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Schlechtes Timing in Montreal

Wie kam Ricciardo vor Vettel?

Ricciardo & Vettel - GP Kanada 2014 Foto: Red Bull 34 Bilder

Mercedes hat in Montreal geschwächelt. Es war die goldene Chance für die Konkurrenz, in diesem Jahr doch noch einen Grand Prix zu gewinnen. Doch nicht Sebastian Vettel staubte den Sieg ab, sondern sein Teamkollege Daniel Ricciardo. Der Australier bereitet dem Weltmeister mehr Kopfzerbrechen als erwartet.

12.06.2014 Michael Schmidt

Es wird für die Konkurrenz von Mercedes in diesem Jahr nicht mehr viele Chancen geben einen Grand Prix zu gewinnen. Dass gleich beide Silberpfeile von einem technischen Problem befallen werden, ist statistisch eher unwahrscheinlich. Ohne die MGU-K Misere hätten Nico Rosberg und Lewis Hamilton den sechsten Doppelsieg im siebten Rennen gefeiert. Ihr Vorsprung vor dem Streik der Elektromotoren betrug knapp 25 Sekunden. Nach halber Renndistanz. Das zeigt die Überlegenheit des Pakets.

Für Red Bull, Ferrari und die Mercedes-Kunden gibt es deshalb vorerst nur ein Ziel. Zur Stelle sein, wenn der Mercedes-Express mal in Schwierigkeiten steckt. Red Bull hat die Aufgabe mit Bravour erledigt. Das Erfolgsteam der letzten Jahre hat die Chance genutzt. Ferrari, Williams und Force India müssen sich fragen, warum sie diese Chance verschlafen haben. Doch bei Red Bull hat nicht der gewonnen, von dem man es erwartet hat. Sebastian Vettel muss weiter auf seinen 40. GP-Sieg warten. Daniel Ricciardo hat ihm die Show gestohlen. Vettel war anzumerken, dass ihn die verpasste Chance ärgerte.

Vettel verliert 1,6 Sekunden in zwei Runden

Der Blick zurück zeigt warum. Vettel wurde nicht auf der Strecke von Ricciardo überholt, sondern quasi in der Box. Deshalb übte der Weltmeister auch Kritik am Timing seines Boxenstopps. Frage an das Team: "Meine Reifen waren noch in Ordnung. Warum habt ihr mich so früh reingeholt?" Antwort: "Wir hatten Angst, dass uns die Williams überholen, wenn wir zu lange draußenbleiben." Die Entscheidung fiel in den Runden 36, 37 und 38. An den Boxenstopps selbst lag es nicht. Ricciardos Boxenzeit war nur um 0,066 Sekunden schneller als die seines Stallrivalen.

Vettel verlor im Vergleich zu Ricciardo bei der Runde vor dem Boxenstopp und der Runde danach. In Summe 1,654 Sekunden. Das reichte für einen Platztausch. Zunächst konnte sich Vettel nicht so recht erklären, wo die Zeit liegen geblieben war. Die genaue Analyse brachte das Ergebnis. In seiner so genannten IN-Lap, also die Runde vor dem Boxenstopp, hing er hinter Nico Hülkenberg fest. Der Force India bestimmte das Tempo der beiden Red Bull, wobei Ricciardo 1,2 Sekunden Abstand hatte, weil er zuvor von Valtteri Bottas aufgehalten worden war.

In der nächsten Runde, in der Vettel an der Box stand, hatte Ricciardo genug Luft um in den Kurven zu Hülkenberg aufzuschließen und dann vom DRS-Vorteil auf der langen Geraden zu profitieren. Laut Vettel blieb bei ihm auch noch etwas Zeit in der Boxeneinfahrt liegen. Das ergibt für die IN-Lap einen Vorteil von 0,896 Sekunden für den Australier. Wie sehr Hülkenberg das Boxen-Duell der beiden Red Bull-Piloten bestimmte, zeigt der Vergleich der Zeiten der jeweils letzten freien Runden hinter dem Force India. Vettel fuhr 1:20.361 Minuten, Ricciardo dagegen 1:19.412 Minuten.

Aber warum verlor Vettel auch bei der OUT-Lap, der Runde nach dem Boxenstopp? Der Weltmeister sortierte sich genau zwischen Valtteri Bottas und Kimi Räikkönen ein. Dummerweise fehlten ihm auf Bottas 1,6 Sekunden. Er kam auf der langen Geraden also nicht in den DRS-Bereich. Das kostete laut Telemetrie acht Zehntel. Ricciardo konnte sich wie bereits erklärt in dieser Runde von Hülkenberg ziehen lassen. Was schließlich einen Unterschied von 0,758 Sekunden zugunsten des Red Bull mit der Startnummer 3 für die OUT-Lap ausmachte.

Red Bull RB10 kein Auto für Vettel

Ricciardo ist für Vettel eine härtere Nuss als erwartet. Der ehemalige Toro Rosso-Fahrer fand sich im Red Bull ohne Anpassungsschwierigkeiten zurecht. Er profitiert dabei von einem Auto, das mit einer Ausnahme extrem gutmütig ist. Und die betrifft das Einlenken, also genau jenen Bereich, in dem Vettel in der Vergangenheit immer seine Zeit auf Mark Webber gut gemacht hat. Es hat sich zwar nach dem Chassis-Wechsel gebessert, ist aber immer noch da. Was daran liegt, dass es Renault bis jetzt noch nicht geschafft hat, den Zwischengas-Einsatz beim Runterschalten präzise hinzubekommen. Das führt zu harschen Gangwechseln und zu Unruhe im Heck.

Im letzten Jahr klebte die Hinterachse wie angeschraubt auf der Straße, wenn die Red Bull-Piloten ihr Auto in die Kurven geworfen haben. "Mit jedem anderen Auto hättest du dich gedreht, wenn du so wie Sebastian eingelenkt hättest", erinnert sich Hülkenberg an das letzte Jahr. Schlaue Schaltstrategien und eine darauf adaptierte Motorabstimmung sorgten dafür, dass der Auspuff auch beim Runterschalten und Gaswegnehmen genügend Power lieferte, um den Diffusor abzudichten und für Abtrieb im Heck zu sorgen.

Vettels Stärke lag darin, dass er sein Auto in den letzten Jahren exakt auf seinen Fahrstil hintrimmen konnte. Das ist nur noch bedingt möglich, weil bei den neuen Antriebseinheiten der Computer bestimmt, wie sich die Bremskraft verteilt, wie geladen wird, wann die Elektrokraft einsetzt. Die Möglichkeiten des Feintunings vom Cockpit aus sind beschränkt.

Kein Muster, wo Ricciardo schneller ist

Für Vettel war das neue Fahrverhalten ein Rückschritt. Für Ricciardo um Welten besser, als das was er gewohnt war. Vettel musste seine Instinkte neu kalibrieren. Das dauerte. Das Training in Montreal hat gezeigt, dass er auf einem guten Weg dazu ist. Es war erst das zweite, bei dem ihm die Technik keinen Streich spielte. Trotzdem war es harte Arbeit, Ricciardo in letzter Minute noch zu schlagen. Was zeigt, wie stark der Australier fährt.

Vettel muss beißen. Bei Durchsicht der Telemetriedaten lässt sich kein Muster erkennen, wo Red Bulls Neuzugang schneller oder langsamer ist. "Es ergibt sich kein klares Bild. Bei Mark war es einfacher. Der war saustark in schnellen Kurven", erzählt Vettel.

Für Ricciardo ist nach sieben Rennen ein Stück Routine eingekehrt. Er weiß jetzt, dass er Vettel schlagen kann. Deshalb nimmt er es auch nicht mehr so locker hin, wenn er von ihm geschlagen wird. Es waren nur 0,041 Sekunden, und doch reicht dieser Wimpernschlag aus, dem Strahlemann aus Perth kurz die Laune zu verderben. Ricciardos Dauerlachen fror kurz ein, als ihn Vettel mit einer Chaosrunde und dem goldenen Eingriff am Frontflügel in die Knie zwang.

Es wäre so schön gewesen, den Vierfach-Weltmeister ein sechstes Mal im Training zu schlagen. Schon aus psychologischer Sicht. Ricciardo begab sich umgehend auf Fehlersuche: "Ich habe die Reifen zu wenig aggressiv angefahren und war in meiner Runde zu gierig. Den Rückstand, den ich mir im ersten Sektor eingefangen habe, wollte ich unbedingt wettmachen. Und wurde dabei langsamer." Und dann zeigte der neue WM-Dritte, was ihn so stark macht. Der Ärger hielt nur zehn Minuten an. Er frisst Ärger nicht in sich hinein. "Ich habe mir gesagt. Vergiss es, morgen ist auch noch ein Tag." Es wurde sein Tag.

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