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Schmidts F1-Blog

Williams von allen guten Geistern verlassen?

Foto: Wolfgang Wilhelm 21 Bilder

Formel 1-Experte Michael Schmidt kann nicht verstehen, warum Williams nun ausgerechnet Mike Coughlan engagiert. Er war in den Spionageskandal verwickelt. Williams ist nicht mehr das Team, das es einmal war.

04.05.2011 Michael Schmidt

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Nicht, dass Technikchef Sam Michael am Ende des Jahres seinen Hut nehmen wird. Das war bekannt, Nein, sein Nachfolger Mike Coughlan sorgt in der Szene für gemischte Reaktionen. Sie schwanken zwischen Verwunderung und Kopfschütteln. Ausgerechnet Coughlan! Der Mann, der 2007 im großen Spionagafall den Part von McLaren spielte.

Warum musste es Coughlan sein?

Ausgerechnet Coughlan! Der Mann, der 2007 im großen Spionagefall den Part von McLaren spielte. In Formel 1-Kreisen wird bereits gespottet: Verpflichtet Williams jetzt auch noch Nigel Stepney als Teammanager? Das war der andere Hauptdarsteller in jenem Fall, der vor vier Jahren McLaren an den Rande eines WM-Ausschlusses brachte. Der Rennstall zahlte damals die Rekordsumme von 100 Millionen Dollar Strafe an die FIA. Stepney hatte die Dokumente von Ferrari geliefert, über 700 Seiten stark.

Coughlans Comeback wirft mehr als nur eine Frage auf. Wie kann der immer so auf Seriosität bedachte englische Rennstall auf einen Ingenieur mit diesem Vorleben zurückgreifen? Williams stand für Verlässlichkeit. Man war rau, bisweilen ruppig, aber ehrlich. Eine verschworene Gemeinschaft von Racern, die lieber mit Anstand verlor, als eine krumme Tour zu reiten. Dafür stand allein Technikpapst Patrick Head. Doch der hat mit nur noch sechs Prozent Anteilen vom Firmenkapital keine laute Stimme mehr in der Aktionärsversammlung. Andere führen das Wort. Zum Beispiel der im letzten Jahr zum Teamchef ernannte Adam Parr. Ein Musterschüler aus Eton, ehemaliger Banker und eloquenter Geschäftsmann. Alles, nur kein Racer. Deshalb hat er nie in dieses Team gepasst. Frank Williams verehrt ihn trotzdem.

Auch Williams-Aerodynamikchef Tomlinson geht

Ob Parr mit Coughlan den richtigen Griff getan hat, wird vielerorts bezweifelt. Coughlan war zwar in seiner Karriere bei Lotus, Tyrrell, Ferrari, Arrows und McLaren, doch der ganz große Erfolg fehlt ihm. Lange hielt er es nirgendwo aus. Warum gerade er, der jetzt vier Jahre aus dem Geschäft ist, bei Williams die Wende herbeiführen soll, ist das Geheimnis derer, die Coughlan ausgewählt haben.

Williams ersetzt aber nicht nur den Technikdirektor. Auch Aerodynamikchef Jon Tomlinson muss gehen. Also die beiden wichtigsten Männer im Technikbüro. Dazu fehlt bald auch die ordnende Hand von Patrick Head. Der will sich ab dem Sommer mehr und mehr aus dem operativen Geschäft zurückziehen. Drei Eckpfeiler auf einmal zu ersetzen, das ist ungefähr so, als würde ein Fußballteam den Torwart, den Spielmacher und den Mittelstürmer austauschen. Selbst wenn Williams gute Leute auf dem Markt findet - und das ist schwer genug -, wird es Jahre dauern, bis sich die neue Truppe in Grove eingearbeitet haben. Da sei an Adrian Newey erinnert. Er kam 2006 zu Red Bull. Der Erfolg stellte sich aber erst 2009 ein.

Zahlen wichtiger als das Herz

Williams ist nicht mehr das Team, das es einmal war. Mit dem Börsengang fand eine 180 Grad-Wende statt. Viele meinen zum Schlechten. Der Rennstall wird immer mehr von Geschäftsleuten geführt, die in Zahlen denken statt mit dem Herzen dabei zu sein. Wie fatal ein Börsengang für ein Formel 1-Team sein kann, zeigt sich schon drei Monate nach dem Start auf dem Frankfurter Parkett. Der Erfolg bestimmt den Aktienkurs. Und der stürzte nach drei Nullrunden in Folge steil ab. Das zwingt einen geradezu zum Aktionismus. Ob die Aktionäre jetzt anbeißen, weil einer den Chefposten im Technikbüro übernimmt, den man 2007 mit Schimpf und Schande davongejagt hatte? Kurzfristig hatten sie. Der Kurs stieg von 16,80 auf 19,40 Euro, ist heute aber schon wieder im Sinkflug auf 18,60 Euro aktuell.

Strafe angemessen für Coughlan?

Mike Coughlan bekam für die Annahme und interne Weiterverbreitung von vertraulichen Ferrari-Daten ein Arbeitsverbot von zwei Jahren. Pat Symonds muss für seine Rolle beim Singapur-Skandal fünf Jahre pausieren. Da stellt sich zunächst einmal die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Misstrauische Naturen dagegen könnten in ihren Zweifeln über den Spionage-Skandal von 2007 bestätigt werden. War da nicht doch etwas faul?

So richtig haben wir ja alle diese abenteuerliche Geschichte mit dem Copyshop in Woking, der E-Mail des Kopierladenbesitzers an Stefano Domenicali und den Dokumenten, die Nigel Stepney ganz zufällig im Auto von Coughlan auf dem Rücksitz vergessen hatte, nicht geglaubt. Hollywood hätte so ein Skript im Papierkorb versenkt. Vielleicht war diese Geschichte ja doch von vorne bis hinten inszeniert, mit Stepney und Coughlan als mehr oder weniger ahnungslosen Darstellern, um McLaren zu schwächen und um endlich Rache an Ron Dennis zu nehmen? Das würde die relativ milde Strafe für die beiden Hauptbeteiligten erklären. Normalerweise hätte sie der Weltverband auf Lebzeiten von allen FIA-Meisterschaften fernhalten müssen.

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