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Rosberg

"Der Ärger überwiegt"

Foto: Daniel Reinhard 143 Bilder

Williams-Pilot Nico Rosberg über die Saison 2008, die Abtriebsprobleme am FW 28 und die mangelhafte Weiterentwicklung durch sein britisches Williams-Team.

28.10.2008

Wenn Sie auf die bisherige Saison 2008 zurückblicken, was überwiegt: die zwei Podestplätze in Melbourne und Singapur - oder der Ärger dazwischen?
Rosberg: Ganz klar der Ärger dazwischen. Ich habe mir für diese Saison deutlich mehr erhofft, vor allem, dass wir im Vergleich zum Vorjahr einen deutlichen Schritt nach vorne machen und konstant um WM-Punkte kämpfen würden. Leider ist es dann ganz anders gekommen als erhofft.

Worüber sind Sie denn am meisten enttäuscht? Vor allem über die mangelhafte technische Weiterentwicklung durch das Team?
Rosberg: Genau das ist der Punkt. Nach den ersten drei WM-Rennen lagen wir noch vor Renault, und beim Saisonauftakt in Melbourne waren wir das viertbeste Team. Dann sind wir mit der Entwicklung komplett in die falsche Richtung gegangen und das war das Hauptproblem. Besonders bei der Aerodynamik des Williams-FW 28 konnten wir keine Fortschritte erzielen, und das ist der Bereich, wo die F1-Teams über die Saison betrachtet in aller Regel die meiste Performance aus dem Auto herausholen.

Können Sie noch mal ganz einfach und simpel erklären, wo es bei der Aerodynamik des FW 28 genau hakt?
Rosberg: Das eine, was sehr wichtig ist, ist der Gesamtabtrieb eines Rennfahrzeuges. Aber über eine Runde gesehen unterliegt das Auto sehr unterschiedlichen Lastzuständen, die mit der Aerodynamik zusammenspielen müssen. Das beginnt bei der Fahrzeughöhe: bei hoher Geschwindigkeit liegt das Auto auf Grund des hohen Abtriebs tiefer auf der Straße als bei langsameren Geschwindigkeiten. Das gleiche gilt für die Rollneigung bei Kurvenfahrt, die bei langsamen und schnellen Kurven unterschiedlich stark ausfällt. Beim Bremsen wiederum steht das Auto bezogen auf die Lastverteilung sozusagen auf der Nase, beim Beschleunigen verschiebt sich die Achslast nach hinten. Das Auto braucht also nicht nur Abtrieb, sondern es ist entscheidend, wie gut die Aerodynamik unter diesen unterschiedlichen Lastzuständen funktioniert - und da hapert es beim FW 28. Generell ist der Abtrieb nicht stabil genug, und daher haben wir zu viel Übersteuern in langsamen Kurven und zu viel Untersteuern in schnellen Ecken.

Viele Teams haben 2008 darüber geklagt, das optimale Betriebsfenster für den Reifen zu treffen. Trifft das auch auf ihr Williams-Team zu?
Rosberg: Nein, damit hatten wir eigentlich mit Ausnahme von Malaysia überhaupt keine Probleme.

Sie sind jetzt seit drei Jahren bei Williams. Warum tut sich dieses Team so schwer, den Weg zurück an die Spitze zu finden?
Rosberg: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube nicht, dass es am Personal liegt. Wir haben sehr starke Leute in allen Bereichen, inklusive der Aerodynamikabteilung. Wir haben einen guten Windkanal und wir hatten 2008 ein ausreichend großes Budget. Daran kann es also nicht liegen. Womöglich stimmt etwas bei der Kommunikation und der Zusammenarbeit nicht, vielleicht passt die Organisation der Arbeitsabläufe nicht.

Welche Rolle spielt das Thema Motor?
Rosberg: Toyota steht gegen Ende der Saison 2008 häufiger da, wo wir gerne stehen würden. Also muss ich davon ausgehen, dass wir auf der Motorenseite sicher kein Problem haben.

Wie stark hat der Saisonverlauf zur Misere beigetragen? Das Williams-Team ist mit einem Podestplatz in Melbourne in die Saison gestartet. Hat das gute Ergebnis die realen Kräfteverhältnisse verwischt?
Rosberg: Auf jeden Fall, eigentlich war das eine Katastrophe. Manch einer im Team hat nach Melbourne gesagt: jetzt greifen wir BMW an. Ich war dagegen eher der Meinung: lasst uns zwei, drei Rennen warten, erst dann wissen wir genau, wo wir stehen. Und in der Tat waren wir ja nicht so stark, wie es das Resultat von Melbourne auswies. Man darf auch nicht vergessen, dass uns Toyota bereits im Zeittraining von Melbourne geschlagen hat.

Wann ist beim Team endgültig der Groschen gefallen, dass etwas am Auto nicht stimmt?
Rosberg: Ich denke, nach den Rennen in Istanbul und Barcelona war allen im Team klar, das wir ein fundamentales Problem im Auto haben.

Haben Sie als der erfahrene Führungspilot im Williams-Team auch früh genug auf den Tisch gehauen?
Rosberg: Ich war da zu Saisonbeginn recht energisch und habe deutlich auf den Tisch gehauen - und zwar schon in Melbourne. Man muss allerdings auch eingestehen, dass es für das Team nicht so einfach war zu erkennen, dass wir ein Problem haben. Die Abtriebsschwankungen wurden nämlich erst im Laufe der Saison immer stärker: mit jedem neuen Aero-Upgrade nahm das Problem ein wenig zu und wurde damit offensichtlicher. Dazu kommt, dass man als Fahrer in der modernen Formel 1 auch immer gegen den Computer argumentiert: die Simulationen und Berechnungen sagen voraus, dass das Auto besser wird. Wenn es dann aber schlechter wird, braucht es eine gewisse Zeit, bis alle im Team erkennen, dass etwas in die falsche Richtung geht. Die Ingenieure sind da ein wenig Computer-hörig. Allerdings auch zu Recht, denn die modernen Computer sind extrem gut und sehr stark. Aber unser Aero-Problem auf der Straße stand halt nicht im Einklang mit den Berechnungen des Computers - und das hat zu einem verzögerten Erkennen des Problems geführt.

Viele Teams haben mit Blick auf die zahlreichen Reglementsänderungen ihre Entwicklungskapazitäten frühzeitig in Richtung 2009 verschoben. Wie schwer ist es dann als Rennfahrer einzusehen, dass sich 2008 nicht mehr so viel bewegt wie gewünscht?
Rosberg: Das ist zweifellos schwer zu verdauen, wobei ich trotz der Reglementsänderungen eigentlich immer die Hoffnung hatte, dass wir noch in diesem Jahr einen großen Schritt nach vorne machen würden. Das war aber leider nicht der Fall, und da haben wir als Team einfach keine gute Arbeit geleistet.

Andere Formel 1-Rennställe konnten sich ja gegen Ende der Saison 2008 noch einmal deutlich verbessern, siehe das Beispiel Renault.
Rosberg: Genau das ist der Punkt: Renault muss unsere Messlatte sein, denn die waren unser direkter Gegner am Anfang des Jahres. Renault gewinnt jetzt Rennen und schlägt regelmäßig BMW - das ist doch der helle Wahnsinn! Und wir sind nirgendwo in der Walachei.

In den letzten Jahren hat man Ihnen als Fahrer im Williams-Team stets erklärt: nächstes Jahr wird alles besser. Vertrauen Sie diesen Versprechungen noch?
Rosberg: Es wird immer schwieriger, da noch positiv zu denken. Für nächstes Jahr bin ich dennoch einigermaßen optimistisch, dass wir da eine große Chance haben.

Weil sich 2009 die Regeln ändern?
Rosberg: Nur weil sich die Regeln ändern. Sonst hätte ich den Glauben schon längst verloren.

Wurmt es Sie, dass Ihre Weggenossen wie Vettel, Kovalainen und Kubica in diesem Jahr Rennen gewonnen haben?
Rosberg: Wenn mein Auto gut laufen würde, dann wäre mir das ziemlich egal. Die dürfen gerne Rennen gewinnen, solange ich um WM-Punkte fighten und vorne mitfahren kann. Nur ich bin halt nirgendwo, daher ist das schon ein wenig hart.

Zumindest ein großes Team hatte im letzten Winter starkes Interesse an Ihnen. Waren Sie zu loyal gegenüber Williams?
Rosberg: Man muss bei solchen Entscheidungen immer eine klare Linie ziehen. Ich hatte einen gültigen Vertrag mit Frank Williams und Loyalität ist ein wichtiger Wert, das habe ich von meinem Vater gelernt. Natürlich gibt es da Grauzonen und natürlich muss man die in der Formel 1 auch immer mal wieder ausnutzen. Aber für mich waren die Anzeichen so, dass der Verbleib bei Williams für mich der richtige Weg ist.

Wäre denn zum Beispiel ein Wechsel zu McLaren-Mercedes für Sie eine gute Wahl gewesen? Dort ist mit Lewis Hamilton ein Fahrer an Bord, der seit ewigen Zeiten eine enge Verbindung zu diesem Team hat?
Rosberg: Als Fahrer will man zuerst einmal ein gutes und wettbewerbsfähiges Auto, das hat oberste Priorität. Unter diesem Aspekt hätte man so ein Angebot also annehmen müssen, wenn man nicht vertraglich gebunden gewesen wäre. Natürlich besteht in so einer Konstellation die Gefahr, dass man zunächst die zweite Geige im Team spielt. Mittelfristig ist eine solche Konstellation nicht optimal, einfach weil man von vornherein so viele Sachen gegen sich hat, gegen sie man ankämpfen müsste.

Wir sehen seit ein oder zwei Jahren eine Unmenge an Sportstrafen in der Formel 1. Ist die Gangart härter geworden? Haben unfaire Tricks überhand genommen?
Rosberg: Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich bin der Meinung, dass einige Strafen eher überflüssig sind. Die Sachen, die zum Beispiel beim Rennen in Fuji bestraft worden sind, hätte man nicht unbedingt bestrafen müssen. Andererseits kann man sie durchaus bestrafen.

Sollten die FIA-Stewards vielleicht besser für Ihren Job ausgebildet werden?
Rosberg: Warum soll ich da jetzt etwas Negatives über die Arbeit der FIA-Stewards sagen? Das wird mich persönlich kaum weiter bringen.

Renault-Pilot Fernando Alonso hat beispielsweise vorgeschlagen, dass ein ehemaliger F1-Fahrer den Stewards beratend zur Seite stehen sollte. Wäre das ein Ansatz, um die Qualität der Urteile zu verbessern?
Rosberg: Das halte ich in der Tat für einen guten Vorschlag, denn für jemand von außen ist es oft sehr schwierig einzuschätzen, wie unfair oder wie unsportlich eine Aktion wirklich ist. Ein ehemaliger Fahrer könnte das sicher besser beurteilen, einfach weil er die Dinge aus der Cockpitperspektive besser verstehen kann.

Müsste so ein Fahrervertreter noch nahe am Geschehen dran sein, oder könnte das auch ein ehemaliger Pilot sein, der bereits vor über 20 Jahren seine Karriere beendet hat, wie Ihr Vater?
Rosberg: Das könnte auch mein Vater machen - aber ich glaube kaum, dass mein Vater diesen Job annehmen würde.

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