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Schmidts F1-Blog

F1-Teams zu dumm zum Sparen

Marussia GP Singapur 2013 Foto: xpb 23 Bilder

Fünf Teamchefs waren sich in Singapur ausnahmsweise einig. Wir haben den Scherbenhaufen, vor dem wir stehen, selbst zu verantworten. Und wir sind zu dumm, uns auf eine Kostenreduzierung zu einigen. Daran wird sich nichts ändern. Deshalb muss die FIA die Teams vor vollendete Tatsachen stellen, meint Michael Schmidt in seinem Blog.

21.09.2013 Michael Schmidt

Die Situation in der Formel 1 erinnert an die Finanzkrise der EU. Wir alle wissen, dass Europas Sorgenkinder ihre Schulden nie zurückzahlen werden, weil es gar nicht möglich ist. Wie bei einem Fass ohne Boden fällt das, was wir oben reinschütten, unten wieder raus. Übertragen auf die Formel 1: Wir alle wissen, dass der Großteil der Teams mittelfristig nicht überleben wird, wenn sich an der Geldverteilung und den Kosten nichts ändert.
 
Zum ersten Mal haben sich Vertreter von Lotus (Eric Boullier), Williams (Claire Williams), Force India (Bob Fernley), Caterham (Tony Fernandes) und Toro Rosso (Franz Tost) öffentlich darauf geeinigt, dass man selbst schuld an dem Scherbenhaufen ist, den man angerichtet hat.

Man hätte Stopp rufen müssen, als Bernie Ecclestone die Gelder neu und noch ungerechter zugunsten der großen Teams verteilte. Man hätte die großen Teams zu einer Kostendeckelung zwingen müssen. Man hätte im Ansatz verhindern müssen, dass die Entwicklung der neuen Turbomotoren mehr als 100 Millionen Euro kostet, was sich in doppelt so hohen Leasingraten für die Kundschaft niederschlägt. Man hätte der neuen Strategie-Gruppe nie zustimmen dürfen, die über die Köpfe der kleinen Teams hinweg unsinnige Reglementsänderungen wie eine Ausweitung der Testfahrten bestimmt.

Kleine Teams ohne Mitspracherecht

Erkenntnis ist der erste Weg zur Besserung, heißt es. In diesem Fall gibt es keine Besserung. Die Formel 1 hat sich Strukturen verordnet, die die kleinen Teams nicht nur finanziell ausgrenzen, sondern ihnen auch die Möglichkeit der Mitbestimmung nehmen. Alle Regeländerungen werden in Zukunft in der Strategie-Gruppe abgesprochen. Dort sitzen je sechs Vertreter der FIA, von Bernie Ecclestone und von den Teams.

Geht man davon aus, dass sich bei kontroversen Themen die FIA und das Ecclestone-Lager neutralisieren, hängt es an den Teams, welche Vorschläge zur Abstimmung an die Formel 1-Kommission weitergereicht werden. Als Teams sind Red Bull, Ferrari, Mercedes, McLaren, Lotus und Williams in dem Gremium vertreten. Käme es zum Beispiel zu einer Abstimmung über eine Kostendeckelung, wären die Gegner in der Überzahl. Nur Lotus und McLaren würden dafür stimmen.

Williams schon nicht mehr, obwohl die es am nötigsten hätten. Doch Williams bekommt Motoren von Mercedes. Die werden im Ernstfall immer das tun, was der Motorenpartner will. Gleiches Spiel in der Formel 1-Kommission. Toro Rosso und Caterham müssen Red Bull folgen, Sauber und Marussia Ferrari, Force India und Williams Mercedes. Es gibt zu viele Abhängigkeiten. Der eine liefert Motoren, der andere Getriebe oder Kers. Genau das ist die Gefahr bei echten Kundenteams. Es gibt dann nur noch die Hersteller, die entscheiden. Die Kunden wären entmündigt.

Top-Teams verantwortlich für erhöhte Kosten

Red Bull, Ferrari und Mercedes betreiben ein böses Spiel. Sie reden zwar von Kostenreduzierung, wollen sie aber gar nicht. Der frühere FIA-Präsident Max Mosley erklärt warum: "Die drei Teams mit großen Budgets halten sich so lästige Konkurrenz vom Hals. Jetzt haben sie nur zwei echte Gegner. Bei einer Kostendeckelung gäbe es plötzlich zehn Rivalen. Diese Ängste treiben die großen Teams dazu, gegen eine Budgetobergrenze zu stimmen."

Wenn Red Bull-Teamchef Christian Horner sagt, die Einführung der neuen Motoren 2014 sei vor dem Hintergrund der Finanzprobleme vieler Teams ein Fehler gewesen, dann ist das zwar richtig, doch aus seinem Mund Heuchelei. Red Bull sind die Motorenkosten egal, weil sie sowieso nichts für die Triebwerke bezahlen. In Milton Keynes und Salzburg hat man nur die Sorge, dass die neue Motorenformel die eigene Erfolgsserie beenden könnte. Und sie kümmern sich auch nicht darum, ob Sauber 15 oder 20 Millionen Euro bei Ferrari abdrücken muss.

Wenn Herr Horner wirklich Kosten für die kleinen Teams hätte sparen wollen, dann hätte er in der Strategie-Gruppe mal gegen die Ausweitung von Testfahrten gestimmt. Oder man hätte im Austausch für nicht wahrgenommene Testtage Windkanalzeit mit dem Originalauto zugestimmt. Auch hier zeigt sich das wahre Gesicht von Red Bull. Sauber hätte da einen Vorteil, weil in Hinwil ein Windkanal steht, in dem man im Maßstab 1:1 testen kann. Red Bull argumentiert, man müsse sich erst einmal für teures Geld in einer anderen Anlage einmieten oder gar eine eigene bauen.

Budgetdeckel einziger Weg aus der Krise

Wir reden hier von ein bis drei Tagen pro Jahr. Doch wo ist das Problem? Warum soll Sauber nicht auch einmal einen Vorteil haben? Hat man sich in Hinwil je darüber beschwert, dass in Milton Keynes der teuerste Simulator steht. Würde Sauber die gleichen Maßstäbe anlegen wie Red Bull, müsste man dem Weltmeister-Team die Simulatorstunden verbieten lassen.

Deshalb ist eine Budgetdeckelung der einzige Weg, die Kosten unter Kontrolle zu bringen. Jeder entwickelt sein Auto so, wie er es am besten kann. Sauber im Windkanal, Red Bull im Simulator, Ferrari auf der Teststrecke.

Die Diskussion zeigt, dass jeder nur an sich und nicht an das Ganze denkt. Die Teams sind unfähig, das große Bild zu sehen. Und sie werden immer unfähig bleiben. Deshalb ist es unsinnig, sie in Regelfragen mit abstimmen zu lassen. In keinem anderen Sport der Welt haben Teilnehmer ein Mitspracherecht. Stellen Sie sich vor, Bayern München, Real Madrid und Chelsea verlangen die Einführung größerer Tore. Oder die Abschaffung der Abseitsregel.

FIA-Präsident Todt muss handeln

Solange das Concorde Abkommen nicht unterschrieben ist, hätte die FIA eine goldene Gelegenheit, über die Köpfe der Teams hinweg, die Kosten per Gesetz zu beschränken. Im augenblicklichen "rechtlosen" Zustand gehen Regelvorschläge unter Umgehung der Formel 1-Kommission aus den Arbeitsgruppen direkt in den FIA-Weltrat. Dort könnte sich Jean Todt eine Mehrheit verschaffen.

Der Präsident hält aber die Füße still, weil er keinen verärgern will. Todt braucht das neue Concorde Abkommen, um der FIA mehr Geld einzuspielen. Damit sind wir wieder beim altbekannten Problem. Die Formel 1 wird nicht mit Vernunft gesteuert, sondern nach Interessenlagen.

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