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Schmidts Formel 1-Blog

100 Euro fürs Licht anschalten

Marussia GP Belgien 2012 Foto: xpb 20 Bilder

Formel 1-Experte Michael Schmidt kritisiert in seinem aktuellen Blog, dass die Hersteller bei der Entwicklung der neuen Motoren viel zu viel Geld ausgeben, Cosworth aus dem Markt drängen und - wie im Fall Renault - kein Interesse an der Belieferung der Hinterbänkler haben.

10.10.2012 Michael Schmidt

Auf Marussia und HRT kommt bald ein Problem zu. Sie stehen 2014 ohne Motor da. Ihr augenblicklicher Lieferant Cosworth hat jüngsten Meldungen zufolge keinen V6-Turbo parat. Also müssten Renault, Ferrari oder Mercedes einspringen. Wie Renault Sport-Geschäftsführer Jean-Francois Caubet gegenüber der Internet-Plattform Motorsport-Total.com erklärte, haben die Franzosen aber kein großes Interesse, die beiden Hinterbänkler-Teams zu retten.

Der Renault-Mann wird wie folgt zitert: "Unsere Kosten für die Motoren bleiben gleich, aber man hat wenig Nutzen, was das Image angeht. Normalerweise rechnen wir Werbung für Renault, Marketing und Image auch in unsere Preisberechnung ein. Wenn du aber die hinteren Teams belieferst, hast du außer dem Preis keinen Nutzen. Es macht keinen Sinn für Renault, ein kleines Team zu finanzieren. Das haben wir Jean Todt und Bernie Ecclestone auch erklärt."

HRT und Marussia nicht schlecht reden

Wie bitte? Diese Aussage ist doch an Dummheit nicht zu überbieten, und sie schadet dem Sport. Hat sich Herr Caubet in letzter Zeit mal die Startaufstellung und das Rennergebnis angesehen? Es wäre ihm zu empfehlen. Dann würde er vielleicht feststellen, dass Marussia und Renault-Kunde Caterham im Training nur noch zwischen zwei und sechs Zehntel auseinanderliegen, im Rennen weniger. Wenn man jetzt mit einrechnet, dass der Renault-Motor wegen der besseren Fahrbarkeit mindestens für eine halbe Sekunde gut ist und Marussia ohne KERS fährt, dann liegen beide Teams auf einem Niveau. Warum gibt Renault dann Motoren an Caterham? Da ist der Image-Nutzen folgerichtig auch nicht größer.

Auch HRT tut Herr Caubet Unrecht. Pedro de la Rosa fehlten in Suzuka in der ersten Runde der Qualifikation 3,3 Sekunden auf die Bestzeit. Suzuka zählt zu den selektivsten Strecken im Kalender. Der HRT-Pilot lag um 3,5 Prozent über der besten Zeit in einem vergleichbaren Qualifikationssegment. Das soll schlecht sein? HRT gibt fünf Mal weniger Geld als Red Bull aus. Da arbeiten 80 Leute, bei Red Bull über 500. Herr Caubet sollte mal eine Startaufstellung aus der Zeit studieren, in der Renault in die Formel 1 eingestiegen ist. In den 70er Jahren haben den Ersten vom Letzten in der Startaufstellung sechs Sekunden und mehr getrennt. So gesehen ist HRT verdammt gut.

Ich kann verstehen, wenn Renault eine Belieferung von Marussia und HRT ablehnen würde, weil man bereits vier Teams ausrüstet, Mercedes und Ferrari dagegen jeweils nur drei. So sollte man es aber auch sagen, statt die Teams im Tabellenkeller schlechter zu reden als sie sind. Die Arrivierten in der Formel 1 vergessen in ihrer Großkotzigkeit immer, dass es ihnen nichts nützt, wenn man die Kleinen aus dem Sport verbannt. Dann wird nämlich automatisch einer der Arrivierten zum Schlusslicht.

Formel 1 von drei Motorenherstellern abhängig

Jean-Francois Caubets Spruch zeigt genau das Problem auf, in das sich die Formel 1 manövriert. Die Formel 1 ist von drei Herstellern abhängig. Cosworth war eine Lebensversicherung. Die FIA hätte nie zulassen dürfen, dass der letzte private Hersteller aus der Formel 1 wegen hoher Kosten vertrieben wird.
 
Als das neue Motorenreglement ausgerufen wurde, hätte die FIA Cosworth fragen müssen, zu welchem Preis man einen solchen Motor hätte kostendeckend bauen kann. Ich kann mich erinnern, dass Cosworth seinerzeit von 30 Millionen Euro gesprochen hat. Genau diese Summe hätte der Weltverband als Kostenobergrenze für die Entwicklung aufrufen müssen. Dann wäre auch noch Cosworth im Geschäft. Dann hätte das Projekt von Pure vielleicht Geldgeber gefunden.

Entwicklung kostet dreistellige Millionensumme

Inzwischen haben die drei Hersteller schon jeweils mehr als 90 Millionen Euro in die Entwicklung des V6-Turbo investiert. Völlig überzogen, meint Mario Illien. Der Schweizer stand in der IndyCar-Serie vor einer ähnlichen Aufgabe. Auch dort wurde letzten Winter das Motorenformat geändert. Vom 3,5 Liter V8 Saugmotor zum 2,4 Liter V6-Turbo mit Direkteinspritzung. Nur der Hybridantrieb fehlt.

Auch die IndyCar-Teams müssen mit ihren Motoren haushalten. Fünf Triebwerke pro Fahrer pro Saison. Wie künftig in der Formel 1. Der Motorenservice kostet die Teams 650.000 Dollar pro Fahrer. In der Formel 1 wird die Leasinggebühr für ein Auto wahrscheinlich das Zehnfache übersteigen.

Illien hat von einem weißen Blatt Papier bis zur Auslieferung der ersten Motoren 20 Millionen Euro ausgegeben. Warum können das die Automobilhersteller nicht? "Weil es bei denen schon 100 Euro kostet, wenn sie nur das Licht einschalten", antwortet der Schweizer Motorenpapst. "Hersteller arbeiten völlig ineffizient. Es ginge mit viel weniger Aufwand gleich gut. Das Problem ist, dass der eine Hersteller vom anderen glaubt, er hätte noch etwas Besseres gefunden. Deshalb wird alles bis ins letzte Detail entwickelt. Das geht ins Geld. Der Fan hat gar nichts davon, weil er den Unterschied nicht sieht."

Die FIA hat der Formel 1 das neue Motorenreglement eingebrockt, mit der Folge, dass nur noch die Autokonzerne überleben konnten. Es wäre jetzt an der Zeit für Präsident Jean Todt, endlich einmal Stellung zu beziehen. So ein Statement wie das von Jean-Francois Caubet darf von seiner Seite aus nicht unbeantwortet bleiben. Weil es schlecht für den Sport ist.

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