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Schmidts F1-Blog

Fans wollen keine VIP-Gäste sein

Impressionen - 24h-Rennen - Le Mans 2014 Foto: Michael Schmidt 140 Bilder

Die Formel 1 fragt sich, warum sie Zuschauer verliert. Le Mans hat sie. Wer den Langstrecken-Klassiker besucht, bekommt die Antwort warum das so ist. Weil das Motorsport zum Anfassen ist. Eine große Party mit Erlebnischarakter. Fast so wie früher. Genau das fehlt der Formel 1, meint Michael Schmidt in seinem aktuellen Blog.

17.06.2014 Michael Schmidt

Ich war am Wochenende in Le Mans. Zum ersten Mal wieder seit 21 Jahren. Die Erinnerung an 1993 war wohl schon zu stark verblasst, sonst hätte ich den Anschauungsunterricht nicht gebraucht, um zu wissen, was die Formel 1 alles falsch macht. Doch kaum war ich in Le Mans angekommen, da kehrten sie zurück, die Bilder aus der Zeit, in der ich noch regelmäßig zu dem berühmtesten Langstreckenrennen der Welt gefahren bin. Bis auf die Autos hat sich nichts geändert.

Le Mans ist immer noch eine gefährliche Rennstrecke. Sie ist eines der letzten Überbleibsel der Rennen, die noch auf ganz normalen Landstraßen stattfinden. Die Kurven tragen Namen und keine Nummern. Man kennt ihre Geschichte von früher und muss sie natürlich unbedingt gesehen haben.

Große Motorsport-Party rund um Le Mans

Die ganze Stadt und Umgebung zelebrieren ihre Veranstaltung. Es ist unmöglich durch Le Mans zu laufen, ohne mitzukriegen, dass hier etwas Großes vor sich geht. In den Dörfern Arnage und Mulsanne sind alle Kneipen und Geschäfte mit Rennutensilen geschmückt. Vor den Restaurants und Pubs lange Schlangen. Die Fahrerparade findet nicht auf der Rennstrecke statt, sondern nach dem Vorbild Indianapolis am Tag vor dem Rennen mitten im Stadtzentrum. Für jedermann zugänglich.
 
An der Strecke: Menschen und Autos, wohin man schaut. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. 200.000 statt 20.000. Auf manchen Parkplätzen sieht es aus wie bei einer Wohnmobil-Messe oder einem Oldtimer-Treffen. Zugegeben, es ist etwas ärgerlich, wenn man nach dem Donnerstagstraining um ein Uhr morgens eine Stunde im Stau steht, um das Gelände zu verlassen.

Aber irgendwie auch wieder gut. Weil die große Völkerwanderung zeigt, wie die Fans mit dem Rennen mitleben. Es ist ein großes Abenteuer, eine Party, die eine Woche dauert, von der technische Abnahme auf dem Place de la République bis zur Zielflagge. Jeder Zuschauer ist sein eigener Regisseur. Er entscheidet, wann er sich in welche Kurve setzt. Marketingmenschen würden sagen: Ein "Unique selling point".

Formel 1-Besuch ohne Abwechslung

Und was hat das mit der Formel 1 zu tun? Gar nichts. Und genau, das ist ihr großes Problem. In der Formel 1 hatten wir das früher auch mal. Am alten Nürburgring, in Monza, Spa, Brands Hatch, Silverstone, ja sogar später noch in Imola, Montreal oder Adelaide. Heute sitzen die Zuschauer das ganze Wochenende wie festgenagelt auf einem Tribünenplatz und werden mit der Formel 1 und ihren Rahmenrennen zugedröhnt. Für 500 Euro. Stehplätze oder Grünflächen entlang der Strecke gibt es kaum noch. Bewegungsfreiheit gleich null. Einzige Abwechslung: Wenn man sich mal hinter der Tribüne eine Wurst oder ein Bier kaufen darf.

An manchen Schauplätzen werden Fans mit Bussen zur Strecke gebracht. Autos oder Wohnmobile müssen weit draußen parken. Sie könnten das klinisch saubere Bild stören. Die Hotels in der näheren Umgebung sind teurer als die Eintrittskarten. Da gehen gleich zwei Urlaube dafür drauf. Le Mans kostet für fünf Tage 73 Euro. Tribünen zwischen  60 und 100 Euro extra.

Die Formel 1 bietet Komfort. Man mag keine herumstreunende Besucher, möglichst noch mit einem Bier in der Hand. Alles ist hochprofessionell organisiert. Alles pünktlich durchgetaktet. Alles möglichst weit weg von den Autos und Akteuren. An Orten wie Shanghai, Kuala Lumpur, Barcelona, Abu Dhabi oder Bahrain merken sie in der Stadt nichts davon, dass ein paar Kilometer außerhalb ein Autorennen stattfindet. Staus gibt es nicht einmal mehr in Silverstone. Das Rennen lebt nicht. Es läuft eher wie ein Videospiel ab. Von echtem Renn-Feeling keine Spur.

Erlebnischarakter geht verloren

Bernie Ecclestone war der Motorsport von früher schon immer ein Greuel. Den Herstellern und Sponsoren offenbar auch. Sie wollen den Zuschauern lieber eine gediegene VIP-Atmosphäre verkaufen. Ihn zum Coporate Guest erziehen, der für alles zahlen muss. Dumm nur, dass die Fans das gar nicht wollen. Sie sind viel lieber Teil des Events, auch auf die Gefahr hin, dass manche Begleitumstände etwas mühsam sind, das Programm vielleicht etwas weniger gut organisiert ist. Dafür hat man am Montag etwas zu erzählen.

Anderen Sportarten zeigen ähnliche Anwandlungen. In den Fußballarenen verschwinden immer mehr Stehplätze. Man will den Fans einreden, dass es viel cooler ist zu sitzen. Mit dem Hintergrund, dass sich der Sitzplatz teurer verkaufen lässt. Die Geldgier raubt dem Sport die Seele. Kein Wunder, dass sich die Leute entscheiden lieber zuhause zu bleiben. Ich habe in der Startaufstellung in Le Mans das Formel 1-Urgestein Herbie Blash getroffen. Er war 1964 das letzte Mal in Le Mans und teilte meine Meinung: "Die hier zeigen der Formel 1, wie man es richtig macht."

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