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Ross Brawn erklärt Mercedes-Stallregie

Beide Fahrer mit Spritproblemen

Mercedes Rosberg Hamilton GP Malaysia 2013 Foto: Wilhelm 66 Bilder

Neben Sebastian Vettels gebrochenem Nichtangriffspakt bei Red Bull war die Stallregie von Mercedes das zweite große Thema des GP Malaysia. Teamchef Ross Brawn erklärt exklusiv, was wirklich hinter dem Spritsparen und dem Befehl steckte, Lewis Hamilton vor Nico Rosberg ins Ziel zu bringen.

27.03.2013 Michael Schmidt

Zwei Szenen nach dem GP Malayasia. Lewis Hamilton wirkte nicht wie ein Rennfahrer, der sich über seinen dritten Platz freute. Immerhin war es das erste Podium für sein neues Team Mercedes. "Wenn ich ehrlich bin, dann sollte mein Teamkollege Nico hier oben stehen. Er hat sich die Reifen besser eingeteilt und war schneller als ich. Mein Rennen war davon geprägt, dass ich über einen sehr langen Zeitraum Sprit sparen musste. Ich konnte mit den Red Bull nicht mehr mithalten."

Nico Rosberg erklärte zwei Stunden nach Rennende seine Sicht der Dinge: "Ich hätte schneller als Lewis fahren können und musste nicht übermäßig Sprit sparen. Ob ich die Red Bull noch eingeholt hätte, weiß ich nicht." Teamchef Ross Brawn nahm seinen Fahrern die Entscheidung ab. In der 44. Runde erging der Befehl an beide: "Position halten". Rosberg war darüber nicht glücklich: "Ich akzeptiere die Entscheidung, auch wenn ich sie nicht einsehe." Hamilton stellte sich die rhetorische Frage: "Würde ich Nico in einer vergleichbaren Situation vorbeilassen? Wahrscheinlich würde ich es tun."

Beiden Fahrern wäre das Benzin ausgegangen

Zu diesem Zeitpunkt kannten beide Fahrer noch nicht die Hintergründe eines Rennens, das Ross Brawn zu seiner unpopulären Maßnahme zwang. Der einstige Meistermacher verteidigt sich gegen Vorwürfe von Niki Lauda und Toto Wolff, die Stallregie sei unglücklich verlaufen: "Hätte ich nicht gehandelt, wäre beiden Fahrern der Sprit ausgegangen."

Alles begann mit der Verbrauchskalkulation vor dem Grand Prix, die Mercedes erst in diese Zwangslage brachte. Brawn erklärt, wie es sein kann, dass man zwei Autos mit zu wenig Benzin auf die Reise schickt. "Kein Team fährt mit maximaler Spritmenge unter der Vorgabe der maximalen Motorleistung los. Es gibt eigentlich nie ein Rennen, in dem du jede Runde voll fahren musst. Irgendwann steckst du immer im Verkehr, oder es gibt ein Safety-Car. Alle diese Faktoren werden berücksichtigt, wenn die Spritmenge berechnet wird."

Hohe Zeitstrafe für Extra-Gewicht

Der Einwand, man solle doch einfach mehr Benzin einfüllen, ist laut Brawn eine Milchmädchenrechnung: "In Sepang kosten zehn Kilogramm Benzin fast vier Zehntel in der Rundenzeit. Wenn man den hohen Verschleiß der aktuellen Reifen mit einrechnet, ist es sogar mehr. Hätten wir zehn Kilogramm mehr Benzin in den Tank gefüllt, um unseren Fahrern Spielraum zu geben Tempo zu machen wann immer sie wollen, dann verlieren sie wegen des Gewichtsnachteils etwas mehr als zehn Sekunden über die gesamte Renndistanz. Die müssen sie erst einmal aufholen. Bei der Spritkalkulation gehen all diese Überlegungen ein, auch der Fahrstil der Piloten oder das Wetter."

Falsche Wetterprognose

Genau beim Wetter lag das Problem. Eigentlich hätte die nasse Phase zu Rennbeginn helfen müssen Sprit zu sparen, aber sie hat eher geschadet, wie Brawn erklärt: "Wir sind von einer längeren Regenphase ausgegangen. Als wir den Tank gefüllt haben, wurde noch eine längere Regenphase prognostiziert. Wir konnten also nicht mehr darauf reagieren, als sich herausstellte, dass die Bahn vielleicht früher abtrocknen würde. Das einzige, was wir hätten tun können, wäre gewesen die Zahl der Runden auf den Startplatz zu reduzieren. Lewis und Nico sind jeweils drei Runden gefahren, bevor sie ihre Autos auf dem Startplatz abgestellt haben. Sie wollten möglichst viel Informationen über die nasse Piste sammeln. Das kann man ihnen nicht verdenken."

Rennen war schneller als erwartet

Der Wetterumschwung war nicht der einzige Grund für die Fehlkalkulation. "Das Rennen war härter und schneller als wir das angenommen hatten. Dadurch lagen wir im Verbrauch höher als vorausberechnet." Schon früh warnten die Daten im Mercedes-Kontrollraum davor, dass es mit dem Benzin knapp werden konnte. Bei beiden Fahrern. In einer solchen Situation gibt es zwei Möglichkeiten, Benzin zu sparen.

"Entweder du fährst ein anderes Motorprogramm mit weniger Drehzahl und einem abgemagerten Gemisch, oder die Fahrer müssen ihren Fahrstil umstellen. Die Umstellung des Motorprogramms ist meistens die letzte Option. Besser ist es, wenn die Fahrer Einfluss nehmen. Weil du nicht nur Sprit sparst, sondern gleichzeitig Reifen schonst. Der Befehl dafür heißt bei uns "lift and coast". Die Fahrer müssen dann früher vor den Kurven vom Gas. Wie früh sie das tun, entscheiden sie selbst. Das hat natürlich Einfluss auf den individuellen Spareffekt."

Zweikampf der Mercedes-Fahrer erschwert Spareffekt

Als Hamilton und Rosberg von ihren Renningenieuren den "Lift and coast"-Befehl erhielten, waren sie gerade in ein internes Duell verstrickt, und das führte dazu, dass der Spareffekt nicht so stark ausfiel, wie sich das die Strategen an der Mercedes-Kommandobrücke erhofft hatten. "Spritsparen ist schwierig, wenn du in Zweikämpfe verwickelt bist oder einen Rückstand aufholen willst", erklärt Brawn.

"Im Fall von Lewis war es besonders schwierig. Er hatte Nico im Nacken und musste sich verteidigen. Da fällt es nicht so leicht, früh den Fuß vom Gas zu nehmen." Es war die Phase, in der Hamilton etwas mehr Benzin verbrauchte als Rosberg, der auch davon profitierte, dass er im Windschatten des anderen Mercedes lag und auf den beiden Geraden den Heckflügel flachstellen konnte. 

Machtwort in der 44. Runde

In der 44. Runde meldete sich Ross Brawn erstmals bei beiden Fahrern am Funk. "Lewis und Nico hatten schon die letzten zehn Runden von ihren Renningenieuren Kommandos bekommen, Sprit zu sparen. Das ist auf dem Funkkanal dokumentiert. In ihrem Zweikampf untereinander hat das aber nicht den gewünschten Effekt gebracht. Wären sie so weiter gefahren, hätte keiner von ihnen das Rennen beendet. Ich musste ein Machtwort sprechen."

Rosbergs Aussage nach dem Rennen aber vermittelte den Eindruck, dass es bei ihm mit dem Spritverbrauch nicht so kritisch gewesen wäre. Brawn widerspricht: "Ich weiß dass von außen der Eindruck entstand, dass nur Lewis dieses Problem hatte. Auch Nico wäre der Sprit ausgegangen, wäre er so weitergefahren wie die zehn Runden bevor der Befehl zum Platzhalten kam. In den letzten zehn Runden hatte es Nico dann etwas einfacher mit dem Spritverbrauch, weil er im Windschatten von Lewis lag und öfter DRS benutzen konnte. Hätten die beiden Plätze getauscht, hätte Lewis am Ende weniger Schwierigkeiten mit dem Verbrauch gehabt." Das erklärt Rosbergs Aussage, dass er nicht übermäßig Sprit sparen musste.

Führender Fahrer bekommt die bessere Strategie

Ab Runde 44 war klar, dass die beiden Mercedes-Fahrer die Red Bull nicht mehr einholen konnten. Trotzdem stellten sich viele die Frage, warum dann Mercedes nicht den schnelleren der beiden Fahrer belohnte und Rosberg auf Platz drei vorrücken ließ. Doch diese Maßnahme hätte laut Brawn das Problem nur verschärft: "Nico war vielleicht der Schnellere, aber er kam nicht an Lewis vorbei. Bis zur 44. Runde haben wir unsere Fahrer ja frei fahren lassen. Dann gibt es da eine Grundregel: Die Strategie bevorzugt immer den Fahrer, der vorne fährt. Das wissen die Fahrer. Wer also vorne fährt, bekommt bei unseren Boxenstopps das bestmögliche Timing. Das ist die fairste Regelung. In diesem Fall traf es Lewis."

"Nico hat Lewis zwar dann in dieser 44. Runde überholt, aber das war zufällig auch die Runde, in der ich den Befehl ausgab die Positionen zu halten. Ich habe mir Sorgen gemacht, dass dieses Spiel danach weitergeht. Dann hätte Lewis den Windschatten gehabt und hätte Nico gejagt. Der Eindruck, Nico hätte die Red Bull jagen können, sobald er an Lewis vorbeikommt, ist falsch. Nico hätte keine Chance gehabt, diese Lücke zu schließen, ohne dass ihm der Sprit ausgegangen wäre."

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