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Ross Brawn verlässt Mercedes

Superhirn geht erstmal fischen

Ross Brawn - Mercedes - 2013 Foto: Mercedes 51 Bilder

Ross Brawn verlässt Mercedes. Der 59-jährige Engländer zog damit auch die Konsequenz aus einer Konstellation mit zu vielen Chefs in dem Rennstall. Seine Rolle werden sich Toto Wolff und Paddy Lowe aufteilen. Brawn geht erst einmal fischen und sondiert den Markt.

28.11.2013 Michael Schmidt

Mercedes feiert seine Vize-Weltmeisterschaft, doch es sind auch ein paar Töne in Moll dabei. Der langjährige Teamchef Ross Brawn verlässt den Rennstall nach dem bislang größten Erfolg. Am Mittwoch (27.11.2013) hielt der Engländer in der Fabrik in Brackley vor der ganzen Mannschaft seine Abschiedsrede - in einer positiven Atmosphäre wie Anwesende berichteten.

Noch bis zum 31. Dezember ist Brawn offiziell bei Mercedes angestellt. Er habe der kommenden Teamleitung allerdings zugesichert, dass er auch darüber hinaus noch beratend zur Seite stehen wird, falls noch Ratschläge gebraucht werden.

"In der Saison 2014 beginnt in der Formel 1 eine neue Ära und deshalb kamen wir gemeinsam zu dem Schluss, dass dies der richtige Zeitpunkt ist, um gleichzeitig eine neue Ära in der Führung des Teams zu beginnen und damit sicherzustellen, dass es auch in den kommenden Jahren in der bestmöglichen Wettbewerbs-Position ist", erklärte Ross Brawn zu seinem Abschied.

Der 59-jährige Engländer war erst 2008 als Rennleiter von Honda in Brackley eingezogen. Als Honda zusperrte, hielt er den Rennstall auf eigenes Risiko am Leben, gut ausgestattet mit einem Bankguthaben von 85 Millionen Euro als Notgroschen für das Team.

Das Superhirn schaffte 2009 das Unmögliche. Der Privatrennstall wurde in seinem ersten Jahr mit Jenson Button Fahrer-Weltmeister und gewann obendrein auch noch den Konstrukteurs-Titel. Ende 2009 verkaufte Brawn das Team an Mercedes, blieb aber Teamchef.

Brawn formte neues Spitzenteam

Die ersten drei Jahre dümpelte Mercedes in einer eigenen Liga zwischen den Top-Teams und dem Mittelfeld herum. Rang 4 wurde zum Stammplatz. Brawn holte immer neue Leute an Bord, platzierte sie an den richtigen Stellen und hatte Anfang 2012 eine schlagkräftige Mannschaft unter einem Dach. Der Erfolg sollte noch ein Jahr warten.

Insgesamt holte der Rennstall in Brackley unter der Ägide Brawns seit 2008 1.067 WM-Punkte. Jenson Button, Rubens Barrichello, Nico Rosberg, Lewis Hamilton und Michael Schumacher fuhren neben den beiden Titeln im Jahr 2009 auch noch 12 Siege und 8 Pole Positions ein.

"Wir können nicht nur auf unsere Erfolge auf der Rennstrecke stolz sein, sondern auch auf die Organisation, die wir in Brackley aufgebaut haben. Ich habe mit diesem Team in seinen verschiedenen Erscheinungsformen in den vergangenen sechs Saisons einige der unvergesslichsten Momente meiner Karriere erlebt. Unser zweiter Platz in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft in diesem Jahr ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum Titelgewinn", so Brawn.

Der Aufstieg des Teams ist auch sein Erfolg. Trotzdem stellte ihm Mercedes mit Niki Lauda vor der vergangenen Saison einen Aufpasser zur Seite. Der Österreicher köderte im Doppelpassspiel mit Brawn Lewis Hamilton von McLaren und kittete das angeschlagene Verhältnis zwischen dem Formel 1-Management und der Konzernspitze.

Lauda nickte zudem seinen Landsmann Toto Wolff als Brawns neuen Partner im Chefbüro ab. Brawn sollte sich um die technischen und sportlichen Belange kümmern, Wolff um die kommerziellen. Anfang 2013 trat mit dem ehemaligen McLaren-Technikchef Paddy Lowe eine dritte Person auf den Plan. Als Ersatz für Brawn, dessen Vertrag Ende diesen Jahres ausläuft.

Brawn verlässt Mercedes trotz Erfolg

Eine Zeitlang hatte es den Anschein, als wolle Brawn weitermachen. Er sah, wie sein Werk endlich Früchte trug. Er spürte aber auch, dass drei Chefs mindestens einer zu viel sind. Sein Credo war immer: "Es kann nur einen geben, der die wichtigen Entscheidungen trifft."

Und er glaubte an langfristige Planung im Motorsport: "Nichts passiert über Nacht. Du kannst nicht Leute anstellen und darauf hoffen, dass sie gleich zusammenarbeiten. Du darfst bei Fehlern nicht mit dem Finger auf die Schuldigen zeigen, sondern die Ursache der Fehler abstellen. Oft sind die Prozesse schuld, die es Menschen erlauben, Fehler zu machen."

Brawn weiß, wovon er spricht. Der gelernte Atomingenieur fing 1976 in der Fabrikation bei Williams an. Er arbeitete für Haas-Lola, TWR, Arrows, Benetton und Ferrari. Im Zusammenspiel mit Michael Schumacher feierte er in Maranello sieben WM-Titel.

Lauda konnte Brawn nicht mehr umstimmen

Niki Lauda stellte auf seinem Beobachtungsposten fest, dass dieser Ross Brawn doch nicht so amtsmüde war, wie er nach den drei schweren Jahren mit Mercedes oft hingestellt wurde. Als der gewiefte Taktiker Mercedes in der Reifenaffäre vor dem FIA-Schiedsgericht mit seiner Bierruhe raus paukte, da wusste Lauda, was er an seinem Chefdenker hatte. "Davor, wie der Ross das gemanagt hat, ziehe ich mein Kapperl", hat Lauda einmal gesagt.

Den Abschied bedauert der dreifache Weltmeister: "Zunächst, und das ist das Allerwichtigste, müssen wir uns bei Ross sehr herzlich bedanken. Uns ist in diesem Jahr der Sprung vom fünften Gesamtrang 2012 auf den zweiten Platz in dieser Saison gelungen und Ross war der Architekt dieses Erfolges. Er hat seit Anfang 2011 die Grundlagen gelegt, um Schlüsselpersonen zu verpflichten und die Leistung in dieser Saison zeigt, dass das Team auf dem richtigen Weg ist."

Auch Daimler-Boss Dieter Zetsche fand zum Abschied nette Worte: "Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich persönlich bei Ross für seine ruhige, souveräne Art, mit der er unser Werksteam seit 2010 geleitet hat, seinen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung unseres Teams sowie seinen unbestrittenen Anteil, den er an unseren zukünftigen Erfolgen haben wird, zu bedanken. Es war mir ein Vergnügen, mit ihm in den vergangenen vier Jahren zusammen gearbeitet zu haben und ich wünsche ihm für seine Zukunft alles erdenklich Gute."

Alle Versuche, Brawn vom Mercedes-Abschied abzubringen, schlugen fehl, wie Lauda nun offiziell bestätigte. "Wir haben lange Gespräche mit Ross geführt, um einen Weg zu finden, wie er weiter mit dem Team arbeiten könnte, aber es ist klar, dass man jemanden nicht aufhalten kann, wenn er sich dazu entschlossen hat, zu gehen. Ross hat beschlossen, dass dies der richtige Zeitpunkt ist, um die Führung an Toto und Paddy zu übergeben und wir respektieren seine Entscheidung."

Die Struktur der beiden neuen Männer an der Spitze war zudem schon fest eingeplant. Toto Wolff und Paddy Lowe werden Mercedes als neue Doppelspitze in die Saison 2014 führen - Wolff ist für das Geschäftliche verantwortlich, Lowe für die technische Seite.

"Wir haben im Laufe dieses Jahres einen Prozess zur Nachfolgeplanung entwickelt, für dessen Umsetzung wir nun bereit sind. Jetzt kann ein neues Führungsteam, bestehend aus Toto und Paddy, die derzeit noch von mir vertretenen Verantwortungsbereiche übernehmen", blickt Brawn zuversichtlich auf seine Nachfolgeregelung.

Nach dem zweiten WM-Platz in diesem Jahr gibt es kaum noch Steigerungsmöglichkeiten. Vor beiden steht das wahrscheinlich schwierigste Jahr der Formel 1 überhaupt. Vorhersagen sind praktisch unmöglich. Wenn man so will hat auch Red Bull eine Doppelspitze. Nur anders komponiert. Helmut Marko bestimmt in Abstimmung mit Firmengründer Dietrich Mateschitz die große Linie, Christian Horner das Tagesgeschäft.

Ross Brawn wird zunächst einmal entspannen und fischen gehen und dann schauen, was der Markt ihm zu bieten hat. So, wie er das schon einmal getan hat, nach seinem Abschied von Ferrari zu Saisonende 2006. "Ich bin keiner, der zwei Schritte auf einmal macht. Erst wird der eine beendet, dann der andere begonnen", sagt der vorübergehender Formel 1-Rentner. Dazwischen liegt immer eine Sondierungsphase.

McLaren, Honda, Ferrari oder FIA?

Die Gerüchteküche bietet Brawn bereits viele neue Jobs an. Zum Beispiel als neuer Chefstratege von McLaren-Honda. Teamchef Martin Whitmarsh räumt ein, mit Brawn über eine mögliche Zusammenarbeit einmal geredet zu haben, der aber habe ihm geantwortet, dass er erst einmal zur Ruhe kommen wolle.

Beim GP Brasilien wurde Brawn als neuer Ferrari-Teamchef verkauft. Kein abwegiger Gedanke, er war ja schon von 1997 bis 2006 in Maranello. Stefano Domenicali winkt ab: "Die üblichen Spekulationen in dieser Zeit."

Trotzdem legen er und Whitmarsh seit geraumer Zeit ziemlich viel Aktionismus an den Tag. Domenicali verpflichtete Kimi Räikkönen und die Lotus-Ingenieure James Allison und Dirk de Beer. Whitmarsh warb Red Bulls Aerodynamik-Hirne Peter Prodromou und Dan Fallows ab, und hat immer noch Fernando Alonso im Visier. Für den Fall, dass der Spanier Ferrari doch noch verlässt. In der Zwischenzeit nimmt Kevin Magnussen den McLaren-Platz von Sergio Perez ein. Whitmarsh hofft, "dass sich die Hamilton-Story wiederholt."

Vielleicht kommt es ja ganz anders. Manche sagen, Brawn könnte im Auftrag von Jean Todt auch eine Aufgabe bei der FIA übernehmen. Als Sanierer der Formel 1 und Gegenpart zu Bernie Ecclestone.

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