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Schmidts F1-Blog

Formel 1 auf der Intensivstation

Formel 1 Fahrerparade Kimi Räikkönen Sebastian Vettel Foto: xpb 69 Bilder

Kimi Räikkönen wartet auf sein Gehalt. Nico Hülkenberg auch. Mindestens vier weiteren Fahrern geht es genau so. Gleichzeitig findet Hülkenberg kein Cockpit für 2014. Die Situation auf dem Fahrermarkt zeigt, wie krank der Patient Formel 1 wirklich ist. Es ist der letzte Weckruf, meint Michael Schmidt.

02.11.2013 Michael Schmidt

Kimi Räikkönen spielte Ayrton Senna. Der Lotus-Pilot reiste erst in letzter Minute nach Abu Dhabi, um sein Team zu erpressen. Räikkönen will endlich Geld sehen. Er wartet immer noch auf seine Gage für diese Saison.

Auch Senna streikte schon

Ayrton Senna hat 1993 das gleiche mit McLaren gemacht. Er forderte eine Million Dollar pro GP-Start. Als das Geld vor dem Rennen in Imola nicht rechtzeitig auf seinem Konto eintraf, blieb er in Sao Paulo auf gepackten Koffern sitzen. Teamchef Ron Dennis zahlte zähneknirschend. Senna traf zehn Minuten vor Trainingsbeginn in Imola ein.

Eine lustige Geschichte? Damals ja. Weil sie ein Einzelfall war. Doch heute gibt es nicht nur Räikkönen. Wenn der Finne kein Geld bekommt, trifft das wahrscheinlich auch auf seinen Teamkollegen Romain Grosjean zu. Nico Hülkenberg wartet noch auf einen Teil seiner Gage von Force India aus dem Jahr 2012. Und er hat erst ein Achtel seines Gehalts bei Sauber bekommen. Man darf davon ausgehen, dass es Esteban Gutierrez nicht besser geht. Von Adrian Sutil und Paul di Resta erzählt man sich Ähnliches. Auch die Force India-Pilot warten auf Geld. Wie hoch die Dunkelziffer derer ist, die auf Geld warten, lässt sich nicht sagen. Über das Thema spricht keiner gerne.

Teams zu Bezahlfahrern gezwungen

Ein sicheres Auskommen haben wahrscheinlich nur die Fahrer von Red Bull, Ferrari, Mercedes, McLaren, Williams und ToroRosso. Ist den anderen ein Vorwurf zu machen? Der Wettbewerb ist eine gefräßige Krake geworden. Lotus fährt mit Red Bull, Ferrari und Mercedes um die Wette, und kann es sich eigentlich gar nicht leisten. Weil es mindestens 170 Millionen Euro kostet, um dieses Niveau zu halten.

Sauber, Force India und Williams müssen mit mindestens 100 Millionen Euro kalkulieren, um mit Red Bulls Juniorteam Toro Rosso zu konkurrieren. Die haben als einzige im Mittelfeld keine finanziellen Sorgen. Das zwingt eine Vielzahl Teams zu Bezahlfahrern oder dazu, Rechnungen erst in letzter Minute oder mit großer Verzögerung zu bezahlen. Immer in der Hoffnung, der große Sponsor findet sich noch. Es ist ein gefährliches Spiel auf Zeit.

Das Geld wird nicht fair verteilt

Nico Hülkenberg ärgert sich darüber, dass einer wie Pastor Maldonado mit 40 Millionen Euro herumläuft und ihm wahrscheinlich den Platz bei Lotus klaut. Doch Maldonado ist nicht Hülkenbergs Problem. Gäbe es den Venezolaner nicht, stünde ein anderer Maldonado bereit. Vitaly Petrov zum Beispiel, der angeblich 30 Millionen von Gazprom haben soll. Oder Max Chilton, der 12 Millionen aus der Schatulle eines Versicherungsriesen mitbringt, in dem sein Vater Vorstandsmitglied ist. Oder Kevin Magnussen, dessen Verpflichtung bei Force India einen Schuldenerlass von sieben Millionen bedeuten würde. Angeblich legt McLaren noch einmal die gleiche Summe drauf, wenn ihr Junior-Pilot einen Platz bekommt.

Das Problem der Formel 1 liegt ganz woanders. Sie ist ohne Grund viel zu teuer geworden, und das Geld wird nicht fair verteilt. Red Bull und Ferrari bekommen nächstes Jahr von Bernie Ecclestones Kuchen dank Sonderzahlungen drei Mal so viel Geld wie Lotus. Ist das gerecht, bei dem Job, den Lotus auf der Rennstrecke macht? Williams kassiert unabhängig von der WM-Position eine Bonuszahlung von neun Millionen Dollar. Die direkten Konkurrenten Sauber, Toro Rosso und Force India schauen in die Röhre. Was macht es für einen Sinn, die Reichen immer reicher zu machen und die Armen arm zu lassen?

Kein Interesse an Überraschungen

Bernie Ecclestone sagt, dass er diejenigen belohnt, die ihm eine schriftliche Garantie bis 2020 gegeben haben. Und das sind Red Bull, Ferrari, Mercedes, McLaren und Williams. Würden die rund 800 Millionen Dollar gerechter auasgeschüttet und könnte sich die Formel 1 zu einer wirkungsvollen Kostenbremse durchringen, dann hätten alle elf Teams eine Garantie für die nächsten sieben Jahre abgeben können.

Die großen Teams wollen aber nicht sparen. Weil sie sich auf diese Weise vor unerwünschter Konkurrenz schützen. Sie haben kein Interesse daran, dass ein kleines Team mal einen Überraschungssieg landet. Teams wie Red Bull, Ferrari oder Mercedes wollen jedes Rennen gewinnen. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn sie es auf der Basis eines fairen Wettbewerbs tun würden. Tun sie aber nicht. Es ist für sie bequemer, mit Privilegien für klare Verhältnisse zu sorgen. Sie haben nur sich im Blick und nicht den Sport. Mercedes, Ferrari und McLaren müssen aufrüsten, um Red Bull einzuholen. Red Bull muss aufrüsten, um den Vorsprung zu halten.

Topteams erkennen den Ernst der Lage nicht

Ein Team wie Lotus, das die Qualität hat, vorne mitzufahren, muss irgendwann aussteigen, weil es sich dieses Wettrüsten nicht mehr leisten kann. Es ist eine Spirale, die den Sport kaputtmacht. Die wahren Totengräber der Formel 1 sind die Topteams und ihre Unfähigkeit, den wahren Zustand des Patienten Formel  zu erkennen. Der liegt längst auf der Intensivstation. Deshalb ist es vielleicht ganz gut, dass einer wie Räikkönen kein Geld bekommt. Weil sein Problem die Krise sichtbar macht. Und weil es ein Weckruf sein könnte, Dinge zu ändern. Sozusagen der letzte Alarm.

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