Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Ross Brawn im Interview

"Mit einem schnelleren Auto hätte Michael gewonnen"

Michael Schumacher Ross Brawn 2011 Foto: xpb 153 Bilder

Ross Brawn kennt Michael Schumacher aus drei Epochen. Der Zeit der ersten WM-Titel bei Benetton, der goldenen Ferrari-Ära mit fünf Weltmeisterschaften und der nicht so erfolgreichen Mercedes-Ära. Der Mercedes-Teamchef vergleicht für auto motor und sport den Schumacher von vorher mit nachher.

20.12.2012 Michael Schmidt
Wenn Sie die beiden Karrieren von Michael Schumacher vergleichen: Was erinnerte Sie an die erste, was war anders?

Brawn: Identisch waren sein Einsatz, seine professionelle Arbeitseinstellung, seine Fitness, sein Speed. Der größte Unterschied? Er war viel relaxter. Ich glaube der Erfolgsdruck bei Ferrari war ein anderer als der im zweiten Teil seiner Karriere. Dieser Druck war ja auch einer der Gründe, warum er 2006 zurückgetreten ist. Michael wollte diese Art Druck in seiner zweiten Karriere nicht mehr haben, und wir waren in der Lage, ihm diese Umgebung zu bieten. Wir haben ihm mehr Freizeit gegeben. Und er musste weniger testen. Wobei ihn das nie belastet hat. Wir hatten bei Ferrari nie ein Problem, ihn für Testfahrten einzuspannen. Eher das Gegenteil. Immer wenn wir ihn anriefen, fragte er nur: Wann und wo muss ich sein?

Glauben Sie nicht, dass Michael Schumacher die Testfahrten vermisst hat?

Brawn: Michael ist ein denkender Fahrer. Er hat in der Vergangenheit die Testfahrten dazu benutzt, das Auto und die Reifen besser zu verstehen. Und weil er vielleicht die Zusammenhänge schneller begreift als andere Fahrer, hat er von den Testfahrten mehr profitiert. 

War es ein Nachteil für Schumacher, dass er den Simulator nicht benutzen konnte, weil er darin seekrank wird?

Brawn: Es muss ein Nachteil sein. Je mehr wir Testfahrten einschränken, umso wichtiger wird der Simulator. Hier entwickelt sich das Reglement in eine Richtung, die Fahrer wie Michael benachteiligt. Er ist ja nicht der einzige Fahrer, der dieses Problem hat. Je mehr die Simulation von der Wirklichkeit abweicht, umso größer die Gefahr, dass einem Fahrer übel wird.

Es gab viele Comebacks von Rennfahrern. Meistens nach einem oder zwei Jahren Pause. Bei Michael Schumacher waren es drei. War diese Pause zu lang?

Brawn: Der Speed war sofort da. Aber es hat schon einige Zeit gedauert, bis Michael wieder in den Rennmodus gefunden hat. Da haben die Testbeschränkungen sicher nicht geholfen. Das größte Problem aber war, dass unser Auto nicht schnell genug war. Hätten wir ein schnelleres Auto gehabt, hätte Michael auch wieder Rennen gewonnen.

Sind die aktuellen Autos und Reifen nicht für Schumachers Fahrstil gebaut?

Brawn: So allgemein darf man das nicht sehen. Ja, die Reifen verlangen eine etwas vorsichtigere Fahrweise und ein gutes Gefühl dafür, sie in Schuss zu halten. Einmal die Grenze überschreiten, und der Reifen hat sich nie mehr erholt. Das ist schon ein bisschen wie Fahren auf rohen Eiern. Michael musste sich da umstellen. Es ist nicht mehr möglich 15, 20 Qualifikationsrunden am Stück zu fahren. Das halten die Reifen nicht aus. Es mag sein, dass diese Reifen seine Stärken nicht so hervortreten lassen wie früher. Aber Michael ist als Fahrer gut genug, sich da anzupassen. Unser Auto hat ihm aber nicht die Möglichkeit dazu gegeben. Weil es in Bezug auf die Reifen sehr enge Grenzen vorgeben hat. Es gab sicher Autos, mit denen war es einfacher, innerhalb der Grenzen zu fahren, die der Reifen verlangt hat.

War das Feedback heute noch so gut wie früher?

Brawn: Michaels Feedback hat nicht gelitten. Nur die Dosis wurde kleiner, weil sie sich im wesentlichen auf die 20 Rennwochenenden und die paar Testfahrten beschränkten. Früher gab es bei unbeschränkten Testfahrten mehr Gelegenheit, das Auto bis ins kleinste Detail kennenzulernen und das an die Ingenieure weiterzugeben. Michael war bis zum Schluss einer, der lange und viel mit den Ingenieuren zusammengearbeitet und Daten studiert hat. Selbst in den letzten Rennen nach seiner Rücktrittserklärung.

In den letzten drei Jahren war Schumacher der Meister der ersten Runde. Keiner hat da mehr überholt. Praktisch nie gab es Kleinholz. Warum hatte er später im Rennverlauf so viele Unfälle?

Brawn: Ich kann es nicht erklären. Keiner hat mehr Unterhaltung in den ersten Runden geboten als Michael. Da spielt sicher auch seine Erfahrung eine Rolle. Die Unfälle danach kann ich mir nur so erklären, dass seine Gegner in seiner zweiten Karriere weniger Respekt vor ihm hatten als die seiner ersten Laufbahn. Seine Rivalen kamen auch meistens aus dem Mittelfeld. Die waren schwerer einzuschätzen. Ich bin überzeugt, dass Michaels Unfallbilanz viel besser ausgesehen hätte, wäre er regelmäßig mit Leuten wie Alonso, Hamilton oder Vettel im Clinch gelegen. Auf dieser Ebene herrscht ein ganz anderes gegenseitiges Vertrauen.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden