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Schmidts F1-Blog

Red Bull-Brille mit Scheuklappen

Mark Webber GP Spanien 2013 Foto: ams 26 Bilder

Formel 1-Experte Michael Schmidt kritisiert in seinem aktuellen Blog die Haltung von Red Bull in Sachen Reifen. Er wirft der Weltmeisterteam vor, nur aus Eigeninteresse neue Reifen zu fordern und nicht wie von Dietrich Mateschitz behauptet aus Sorge um den Rennsport.

14.05.2013 Michael Schmidt

Red Bull und Mercedes können zufrieden sein. Die Reifen werden geändert. Mit welchen Auswirkungen, muss sich erst noch zeigen. Wir wollen hier gar nicht darüber diskutieren, ob es richtig oder falsch war, das zu tun. Ferrari, Lotus und Force India werden vielleicht irgendwann einmal sagen, dass es unfair war.
 
Falsch ist auf jeden Fall der Anspruch, den Red Bull-Chef Dietrich Mateschitz bei unseren englischen Kollegen von Autosport erhebt. Er wird dort wie folgt zitiert: "Das hat nichts mehr mit Rennsport zu tun. Das ist ein Wettbewerb, wer am besten mit den Reifen haushält. Echtes Autorennen sieht anders aus. Unter den jetzigen Umständen können wir weder aus unserem Auto noch aus unseren Fahrern das Beste herausholen. Es gibt keinen Kampf mehr um die Pole Position, weil sich jeder Reifen für das Rennen aufspart. Wenn wir unser Auto an die Grenze fahren wollten, müssten wir je nach Rennstrecke 8 oder 10 Boxenstopps machen."

Red Bull reagiert beleidigt auf Niederlage

Sorry, Herr Mateschitz, da muss der Gaul mit Ihnen durchgegangen sein, oder die Red Bull-Brille besonders große Scheuklappen gehabt haben. Das klingt wie die beleidigte Reaktion eines vom Erfolg Geblendeten, der glaubt, es sei ein gottgegebenes Gesetz, dass immer ein Red Bull gewinnt.

Ich möchte Sie daran erinnern, dass man seit 2011 mit den Reifen haushalten muss. Seit Pirelli das Reifenmonopol hat. Vielleicht nicht ganz so extrem wie heute und auf eine andere Art, mit anderen Setups oder Fahrtechniken. Und von wegen Langsamfahren: So groß ist der Unterschied gar nicht. Das Rennen 2012 war nur 7,4 Sekunden schneller als Alonsos Siegesfahrt in diesem Jahr. Und der Spanier bummelte in den letzten 15 Runden nur noch um die Strecke, weil er den Sieg bereits in der Tasche hatte.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Sie sich 2011 und 2012 über den gebotenen Sport beschwert hätten. Warum auch? Sebastian Vettel und ihr Auto wurden ja auch immer Weltmeister. Völlig in Ordnung. Sie haben unter den bestehenden Umständen die beste Leistung geboten. Jetzt sind die Umstände eben anders. Ferrari, Lotus und Force India müssen damit genauso zurecht kommen wie Red Bull, Mercedes und McLaren. Sie haben es in Barcelona einfach nur besser gemacht als die anderen.

Arrogante Haltung von Red Bull

Ihre Aussagen implizieren, dass nur Red Bull, Vettel und Webber von der augenblicklichen Situation Schaden nehmen. So als wären Alonso und Räikkönen Nasenbohrer, die nur dann gewinnen können, wenn die Reifen das Bild verfälschen. Und dass Ferrari und Lotus nur von Reifen profitieren, die dem Red Bull Tempo stehlen. Red Bull bräuchte 8 Boxenstopps, um mit den aktuellen Reifen das Optimum aus dem RB9 herauszuholen? Ferrari schafft es in 4, Lotus in 3. Was ist daran falsch?

Teamberater Helmut Marko wirft ein, man müsse das Auto so abstimmen, dass es mit den Reifen zurechtkommt. Tut man das nicht immer? Jetzt haben wir andere Reifen, die erfordern ein anderes Setup. Da ist der im Vorteil, dessen Aerodynamik nicht ganz so spitz ist, und der deshalb von der Fahrwerksabstimmung her ein breiteres Spektrum hat. Es wäre ja auch schlimm, wenn ein Rennauto nur aus Aerodynamik bestünde. Da gehören zumindest noch der Motor, das Getriebe und die Aufhängungen dazu.

Red Bull im Qualifying schneller als 2012

Die Qualifikation, sagen Sie, sei keine echte Zeitenjagd mehr, sondern davon dominiert, sich für das Rennen Reifen aufzusparen. Jeder Fahrer hat je drei Satz harte und weiche Reifen am Samstagnachmittag. Die weichen sind in der Regel schneller. Meines Wissens haben Sebastian Vettel und Mark Webber in Barcelona alle weichen Reifensätze verfeuert. Sie waren 2013 bei ähnlichen Asphalttemperaturen auf der gleichen Reifenmischung (2013 medium = 2012 soft) und ohne DRS für die gesamte Strecke sogar schneller unterwegs als bei ihren Trainingszeiten im Vorjahr. Vettel um 1,282 Sekunden, wenn man Q2 mit Q2 vergleicht. In seiner absolut besten Runde sogar um 1,830 Sekunden.

Vettel ließ 2012 das Q3 ganz aus, um sich genügend frische Sätze der harten Reifen für den Grand Prix aufzuheben. Die weichen hatte er bereits bis zum Q2 aufgebraucht. Also genau das Szenario, dass Sie jetzt kritisieren. Ich habe nicht gehört, dass Sie sich vor einem Jahr darüber beklagt hätten, es ginge nur ums Reifensparen.

Und wer definiert überhaupt, was richtiger Rennsport ist? In der von vielen Fans zitierten guten alten Zeit gab es weder Tankstopps noch Reifenwechsel. Damals bestimmte die Angst um die Haltbarkeit des Autos, der Bremsen, des Motors und des Getriebes das Tempo. Da ist auch keiner voll gefahren. Der Zuschauer hat es gar nicht gemerkt, wie er es heute auch nicht merken würde, wenn man es ihm nicht dauernd unter die Nase reibt.

Wer will am TV-Schirm oder auf der Rennstrecke mit bloßem Auge erkennen können, dass die Fahrer heute absichtlich langsam unterwegs sind, wenn die Zeitdifferenz über 66 Runden zwischen 2012 und 2013 gerade Mal 7,4 Sekunden beträgt? Beim Indy 500 geht es seit Generationen in den ersten 150 Runden nur darum, in der gleichen Runde mit dem Spitzenreiter zu bleiben. Da wird auch nur phasenweise voll gefahren. Das eigentliche Rennen beginnt erst in den letzten 50 Runden. Ist das deshalb kein Autorennen? Die Tribünen sind jedenfalls immer gut gefüllt.

Reifen sorgen für Spannung

In der Schumacher-Ära, als die Rennen von drei Tankstopps unterbrochen wurden, gab es bei einem GP Spanien in Barcelona zwischen drei und fünf Überholmanöver. Der Rest war Fahren im Konvoi. Zugegeben, meistens am Limit, aber muten Sie das mal den Zuschauern alle 14 Tage zu. Dann steigen die Ihnen genauso auf die Barrikaden wie jetzt mit 82 Boxenstopps und teilweise verfälschten Überholmanövern wegen DRS und unterschiedlicher Reifenzustände. Ich kann mich übrigens noch gut daran erinnern, dass Ross Brawn und Michael Schumacher in Magny-Cours einmal gefeiert wurden, weil sie die Konkurrenz mit vier Boxenstopps ausgetrickst hatten.

Es wäre schade, wenn Pirellis Reifenkorrektur das Kräfteverhältnis im Feld total durcheinanderwirbeln würde. Dann verlöre die Formel 1 viel von ihrer Glaubwürdigkeit, denn dann werden die Teams Politik machen, die sich als Opfer sehen. Und die Reifendiskussion wird neu entfacht werden, nur mit einem anderen Schwerpunkt. Um fair zu Red Bull zu sein. Ferrari und Lotus hätten sich in Ihrer Lage vermutlich genauso beschwert. Es fällt eben schwer, das große Bild im Auge zu behalten, wenn man mittendrin steckt.

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