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Schmidts Formel 1-Blog

Zerstrittener Formel 1-Haufen

Parc Fermé GP Korea 2011 Foto: xpb 25 Bilder

Im Streit ums Geld haben sich die Formel 1-Teams gegenseitig den Krieg erklärt. Für F1-Experte Michael Schmidt war diese Entwicklung vorherzusehen. Der einzige Weg aus der Misere ist seiner Meinung nach ein von der FIA überwachter Budget-Deckel.

05.12.2011 Michael Schmidt

Die Formel 1-Teamvereinigung FOTA ist drei Jahre nach ihrer Gründung gescheitert. Sie zerbrach an der ersten großen Kontroverse. Es ging ums Geld. Bernie Ecclestone reibt sich jetzt schon die Hände. Im Januar wollte die FOTA mit den Verhandlungen zum neuen Concorde Abkommen ab 2013 beginnen. Jetzt hat es Ecclestone mit einem zerstrittenen Haufen zu tun, bei dem der eine möglicherweise den anderen verklagt, weil er den Kostenreduzierungsplan nicht eingehalten hat oder einhalten will.

Wer das Geschäft kennt, hat die Zerschlagung der FOTA erwartet. Er hat sich höchstens gewundert, dass es so lange gedauert hat. Was daran liegt, dass es in den letzten drei Jahren um softe Themen ging. F-Schacht ja oder nein. Neues Punktesystem ja oder nein. Namensänderungen, Bahrain-Absage, Testrestriktionen. Da war es einfach, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
 
Eigentlich hätte man in Silverstone bereits Verdacht schöpfen müssen. Bei der Frage, ob und wie weit die FIA die Technik des angeblasenen Diffusors einschränken soll, schieden sich zum ersten Mal die Geister. Die Teams, die davon profitierten, sagten nein zum Verbot. Die anderen ja. Mit dem Versprechen, dass am Ende des Jahres Schluss damit ist, hat man sich noch einmal zusammengerauft.

Jeder ist sich selbst der Nächste

Aus Ferrari-Kreisen hört man, dass man sich in Zukunft nie wieder zu solchen Zugeständnissen hinreißen lassen werde. Saubers Interessen gingen völlig unter. Peter Sauber stimmte dem Aufschub des Verbotes bis Saisonende zu. Des lieben Friedens willen. Als ob jemals einer der anderen Rücksicht auf das Team aus der Schweiz genommen hätte.

Genau darin lag das Problem der FOTA. Die starken Teams betrachteten den Verein als ihre Spielwiese. Sie und ihre Satellitenteams haben am Ende den Kurs bestimmt. Jetzt sind sie am Ende der Sackgasse angelangt. Der Kostenreduzierungsplan, kurz RRA genannt, entzweit die Teams. Weil es hier indirekt um die Konkurrenzfähigkeit geht. Keiner gibt Privilegien freiwillig her.

Mitunter ändern sich die Betrachtungsweisen. Vor zehn Jahren noch hätte Ferrari einer Kostenbremse nie zugestimmt. Man hat einen WM-Titel nach dem anderen gewonnen, weil man bessere Werkzeuge hatte und mehr Aufwand betrieb als die Konkurrenz. Manche in der Szene haben ein kurzes Gedächtnis: Ferrari hat sich am heftigsten gegen Max Mosleys Vorschlag einer Budgetdeckelung gesträubt. Heute sind sie Vorkämpfer für die strikte Einhaltung der Ressourcenbeschränkung.

Red Bull: Sieg um jeden Preis

Jetzt will Red Bull nicht sparen. Alle anderen Bekenntnisse aus Salzburg sind unglaubwürdig. Wer sich nicht kontrollieren lassen will, der muss mit dem Verdacht leben, dass hier etwas nicht stimmt. Bis zum Beweis des Gegenteils. Red Bull fährt gut mit seinem System, das sich auf folgenden Nenner bringen lässt: Sieg um jeden Preis.

Wenn wir den Zahlen des Londoner Companies House glauben, in dem die Budgets der in England registrierten Teams veröffentlicht sind, dann war Red Bull im Jahr 2010 mit deutlichem Abstand Klassenprimus im Geld ausgeben. 175 Millionen britische Pfund (203 Millionen Euro) kostete Sebastian Vettels erster WM-Titel. Das wurde in diesem Jahr nicht weniger. Im Gegenteil. Das Motorenleasing ist dank großzügiger Werbeflächen für Renault neuerdings umsonst. Bei Ferrari sind die Kosten für die Motoren im Etat mit drin.

McLaren stand 2010 mit 135 Millionen Pfund (157 Millionen Euro), Mercedes mit 128 Millionen Pfund (146 Millionen Euro) in den Büchern. Dass man mit weniger Geld auch guten Motorsport bieten kann, zeigt Force India mit 74 Millionen Pfund, umgerechnet 86 Millionen Euro. Soweit der offizielle Teil.

Beim Sparplan wird getrickst

Natürlich gibt es noch hundert Möglichkeiten, Geld zu verstecken. Es taucht dann in den offiziellen Bilanzen nicht auf, weil es für andere Zwecke deklariert wird. Da gibt es zum Beispiel den Trick mit Showcars. Man baut offiziell einen Frontflügel für ein Auto, das zu Demonstrationsfahrten eingeteilt wurde. Besagter Flügel landet wundersamerweise auch am Einsatzauto. Ohne, dass er dem Rennteam verrechnet wird.

Das Argument der Großen, der Sport verliere seinen Reiz, wenn man den Einsatz zu stark reduziere, ist absoluter Unsinn. Der Dreikampf zwischen Force India, Sauber und Toro Rosso um Platz sechs hat gezeigt, dass man auch mit weniger als 100 Millionen Euro in der Kasse das Auto weiter entwickeln kann. Vielleicht nicht bei jedem Rennen, dafür bei jedem zweiten. Das stört keinen.

Auch große Werksteams mit Budget-Limits

Ferrari ist im Companies House als italienisches Team nicht aufgelistet. Man darf davon ausgehen, dass Maranello pro Jahr ebenfalls 200 Millionen Euro investiert. Motor inklusive. Dummerweise reicht das nicht mehr, um Red Bull zu schlagen. Deshalb schlägt Ferrari Alarm.

Und Mercedes hängt sich dran. Theoretisch müssten beide das Wettrüsten mit Red Bull mitgehen können, doch die Zeiten haben sich geändert. Der innenpolitische Druck verbietet es den Werksteams heute, unbegrenzt Geld auszugeben. McLaren ist gänzlich von Sponsoreinnahmen abhängig. Der Rennstall aus Woking müsste eigentlich das größte Interesse daran haben, dass die Ressourcenbeschränkung eingehalten wird.

Red Bull argumentiert damit, dass man sich nicht die Aerodynamikabteilung beschneiden lasse, solange bei Mercedes 400 Leute in der Motorenentwicklung arbeiten. Der Vergleich hinkt aus zwei Gründen. Erstens sind bei Renault auch knapp 200 Leute unter Vertrag, und dass die nicht schlafen, zeigt der Aufwand für die Motorsteuerung bei der Entwicklung des angeblasenen Diffusors.

Zweitens ist Entwicklung an der Hardware des Triebwerks seit Jahren verboten. Wenn Mercedes mehr Power aus seinem V8 rausgeholt hat, dann vielleicht weil man vor dem Einfrieren der Motorentwicklung schlauere Ideen hatte. Dafür haben die Renault-Ingenieure ihren Kollegen von Mercedes beim Motormanagement das Wasser abgekocht.

Red Bull muss als einziges Team nicht Sparen

Das Fatale an dem Streit ist, dass die Formel 1 keine Alternativen zum Sparen hat. Die Unausgewogenheit im Feld liegt an den großen Budgetunterschieden. Und die werden noch größer werden, je mehr Einnahmequellen den Teams wegbrechen. Der Welt droht eine Wirtschaftskrise. Viele Formel 1-Veranstalter sind klamm. Gut möglich, dass 2012 nur 17 Grand Prix stattfinden. Die TV-Anstalten werden in Zukunft weniger statt mehr für die Rechte bezahlen.

Red Bull kann das egal sein. Das Team verzeichnet zwar immer mehr Einnahmen durch Fremdfirmen, doch am Ende entscheidet immer noch Dietrich Mateschitz, wie viel ihm der Spaß wert ist. Und zwar unabhängig davon, ob die Welt in der Krise steckt oder nicht. Seine Limonade verkauft sich auch in schlechten Zeiten.

Ferrari, Mercedes und McLaren dagegen sind von der Entscheidung anderer abhängig. Wenn die beiden Werke weniger Autos absetzen, wenn Petronas, Marlboro oder Vodafone den Hahn zudrehen, dann wird auch an der Formel 1-Front der Rotstift angesetzt. Am meisten leiden die kleinen Teams. Sie bekommen schon jetzt nur das, was ihnen die Großen übriglassen.

Budgetdeckel bleibt einzige Lösung

Heute muss man sagen, dass der ehemalige FIA-Präsident Max Mosley wie so oft die richtige Vision hatte. Gäbe es eine von der FIA kontrollierte Budgetdeckelung, wäre die Formel 1 krisenfest. Weil man das Limit je nach Wirtschaftslage anpassen kann. Weil sich eine Stellgröße einfacher kontrollieren lässt als 20 Ausgabeposten bei der komplizierten Ressourcenbeschränkung. Weil es die kleinen Teams näher an die großen rückt. Mosley hat einmal gesagt: "Die Realität wird die Teams eines Tages dazu zwingen, eine Budgetdeckelung einzuführen." Wetten, dass er Recht behält.

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