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Schmidts Formel 1-Blog

Wo sind die deutschen Formel 1-Fans?

Podium Fans GP Deutschland 2012 Foto: Wilhelm 72 Bilder

Formel 1-Experte Michael Schmidt wunderte sich über die vielen leeren Plätze auf den Tribünen in Hockenheim. In seinem aktuellen Blog sucht er nach Gründen für das mangelnde Interesse der deutschen F1-Zuschauer an der Königsklasse.

24.07.2012 Michael Schmidt

Ging es Ihnen auch so? Der Blick ins weite Rund des Hockenheimer Motodroms war ernüchternd. Überall Lücken auf den Tribünen. Der Eindruck trübte nicht, wie die offiziellen Zahlen des Veranstalters unterstreichen. 38.000 Besucher am Freitag, 50.000 am Samstag, 62.000 beim Rennen.

Trotz fünf deutschen Fahrern, trotz einer spannenden Saison, trotz einer durchgemischten Startaufstellung mit Sebastian Vettel auf Platz zwei, Michael Schumacher auf Rang drei und Nico Hülkenberg auf der vierten Position. Lewis Hamilton, Jenson Button und Kimi Räikkönen ließen von ihren Startplätzen auf eine spannende Aufholjagd hoffen.

Größere Kulisse in England und Spanien

Man fragt sich woran es liegt, dass das Zuschauerinteresse in Deutschland am Motorsport in den letzten sechs Jahren rapide gesunken ist. 2005 wurden in Hockenheim noch 110.000 Zuschauer gezählt. Ein Jahr später waren es nur noch 68.000. 2008 stieg der Wert auf 78.000 an, um vor zwei Jahren auf 65.000 abzusinken. Generell ist das zu wenig. Gewiss, die Preise sind extrem hoch und die Finanzkrise lässt manchen den Geldbeutel enger schnallen, doch trifft das nicht erst recht auf Länder wie England oder Spanien zu? 

In Silverstone wurden allein für den Renntag 125.000 Tickets verkauft. Spanien spielte innerhalb von sechs Wochen den Gastgeber für zwei Grand Prix. Nach Barcelona kamen 82.000 und nach Valencia immerhin noch 52.000 Besucher.

Spanien hat aber nur einen Fernando Alonso und Pedro de la Rosa, der sich mit dem HRT am Ende des Feldes abmüht. Wir haben drei potenzielle Siegfahrer, mit Hülkenberg einen sicheren Punktelieferanten und dann noch den ewigen Kämpfer Timo Glock im unterfinanzierten Marussia-Team. Kann es eine bessere Mischung geben?

Ich wage zu behaupten, dass die Hockenheimer ein abwechslungsreicheres Rahmenprogramm bieten als die meisten Konkurrenzveranstaltungen. Neben dem heute üblichen Boxenbesuch am Donnerstag und Autogrammstunden gibt es Taxifahrten mit Rennprofis um den Ring und diverse Aktionen von Mercedes für seine Fans.

Überall zu hohe Eintrittspreise

Die hohen Eintrittspreise sind kein Deutschland spezifisches Argument, weil sie überall hoch sind. Da muss sich die Formel 1 generell etwas einfallen lassen und zwar möglichst schnell. Es kann auch nicht sein, dass moderne Rennstrecken fast nur noch Tribünenplätze anbieten. Was ist denn das für eine Atmosphäre? Da kann ich ja gleich ins Fußballstadion oder ins Theater gehen.

Es gibt nicht Schlimmeres als drei Tage für viel Geld auf einem Platz zu hocken. Früher waren die Zuschauer aktiv in das Geschehen mit eingebunden. Man ist zumindest an den Trainingstagen von Kurve zu Kurve gewandert. Das nenne ich Nutzwert fürs Geld.

Der Zugang zu den Autos und den Fahrer ist überall schwer. Nicht nur in Hockenheim. Und sind wir mal ehrlich: Vor 20 oder 30 Jahren, in den goldenen Zeiten des Motorsports, gab es organisierte Autogrammstunden und Boxenbesuche noch gar nicht. Ein paar haben es vielleicht mit allen erdenklichen Tricks ins Fahrerlager geschafft, weil damals die Kontrollen durchlässiger waren, aber der große Rest hat sich am Tor zu großen weiten Welt die Nasen platt gedrückt.

Strecken beliebig, Autos hässlich

Der Motorsport hat in den letzten Jahren in seiner Perfektionswut viele Fehler gemacht. Die Stars sind keine Stars mehr, weil sie von ihren Teams mundtot gemacht werden. Aus den Rennstrecken wurden beliebige Asphaltarenen. Heute kann man auf einem Foto nicht mehr auf den ersten Blick erkennen, wo gefahren wird. Im Hintergrund nur asphaltierte Auslaufzonen, Zäune, Werbung und leere Tribünen.

Die Autos sehen immer ähnlicher aus und sind wegen einiger Fehler im Reglement auch noch grottenhässlich. Nicht nur wegen der Delle im Chassis. Die Reifen sind zu schmal, die Flügel vorne zu breit, hinten zu schmal und das ganze Auto zu lang. Fünf Meter und mehr, wer braucht so etwas? Das sind Maße für einen Bus.

Man sollte einen maximalen Radstand vorschreiben. Dann werden die Autos kürzer, im Heckbereich wegen der großen Tanks etwas breiter, aber das Fahrverhalten auch etwas nervöser. Mit dem Vorteil, dass die Fahrer wieder mehr gefordert sind.

Formel 1-Fans verstehen nur noch Bahnhof

Der nächste Wahnsinn ist, dass sich das Reglement ständig ändert und viel zu kompliziert geworden ist. Der Sport hat keinerlei Struktur, weil jeder nur in die eigene Tasche wirtschaftet. Unter der Formel 1 gibt es hundert Serien. Alle unkoordiniert und weitgehend unbekannt. Früher war alles klar strukturiert. Formel 3, Formel 2, Formel 1. Heute kennt sich keiner mehr aus. Teilweise nicht einmal die Teams selbst. Nur Konstanz schafft Vertrauen.

Die Fans wollen mitreden und nicht nur Bahnhof verstehen. Der ständige Streit um das Concorde Abkommen, Budgetdeckelung, neue Motoren, Testfahrten und Regularien nervt. Am Ende kommt immer ein schlechter Kompromiss dabei heraus. Unter dem Strich muss man sagen, dass sich der Motorsport anderen Sportarten anpassen wollte, und dabei schlecht gefahren ist. Weil dabei das typische Ambiente eines Autorennens völlig verlorengegangen ist.

Formel 1-Verdrossenheit als deutsches Problem?

Doch warum hat das Motorsportinteresse in Deutschland mehr gelitten als anderswo? Auch das lässt sich an einigen Punkten festmachen. Zum Beispiel am typisch deutschen missionarischen Eifer, das Auto schlechtzureden und der Unfähigkeit der heimischen Automobilindustrie mit einigen der Vorurteile gegen ihr Produkt aufzuräumen.

Es liegt aber auch an einer TV-Berichterstattung, die sich an den zwei Namen Schumacher und Vettel aufhängt und es versäumt, den Sport selbst zu promoten. Den zündenden Funken, sich für den Motorsport zu begeistern, muss das Fernsehen liefern. Es muss nicht alles erklären, aber doch genug, um bei Gelegenheitszuschauern ein Grundinteresse zu wecken.

Die Erziehung zum Hardcore-Fan ist dann die Aufgabe anderer Medien. Wer in England die BBC oder Sky schaut, der wird deutlich stärker von diesem faszinierenden Sport angefixt sein. Es ist kein Zufall, dass Silverstone seit Jahren ein volles Haus meldet.

Haben Sie noch Ideen, wie sich die Motorsport-Begeisterung in Deutschland wieder anfachen lässt? Schreiben Sie uns Ihre Vorschläge in das Kommentarfeld!

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