Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows

Rosberg-Sieg mit Zittern

Bremsen und Reifen am Limit

Nico Rosberg - GP Australien 2016 Foto: sutton-images.com 63 Bilder

Nico Rosberg hat sich den ersten GP-Sieg des Jahres redlich verdient. Er hielt nicht nur Lewis Hamilton und Sebastian Vettel in Schach, sondern musste auch noch einen kränkelnden Silberpfeil über die Runden bringen. Und das trotz Funkverbot.

20.03.2016 Michael Schmidt

Manche Siege schmecken doppelt süß. Vor allem, wenn sie hart erkämpft sind. Nico Rosberg wurde der Sieg beim Auftaktrennen in Melbourne nicht leicht gemacht. Zuerst fiel er beim Start hinter die beiden Ferrari. An Kimi Räikkönen kam er mit dem früheren Boxenstopp vorbei. "Ich muss da unseren Strategie-Jungs ein Kompliment machen. Wir sind auch da die Besten." Mit der roten Flagge änderte Mercedes seine Taktik. Von offensiv auf defensiv. Und dann stellten sich am Mercedes mit der Startnummer 6 auch noch Probleme mit den Bremsen und den Reifen ein.

Früher hätte Rosberg bei seiner Box nachgefragt, wie er das Problem am besten lösen sollte. Doch diesmal wären Fragen zwecklos gewesen. Der Kommandostand hätte ihm nicht antworten dürfen. Rosberg war mit sich, seinem Silberpfeil und den Gebrechen auf sich allein gestellt. Und er hat sie trotz Druck von hinten souverän bis ins Ziel gemanagt. Niki Lauda zog sein Kapperl: "Der Nico ist ein unglaubliches Rennen gefahren."

Mercedes hat Notfälle in Barcelona geübt

Sechs Runden nach dem Re-Start ging in Rosbergs Cockpit eine Warnlampe an. Ab da wusste der WM-Zweite des Vorjahres, dass seine Vorderradbremsen zu heiß liefen. Die Bremssättel zeigten alarmierend hohe Werte. Man vermutet, dass Gummischnipsel die Kühlschächte zugekleistert hatten. Teamchef Toto Wolff verriet: "Wir waren kurz davor, Nico aus dem Rennen zu nehmen." Nur ein Grad mehr, und das Rennen wäre für Rosberg beendet gewesen.

Zum Glück wusste Rosberg, was zu tun war. "Ich habe mich sofort an Montreal 2014 erinnert." Und der Deutsche hatte über den Winter auch fleißig Feuerwehrübungen gepaukt. Ein Mercedes-Ingenieur fügte hinzu: "Wir haben in Barcelona nicht nur wegen der Standfestigkeit so viel getestet. Im Rahmen der vielen Longruns haben wir all diese Szenarien schon einmal durchgespielt."

Rosberg justierte die Bremsbalance nach hinten, und im Verlauf des letzten Renndrittels besserte sich die Bremsmisere wieder. Nur um mit einem neuen Problem konfrontiert zu werden. Der linke Hinterreifen war so stark abgefahren, dass er dramatisch an Temperatur verlor. Wolff atmete tief durch: "Fünf Runden vor Schluss haben wir nicht geglaubt, dass wir den Reifen durchbringen. Der Gripverlust war dramatisch." An dieser Stelle verfluchte Mercedes das Funkverbot. "Wir konnten Nico nicht mal sagen, dass es ein Problem mit dem Hinterreifen gibt."

Laut Rosberg war das Rennen aus der Cockpit-Perspektive schwer zu lesen. "Ich wusste nicht, wie lange wir mit den Medium-Reifen fahren würden, und ich konnte auch nicht abschätzen, um wie viel schneller Sebastian mit den Supersoft-Reifen sein würde. Er ist mir dann nicht davon gefahren, weil er mit seinen Supersoft haushalten musste, um sie bis zu einer bestimmten Runde zu bringen. Ich konnte mit meinen harten Reifen mehr attackieren."

Rosberg warnt vor Ferrari

Für Rosberg begann die Saison nach Maß. Endlich hält er das Zepter in der Hand, und seine Gegner müssen kontern. Im letzten Jahr war er mit vier Niederlagen gegen Lewis Hamilton in die Saison gestartet. Der erste WM-Spitzenreiter freute sich, dass die jüngsten Regeländerungen den Fahrer wieder mehr in den Mittelpunkt rücken. Sei es der Start mit einem Kupplungshebel, die größere Reifenauswahl oder das partielle Funkverbot. "Es ist gut, dass wir Fahrer es wieder in der Hand haben und es mehr Variablen gibt."

Rosberg kam zwar nur als Dritter aus der ersten Runde zurück, doch sein Start war besser, als es den Anschein hatte. "Ich bin eigentlich gut weg gekommen, stand nur auf der falschen Spur." Auf Hamilton gewann Rosberg in der Anfangsphase der Beschleunigungsphase 4 Meter. Gegen Vettels Superstart dagegen war kein Kraut gewachsen. "Ich war schon spät auf der Bremse, aber Seb hat den Bremspunkt perfekt hingekriegt."

Da Rosberg weit nach außen abgetragen wurde, musste Hamilton vom Gas und verlor zwei weitere Positionen. Einige wollten bereits einen Stallkrieg der Mercedes-Fahrer heraufbeschwören, doch Hamilton nahm ihnen den Wind aus den Segeln. "Es war normal, dass Nico da etwas weit abgetragen wurde. Ich musste auf den Kunstrasen ausweichen und habe dabei Schwung verloren."

Kritischer war es, als Rosberg in der 16. Runde auf den Teamkollegen auflief, der noch nicht an der Box zum Reifenwechsel war. Vettel kam sofort an Hamilton vorbei. Rosberg musste sich anstellen und verlor 2 Sekunden. Teamchef Wolff stufte die Situation als nicht ideal ein: "Wir werden diese Situation noch einmal analysieren müssen. Wegen des Funkverbots waren wir uns nicht sicher, was wir den beiden in diesem Fall sagen durften. Deshalb war es für Lewis schwierig, die Situation zu überblicken."

Rosberg will in den ersten Saisonsieg nicht zu viel hineininterpretieren: "Ein guter Start in eine lange Saison. Wir haben immer noch das schnellste Auto im Feld, doch Ferrari ist im Rennen wirklich nah dran an uns. Wir werden auf sie aufpassen müssen."

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Empfehlungen aus dem Netzwerk