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Schmidts F1-Blog

Monza ist ein Live-Erlebnis

Podium - GP Italien 2016 Foto: sutton-images.com 67 Bilder

Monza stand für Highspeed, Windschattenfahren, Herzschlagfinale. Das war einmal. Die moderne Aerodynamik macht aus Monza eine Strecke wie jede andere. In mancher Hinsicht sogar schlimmer. Die Prozession beim letzten GP Italien ist kein Zufall, meint Michael Schmidt.

06.09.2016 Michael Schmidt 1 Kommentar

Mein erstes Monza-Erlebnis war der GP Italien 1970. Am Tag nachdem Jochen Rindt tödlich verunglückt war. Ich habe das Rennen im Fernsehen gesehen. Es war das, was mein Bild von Monza prägte. Ein Highspeed-Spektakel mit Windschattenfahren im Zentimeterabstand.

Screenshot  - Formel Schmidt - GP Italien 2016
Wie geht's weiter in der Formel 1? 11:58 Min.

Die Spitzengruppe bestand aus bis zu 8 Fahrern und sie haben sich in einer Runde gleich mehrfach in der Führungsarbeit abgelöst. Teilweise winkte der Spitzenreiter den Zweiten vorbei. Um selbst wieder etwas Windschatten fahren zu können. 1965 gab es 45 Führungswechsel. Alle auf der Strecke. Diesmal waren es zwei. Beide in der Boxengasse, weil Nico Rosberg eher zum Reifenwechsel kam.

Enge Duelle bei hohem Tempo

Clay Regazzoni hat den Grand Prix 1970 dann mit 5 Sekunden Vorsprung gewonnen. Im Pulk riss von einer Sekunde zur nächsten der Kontakt ab, weil der Zweite geschlafen hatte. Ein Jahr später gingen die ersten Fünf im Abstand von 0,61 Sekunden über die Ziellinie.

Acht Fahrer führten das Rennen an. Das war kein Einzelfall. Auch 1969 konnte man die ersten 4 Fahrer mit einem Tuch abdecken. Der Abstand des Siegerquartetts betrug 0,19 Sekunden. 2016 trennten den Fünften vom Ersten 45 Sekunden.

Henri Pescarolo fuhr beim letzten Monza-Rennen ohne Schikanen mit 247,016 km/h eine Rekordrunde, die jahrzehntelang Bestand hatte. Fernando Alonso schnellste Rennrunde in diesem Jahr lag bei 244,373 km/h.

Der Honda V6-Turbo hatte knapp doppelt so viel PS wie Pescarolos Cosworth V8, und Alonso sitzt in einem Auto, das im Windkanal entwickelt wurde. Der March 711 von Pescarolo hatte einen Windkanal vermutlich nie gesehen. Simulation war noch ein Fremdwort. Telemetrie auch. Man hatte dem March einfach den vorderen Flügel abmontiert um Top-Speed zu gewinnen.

Aerodynamik leidet unter „Dirty Air“

Die moderne Aerodynamik ist für Monza mehr Fluch als Segen. Sie macht aus den Rennen ein Einzelzeitfahren im Pulk. Die Turbulenzen des vorausfahrenden Autos sind noch 200 Meter dahinter spürbar.

Wenn dann noch ein Minimum an Abtrieb zur Verfügung steht, verstärkt sich der Effekt, dass man nicht dicht aufschließen kann. Das Bremsen wird zum Balanceakt. Das Ausbremsen umso mehr. Es ist schwierig, aus dieser Konstellation spannenden Rennsport zu fabrizieren.

Monza ist ein Live-Erlebnis und kein TV-Sport. Wer in den königlichen Park fährt, ist automatisch elektrisiert. Man wird von der Stimmung und der Tradition geradezu erschlagen. Und bekommt auf der Rennstrecke auch ohne Überholmanöver Spektakel geboten.

Wenn das Heck beim Anbremsen aus 350 km/h unruhig wird, die Autos beim Ritt durch die Schikanen mangels Anpressdruck immer knapp am Rausfliegen tänzeln und die Fahrer den Speed durch die schnellen Kurven Lesmo, Ascari und Parabolica exakt treffen müssen, dann erkennt man erst die Fahrkunst der Piloten.

Mein erster Rennbesuch im Autodrom liegt 39 Jahre zurück. 200.000 Menschen machten Monza 1977 am Renntag zum Hexenkessel. Mit Mario Andretti auf Lotus gewann zwar kein Ferrari-Pilot, aber doch irgendwie der Richtige. Ferrari-Pilot Niki Lauda war als Zweiter mit einem Bein Weltmeister. Das versöhnte die Tifosi. Ich bin seitdem immer wieder hingefahren. Monza verzeiht man auch langweilige Rennen.

Neuester Kommentar

Herr Schnidt liegt genau richtig. Monza lebt heute mehr von der Tradition als von der Gegenwart. Die GPs dort sind nur noch ein müder Abklatsch der frühen Jahre. Aber..... die Tifosi ersetzen viel von der früheren Faszination. Ich fahre seit 1964 dorthin, jedes Jahr. Am besten kann ich mich noch an 1971 erinnern, als die 5 Ersten nahezu nebeneinander über die Ziellinie rasten. Jahrzehnte lang war das die engste Zielankunft der F1-Geschichte. Damals sah man keinen Besucher mehr auf einem Stuhl sitzen!
Inzwischen kenne ich viele Tifosi sehr gut und diese freuen sich stets über solch treue Gäste. Ihre Hilfsbereitschaft ist grenzenlos und öffnet auch manche verschlossene Tür - typisch Italia.
Auch die Siegerehrung ist ein unglaubliches Schauspiel: Zehntausende drängen sich unter der ganz besonderen Tribüne - Schulter an Schulter. Und wenn ein "Una Rossa" gewonnen hat, ist es dort nahezu gefährlich.
Ich fahre nächstes Jahr weider hin.

mwegst 12. September 2016, 19:34 Uhr
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