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Rennanalyse

Wie konnte Renault McLaren schlagen?

Foto: dpa

Zur Mitte der Formel 1-Saison 2005 schien es noch so, als sei der McLaren MP4-20 der ungekrönte Superstar in Sachen Geschwindigkeit, Abtrieb und Reifenverschleiß. Kimi Räikkönen gewann zwischen Barcelona und Suzuka sieben Rennen.

17.10.2005

Dennoch schaffte Renault den Gewinn der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft, weil Renaults Superstar Fernando Alonso die McLaren-Mercedes in punkto Speed schlug. Wie schaffte Renault den Umschwung?

Erst beim Großen Preis von China am Sonntag (16.10.) auf dem Shanghai International Circuit wurde offensichtlich, was bereits seit dem GP von Brasilien Gültigkeit besaß: Renault ist schneller als McLaren-Mercedes. Kimi Räikkönen gestand die Niederlage in Shanghai offen ein: "Ich hatte wirklich ein gutes Auto, das Handling war in der Anfangsphase des Rennens prima - aber wir waren einfach nicht schnell genug, um die Renaults herauszufordern.“ Renault schaffte den Umschwung mit einem neuen Aerodynamikpaket, das bereits in Brasilien debütierte. Doch dort bemerkte niemand den Quantensprung in der Performance, weil sich Alonso nur auf den Gewinn des Fahrertitels konzentrierte: "Ich fuhr extrem konservativ, Brasilien war nicht der Ort, um Risiken einzugehen.“ Renault verbesserte die aerodynamische Effizienz des R25-Chassis durch einen neuen Unterboden, einen stark modifizierten Heckflügel sowie durch neue Luftleitbleche. Durch diese Maßnahmen sank der Luftwiderstand, gleichzeitig stieg der Abtrieb.

In Suzuka waren Alonso und Räikkönen gemessen an den schnellsten Rennrunden fast exakt gleich schnell. Genau betrachtet war Alonso dort aber bereits stärker, zeigte viel mehr Überholmanöver als Suzuka-Sieger Räikkönen und gewann nur deshalb nicht das Rennen, weil er von der Rennleitung nach einem vermeintlich unkorrekten Überholmanöver gegen Christian Klien noch einmal hinter den Österreicher beordert wurde und dadurch zehn Sekunden einbüßte. In Shanghai markierte zwar Räikkönen die schnellste Rundenzeit, doch die drehte er in der 56. Runde - als das Rennen schon lange entschieden war. Alonso war nur minimal langsamer, doch vor allem mit frischen Reifen in der Anfangsphase lag der Renault deutlich besser als der McLaren MP4-20. "Die Safety-Car-Phasen waren eher ein Unglück für uns,“ so Renault-Technikchef Pat Symonds. "Erstens verloren wir einen Vorsprung von gut 20 Sekunden, und zweitens würden sich einige wundern, wie lange wir hätten fahren können.“ Alonso hatte für 23 Runden Benzin an Bord, als er die Pole Position in Shanghai herausfuhr - mit einem Vorsprung von vier Zehntelsekunden auf Kimi Räikkönen, der eher weniger Benzin im Tank hatte.

Renault: Zehn Mehr-PS für Shanghai - Was lief schief bei Schumi?

Ein weiterer Faktor beim Sieg im Wettstreit der Konstrukteure war eine aggressive Strategie beim Thema Motor: Weil Renault durch den normalen Wechselrhythmus in Shanghai mit einem neuen Motor startete, der nur ein Rennen halten musste, wurde die Leistung nochmals um zehn PS angehoben. Im Rennen musste Alonso das Potenzial überhaupt nicht voll ausschöpfen: Nach dem Ausfall von Montoya in Runde 24 verlegte sich der spanische Weltmeister darauf, das Rennen zu kontrollieren und reduzierte das Drehzahlniveau des V10-Motors beträchtlich. Renault hatte im Endspurt noch Trümpfe in der Hinterhand und spielte sie gekonnt aus: Mit dem Sieg in Shanghai und Platz vier von Teamkollege Giancarlo Fisichella schraubte Renault sein Punktekonto auf 191 Punkte und holte sich den Titel mit einem Vorsprung von neun Zählern auf McLaren-Mercedes.

Die zweite große Frage des Shanghai-Wochenendes betrifft die Vorstellung von Ferrari-Pilot Michael Schumacher: Was lief schief? Die Antwort: so ziemlich alles. Der entthronte Weltmeister hatte einen Rennsonntag zum Vergessen. Nach dem Qualifikationstraining mit Startplatz sechs und einem Rückstand von 1,3 Sekunden auf die Bestzeit von Alonso war man im Ferrari-Lager noch moderat optimistisch - doch Schumacher verlor das Rennen schon vor dem Rennen. Auf dem Weg in die Startaufstellung zuckelte Schumacher um 13:35 Uhr mit geringer Geschwindigkeit auf der rechten Fahrbahnseite auf Kurve Nummer zehn zu, wechselte abrupt auf die linke Seite, wo Minardi-Pilot Christijan Albers mit hoher Geschwindigkeit heranrauschte, nicht mehr abbremsen konnte und dem Ex-Weltmeister in die linke Fahrzeugseite krachte. Schumacher rechtfertigte sich: "Ich fuhr meine Reifen mit niedriger Geschwindigkeit warm, um Sprit zu sparen, und plötzlich krachte es.“ Die Rennkommissare schlossen sich dieser Betrachtungsweise nicht an und sprachen eine nachvollziehbare Verwarnung gegen den Ex-Weltmeister aus.

Das Rennen lief ähnlich bescheiden: Schumacher hetzte dem Feld im Ersatzauto aus der Boxengasse hinterher. Während der ersten Safety-Car-Phase segelte Schumacher dann unter Gelb ins Kiesbett - sein zweites kurioses Shanghai-Erlebnis, das jedoch bei genauerer Betrachtung einen ernsten Hintergrund aufwies. Denn Schumacher scheiterte wieder einmal an den Bridgestone-Reifen: Da der siebenfache Weltmeister das Ersatzauto vor dem Start randvoll mit Sprit auffüllen ließ, waren die Reifen bereits nach knapp 20 Runden hinüber. Während der Safety-Car-Phase sank zudem der Luftdruck in den Pneus stark ab. Als Felipe Massa vor Schumacher hart verzögern musste, stieg der Wahl-Schweizer ebenfalls abrupt in die Eisen. Der Impuls reichte, um ihn kreiselnd ins Kiesbett zu befördern. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Rennen überhaupt hätte beenden können, weil die Reifen schon nach weniger als der Hälfte der Renndistanz weitgehend verschlissen waren,“ kritisierte Schumacher. Sein brasilianischer Teamkollege Rubens Barrichello konnte das Rennen nur mit allergrößter Mühe trotz massiver Verschleißprobleme mit den Reifen auf Platz zwölf beenden. Unter diesen Umständen mutet es fast wie ein Wunder an, dass Schumacher in Shanghai den dritten Platz in der Fahrerwertung und Ferrari den dritten Rang in der Konstrukteurswertung "verteidigen“ konnten.

Gute Bilanz für Schumi II - Massa und Klien als Bremsklötze

Deutlich erfreulicher fiel die Bilanz von Bruder Ralf Schumacher beim Formel 1-Saisonfinale in Shanghai aus. Der Toyota-Pilot, der in der Qualifikation noch über ein extrem diffiziles Handling seines TF105/09B klagte, konnte sich im Rennen von Startplatz neun auf den dritten Gesamtrang nach vorne arbeiten. Wie ist diese enorme Steigerung zu erklären? Im Zeittraining verlor Schumacher noch 1,6 Sekunden auf die Bestzeit von Alonso, im Rennen markierte er die fünftschnellste Zeit (0,7 Sekunden Rückstand auf den Bestwert von Räikkönen) und steigerte sich dabei im Vergleich zu seinen direkten Konkurrenten absolut betrachtet sogar am stärksten: Während Räikkönen, Alonso und Fisichella im Rennen mit weniger Sprit zwischen einer halben und einer Sekunde schneller fahren konnten als im Zeittraining, verbesserte sich Ralf Schumacher um satte 1,7 Sekunden. Im ersten Renndrittel hing er zwar auf Platz acht fest und war noch nicht begeistert vom Fahrverhalten seines Toyota-Renners. "Aber nach dem ersten Boxenstopp wurde der Speed massiv besser, ohne dass wir uns wirklich erklären können, warum,“ so Ralf Schumacher. Vermutlich half, dass mehr Gummi auf der Bahn lag.

Der zweite Grund für den Überraschungserfolg lag bei der Strategie: Während alle direkten Gegner in der zweiten Safety-Car-Phase zum Nachtanken abbogen, blieb Ralf bis Runde 47 draußen. "Damit konnte er den Speed des Autos nutzen, weil er freie Fahrt hatte. Gleichzeitig stauten sich die Verfolger hinter Massa und Klien, so dass wir für den zweiten Boxenstopp genügend Vorsprung herausfahren konnten,“ so Toyota-Technikdirektor Mike Gascoyne. Schumacher konnte vor dem zweiten Stopp permanent niedrige 1.34er Rundenzeiten fahren - während sich seine direkten Gegner an Massa und Klien (die ebenfalls erst später zum zweiten Stopp abbogen) die Zähne ausbissen. Neben der wundersamen Speedvermehrung und der guten Strategie hatte Ralf Schumacher auch noch das Glück auf seiner Seite: Durch die Drive-through-Penalty für Fisichella erbte der Toyota-Pilot noch den letzten Podiumsplatz.

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