man gegen einen Vettel nicht gewinnen.

Wieso stach der Sauber-Joker gegen Force India, Toro Rosso und Renault nicht?

Normalerweise fährt wenigstens ein Sauber in die Punkte. Immer mit dem gleichen Trick. Ein oder zwei Stopps weniger. Diesmal funktionierte der Coup nur fast. Sergio Perez kletterte dank seiner Einstoppstrategie von Startplatz 16 auf Rang 11. Auf einen Punkterang fehlten dem Mexikaner 6,7 Sekunden. Dafür stürzte Kamui Kobayashi mit zwei Stopps gegen die Dreistopper im Vergleich zu seinem Startplatz um zwei Positionen ab.

Peter Sauber sah Platz zehn und damit einen WM-Punkt für Perez im Bereich des Möglichen: "Die Taktik war richtig. Leider hat Perez zu viel Zeit verloren, weil er zwei Mal die drei Führenden überrunden lassen musste. Als sie an ihm vorbei waren, sind sie zum Reifenwechsel an die Boxen. Ein paar Runden später waren sie wieder da. Unser Gegner Heidfeld musste da nur ein Mal durch."

Ob der Zeitpunkt des Reifenwechsels in Runde 25 günstig war, wollte der Teamchef nicht bewerten. "Da kannst du richtig oder falsch liegen. Keiner hatte genug Erfahrungswerte, wie lange die weichen Reifen für den langen Schlussturn halten würden. Wir haben Checo sogar ein paar Runden früher als geplant reingeholt, weil er in den letzten Umläufen auf den harten Reifen zu viel Zeit liegengelassen hat. Da gingen drei Sekunden pro Runde verloren."

Kamui Kobayashi haderte mit seinem Auto. "Die Reifen haben ungewöhnlich stark abgebaut. Als ich Druck machen wollte, steckte ich im Verkehr." Da tat es Sauber etwas weh, dass die Punkte die normalerweise für die Schweizer reserviert sind, an die direkten Gegner Toro Rosso und Force India gingen. Jaime Alguersuari profitierte von einem komplett auf das Rennen und Reifenschonen abgestimmten Toro Rosso. Der Preis dafür: Startplatz 18. Dafür kam der Spanier mit zwei Stopps über die Runden.

Adrian Sutil machte das Beste aus seiner Dreistopp-Taktik. Mit entscheidend war sein gewonnener Zweikampf gegen Nick Heidfeld. "Ich war an Sutil vor der ersten DRS-Zone vorbei. Adrian war aber immer noch so knapp dran, dass er den Heckflügel an der ersten Überholstelle aktivieren durfte. Da hat er mich geknackt", fluchte Heidfeld. Sutil freute sich: "Als ich mal freie Fahrt hatte, konnte ich ein gutes Tempo verlegen." Wichtig, um den Vorsprung auf den Einstopper Perez zu erhöhen.

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