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Schmidts F1-Blog

Der Anfang vom Ende

Daniel Ricciardo - GP Australien 2015 Foto: xpb 61 Bilder

Red Bull schreit nach neuen Regeln. Oder wenigstens einem Handikap für die Gewinner. Andernfalls droht man mit Ausstieg. Schlechte Verlierer, schimpfen die Kritiker. Der Anfang vom Ende, meint Michael Schmidt. Weil die Formel 1 ein Geschäftsmodell ist, das Verlieren nicht mehr erträgt.

19.03.2015 Michael Schmidt

Ich hatte zu Beginn des Melbourne-Wochenendes eine lange Diskussion mit Mercedes-Teamchef Toto Wolff und Niki Lauda. Es ging um das schlechte Bild, das die Formel 1 derzeit abgibt. Zuerst kam die Sprache auf die von der Finanznot betroffenen Teams, die mittlerweile fast das halbe Feld ausmachen. Wir haben uns darüber gestritten, ob daran die Königsklasse des Motorsports zugrunde geht. Weil es vielleicht bald zu wenig Teams gibt.

Gefahr droht von Red Bull, Ferrari und McLaren

Ich bin der Meinung, dass die Gefahr von der anderen Seite droht. Von denen, die mit genug Geld um Siege fahren. Oder sagen wir besser: Um Siege fahren wollen. Gemeint sind Red Bull, Ferrari und McLaren-Honda. Noch bevor die Kleinen sterben, werden sich die Großen zerfleischen. Meine Prophezeiung war, dass dies spätestens zu Mitte der Saison passieren wird, wenn Red Bull und Ferrari merken, dass sie auch die Aero-Upgrades und Motoren-Token nicht näher an Mercedes heranbringen. Und wenn McLaren-Honda begreift, dass man in diesem Jahr vielleicht von Sauber und Toro Rosso geschlagen wird.

Ich muss zugeben, dass ich falsch lag. Wir müssen nicht bis zu Saisonmitte warten. Wir sind schon mitten drin. Red Bull droht bereits jetzt mit Ausstieg, will die Regeln ändern oder wenigstens einen Gleichstellungs-Mechanismus beim Motor. Helmut Marko und Christian Horner bekamen prompt die Quittung dafür. Red Bull muss sich jetzt anhören, ein schlechter Verlierer zu sein. Nur weil man nicht mehr gewinnt, will man nicht mehr mitspielen.

Müssen wir uns darüber wundern? Eigentlich nicht. Als Red Bull vier Mal in Folge Weltmeister wurde, hat Ferrari-Boss Luca di Montezemolo den Regelhütern gedroht. Er wollte das Diktat der Aerodynamik brechen. Plakativer Spruch: „Ferrari baut Autos, keine Flugzeuge.“ Red Bull macht es jetzt umgekehrt. Will den Motor kastrieren und dafür wieder mehr Freiheiten bei der Aerodynamik. Ferrari hält im Moment die Füße still, weil man noch auf der Wolke des Aufschwungs schwebt. Mal abwarten, was passiert, wenn Maranello feststellt, dass es vielleicht noch zwei Jahre dauert, bis der Vorsprung von Mercedes eingeholt ist. McLaren braucht vielleicht sogar drei. Wenn es je dazu kommt.

Katastrophale Außenwirkung für Renault und Honda

Doch so lange kann keiner mehr warten. Das Verlieren ist unerträglich teuer geworden. Und keiner will sich über einen so langen Zeitraum anhören, dass ihm die Kompetenz zum Gewinnen fehlt. Die Krux mit der Hybridformel ist, dass hier der Motorenhersteller mehr denn je auf dem Präsentierteller steht. Die Autokonzerne haben nachhaltige Technik gefordert, jetzt zerbrechen sie daran.

Ein technischer Rückstand ist nicht mehr so einfach aufzuholen, weil die Technologie zu kompliziert geworden ist. Es geht nicht nur um 20 oder 30 PS hin oder her. Es geht um ein höchst komplexes Energiemanagement, bei dem viel mehr Fehlerquellen lauern als bei einem V8 oder V10. Für Renault oder Honda ist die Außenwirkung deshalb katastrophal.

Red Bull ist zwar kein Automobilhersteller, sieht aber trotzdem sein Image beschädigt. Die schöne Story vom wundersamen Aufstieg eines Privatteams zum Seriensieger findet kein Happy End. Wer zu viel gewinnt, kann nicht mehr verlieren. Das war auch bei Ferrari so. Maranello hat auch geglaubt, sie hätten GP-Siege und WM-Titel gepachtet. Mercedes sagt jetzt, dass man die vier WM-Titel von Red Bull ohne Klagen ertragen habe. Das stimmt. Aber wie wäre es, wenn die Siegesserie plötzlich abreißt und ein anderer dem Rest des Feldes davon fährt? Dann würden auch bei Mercedes intern Fragen laut, ob sich der ganze Aufwand noch lohnt.

Spaß hört mit hohen Budgets auf

Die Dominanz von Mercedes ist kein Argument gegen die Formel 1. Das muss ein Sport ertragen können. Ich sage nur Fußball-Bundesliga und Bayern München. Die gleichen Leute, die sich jetzt aufregen, haben 2001, 2002 und 2004 Michael Schumacher zugejubelt, als er kurz nach Halbzeit der Saison schon Weltmeister wurde. Das Problem ist heute nicht das Publikum. Es sind die Teilnehmer selbst. Sie können nicht mehr akzeptieren, dass einer vorne wegfährt.

Als die Silberpfeile in den 50er Jahren alle Pokale abräumten, Lotus in den 60ern, McLaren in den 80ern und Williams in den 90ern, da nahm es die Konkurrenz sportlich. Man hat einfach ersucht, im nächsten Jahr ein besseres Auto oder einen besseren Motor zu bauen. Seit die Budgets über die 150 Millionen-Dollar Grenze geklettert sind, hört der Spaß auf. Mit Ferraris Siegesserie zwischen 2000 und 2004 hat es begonnen. Damals gab es immer wieder Versuche, die Dominanz mit Regeländerungen zu brechen. Was 2005 dann tatsächlich gelungen ist. Von einem Jahr aufs andere wurde Reifenwechsel plötzlich verboten. Damit kam Ferraris Reifenpartner Bridgestone nicht klar.

Was meinen Sie: Ist die Überlegenheit der Mercedes geschäftsschädigend, oder muss das die Formel 1 aushalten? Soll die Technik wieder einfacher werden, damit mehr Motorenhersteller und Teams die Chance haben zu gewinnen? Schreiben Sie uns.

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