Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Formel 1-Blog von Michael Schmidt

Drittes Auto ist eine dumme Idee

Massa & Alonso Foto: xpb 25 Bilder

In seinem aktuellen Blog kritisiert F1-Experte Michael Schmidt den Ruf von Ferrari und Red Bull nach einem dritten Auto. Für mehr Spannung und Chancengleichheit sollte die FIA seiner Meinung nach endlich eine moderate Budgetobergrenze einführen.

03.11.2011 Michael Schmidt

Am Donnerstag (3.11.) trifft sich in Genf die Formel 1-Kommission. Es wird über die Zukunft der Formel 1 gesprochen, und wie man sie noch besser machen kann. Ferrari meint mit einem dritten Auto. Red Bull favorisiert den Einsatz von Kundenfahrzeugen. Manche kritisieren, dass Force India, Virgin und Toro Rosso das bereits sind, weil zu viel Hilfe von außen einfließt.

Ich weiß: Das dritte Auto ist mein Reizthema. Weil es die dümmste Idee ist, die sich leider nur schwer aus den Köpfen mancher Formel 1-Macher vertreiben lässt. Bevor wir über Ferraris schlecht durchdachten Plan im Detail sprechen, muss man sich erst einmal an den Kopf fassen. Wir erleben gerade eine Formel 1-Saison mit spannenden Rennen, und die Formel 1 schreit nach Änderung. Die Beteiligten haben ein Talent dafür, einen Sport, der gut ist, ohne Grund schlecht zu reden.

Man könnte jetzt sagen, dass Sebastian Vettel viel zu früh Weltmeister geworden ist und den letzten Rennen der WM die Würze fehlt. Aber war das in den Jahren 2001, 2002 und 2004 mit Michael Schumacher nicht auch schon der Fall? Und hat sich Ferrari damals beschwert? Der Vettel-Durchmarsch wäre auch mit einem dritten Auto pro Team passiert. Wäre Kimi Räikkönen oder Daniel Ricciardo einen dritten Red Bull gefahren, hätte es für den Rest noch weniger zu holen gegeben.

Kleine Teams ohne Aufstiegschance

Ferrari und Red Bull prangern den großen Abstand der Neulinge Lotus, Virgin und Hispania an, der nach zwei Jahren Dazugehörigkeit immer noch zwischen vier und sechs Sekunden schwankt. Das Problem liegt im System. In den fetten Jahren hat die Formel 1 ein Monster geschaffen, das keinem neuen Team mehr eine Chance gibt, außer es handelt sich um einen Hersteller, der gleich mal 300 Millionen im Jahr in die Schlacht wirft. Und selbst dann ist Erfolg nicht garantiert. Siehe Toyota.

Statt nach schlechten Lösungen zu suchen, sollten die großen Teams lieber mal analysieren, warum ein Neuzugang automatisch chancenlos ist. Weil man in den kleinen Klassen nichts für die Formel 1 lernt. Weil der Bau eines einigermaßen konkurrenzfähigen Autos heute so viel Fachpersonal, so viele Ressourcen und so viel Knowhow erfordert, dass man als Neuling schlicht überfordert ist. Und weil man immer noch ungehemmt Geld ausgibt, allen Kostenreduzierungsplänen zum Trotz. Max Mosley hatte den neuen eine Budgetgrenze von 60 Millionen Euro versprochen. Die kam bloß leider nie.

Ferrari und Red Bull machen für ihr Modell doch nicht Werbung, weil ihnen an der Zukunft der Formel 1 gelegen wäre. Die wollen nur das viele Geld, das sie in der Kasse haben, und die vielen Leute, die immer noch auf der Lohnliste stehen, irgendwie einsetzen. Mit einem dritten Auto oder Red Bulls Kundenauto lassen sich wunderbar Menschen, Werkzeuge und Millionen verstecken und trotzdem für die eigene Sache nutzen. Zum Schaden derer, die nicht im Überfluss leben.

Noch mehr Monotonie an der Spitze

Nehmen wir mal an, in diesem Jahr wäre jedem Team ein drittes Auto erlaubt gewesen. Oder die fünf Top-Teams hätten den fünf Hungerleidern Kundenautos gestellt. Was wäre wohl passiert? Virgin und Hispania wären verschwunden, denn mehr als 30 Autos haben in einem Formel 1-Feld keinen Platz. Red Bull, McLaren und Ferrari hätten die ersten neun Plätze meistens unter sich ausgemacht.

Falls es noch keiner gemerkt hat: Die Autos kommen fast immer ins Ziel. In den 17 Rennen dieser Saison sind Red Bull nur ein Mal, McLaren und Ferrari jeweils nur vier Mal nicht über die Distanz gekommen. Für Mercedes wäre also in der Regel nur ein WM-Punkt übrig geblieben. Ob bei einer solchen Blamage Mercedes-Chef Zetsche weiter sein Placet für das Formel 1-Abenteuer gegeben hätte? Wohl kaum.

Und was hätte wohl Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo zu den Plätzen sieben, acht und neun gesagt, um die seine roten Autos in diesem Jahr gefahren wären. Das B-Team von Ferrari steht nach seinem Denkmodell mit dem gleichen Auto am Start wie das A-Team. Das wird genauso gut oder genauso schlecht sein. Auch wenn ein Rennstall wie Penske diesen dritten Ferrari einsetzt. Keiner kann Herrn Montezemolo garantieren, dass Ferrari 2012 das beste oder das zweitbeste Auto baut. Wenn er Pech hat, wird er von Mercedes überholt.

Kleine Teams würde wegsterben

Eines muss allen klar sein: Je mehr Autos man an den Start bringt, umso größer der Leidensdruck, wenn man hinterherfährt. Und das beginnt ab Platz vier. Hinten im Feld würden die Sauber, Toro Rosso, Force India und Williams wegsterben, weil sie ihren Sponsoren nicht mal mehr Punkte präsentieren können. Am anderen Ende kämen keine neuen Teams dazu, weil die sich ausrechnen können, dass es ihnen genauso geht.

Nicht einmal ein Hersteller würde dieses Risiko eingehen. Mal abgesehen davon, dass sich Audi nicht das Auto von Mercedes und Hyundai nicht das Auto von McLaren bauen lassen kann. Aber wer halbwegs in der Lage ist, eins und eins zusammenzuzählen, dem ist klar, dass man als Neuzugang die ersten Jahre ein hartes Brot essen muss. Möglicherweise ohne einen WM-Punkt in der Gesamtabrechnung.

Auch das Kundenauto-Modell führt zu nichts. Weil das B-Team im Ernstfall immer für das A-Team fahren muss. Weil das B-Team politisch immer dem A-Team seine Stimme geben wird. Weil der Zirkus dann noch mehr Marionetten produzieren wird, als ohnehin schon durch das Fahrerlager laufen.

DTM-Verhältnisse in der Formel 1?

Die letzte Konsequenz des Teamsterbens ist, dass die Verbliebenen immer mehr Autos einsetzen müssen und dass es schlussendlich zu einer Situation wie in der DTM kommt. Wollen wir das? Ich glaube nicht. IndyCar ist ein warnendes Beispiel. Auch da gab es einmal eine Vielfalt im Chassisbereich. March, Lola, Reynard, Swift, Truesports, Galmer, Penske. Es wurden immer weniger, weil bei Kundenautos am Ende jeder das Chassis kauft, das den meisten Erfolg verspricht.

Es gehört zur Kultur der Formel 1, dass jeder seine Autos in großen Zügen selbst baut. Wenn das Getriebe oder die Hydraulik eingekauft wird, kann man damit leben. Das sind Komponenten, die beim Zuschauer keine Emotionen erzeugen. Wenn Force India, Virgin und Hispania fremde Windkanäle und Simulatoren nutzen, stört das auch niemanden. Auch Ferrari und McLaren sind schon auf den Toyota-Windkanal ausgewichen.

Kosten müssen weiter nach unten

Es gibt nur eine Lösung, damit das Feld wieder enger zusammenrückt und damit sich auch mal wieder neue Teams in die Königsklasse wagen. Die Kosten müssen weiter nach unten. Der Einsatz von Werkzeugen muss weiter beschnitten werden. Die Regeln müssen stabil bleiben. In den kleineren Formeln muss die Monokultur aufhören. Nur wer dort lernt, Großteile seines Autos selbst zu bauen, macht sich für die Formel 1 fit. Die FIA könnte in diesen Kategorien wunderbar den Einsatz eines Budgetlimits ausprobieren, um den Formel 1-Teams zu zeigen, dass es doch geht.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden