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Sebastian Vettel

Besuch bei Red Bull

Sebastian Vettel Foto: Daniel Reinhard 16 Bilder

Sebastian Vettel wechselt den Rennstall, bleibt aber in der Familie. Wir haben den Ex-Toro Rosso-Piloten bei einem Besuch in der Fabrik seines neuen Teams Red Bull in Milton Keynes begleitet.

15.03.2009 Michael Schmidt

Eigentlich ist der Schritt gar nicht so groß. Sebastian Vettel wechselt das Team, doch er behält seinen Chef. Sein oberster Dienstherr heißt auch 2009 Dietrich Mateschitz. Das Auto wird weiter von Red Bull Technology konstruiert. Die Amtssprache bleibt Englisch. Aus ToroRosso wird Red Bull. Doch das A-Team und seinen Juniorpartner trennen mehr als nur die 1.400 Kilometer Luftlinie vom italienischen Faenza zum englischen Milton Keynes.
 
Red Bull fährt mit Renault- statt Ferrari-Motoren, beschäftigt drei Mal mehr Leute, hat drei Mal mehr Geld und seit 2005 fast drei Mal so viele WM-Punkte gesammelt wie Toro Rosso. Dafür keinen Sieg, keine Pole-Position, keine aufsteigende Formkurve. In der WM-Tabelle 2008 landete der kleine Bruder einen Platz vor dem großen. Die Erklärung dafür: Toro Rosso hat mehr aus einem fast identischen Paket gemacht.
 
Die englische Fraktion gab dem schwachbrüstigen Renault-Motor die Schuld. Doch die starke zweite Saisonhälfte des Renault-Werksteams relativiert diese Einschätzung, die wohl eher eine Schutzbehauptung war. Der entscheidende Unterschied liegt im Management. Das Toro Rosso-Trio Gerhard Berger, Franz Tost und Giorgio Ascanelli hatte einen klaren Plan. Ihre Gegenspieler Christian Horner, Helmut Marko und Adrian Newey handelten eher nach dem Zufallsprinzip.

Red Bull RB5: F1 Technik 2009 1:52 Min.

Engländer mögen den Deutschen

Sebastian Vettel steht vor einer großen Baustelle, wenn er Red Bull den Geist von Toro Rosso einhauchen will. Der Sieg von Monza gibt seinem Wort Gewicht. Das erleichtert die Überzeugungsarbeit in einem Land, das immer noch glaubt, den Rennsport erfunden zu haben. Auch vom Typ her tut sich der 21-jährige Heppenheimer leicht. Die Engländer mögen ihn. Ein Reporter des englischen Fachblattes "Autosport" fasst den Sympathiebonus in einem Satz zusammen: "Sebastian ist überhaupt nicht deutsch." Vettel verbindet Präzision mit Lockerheit.
 
Es sind hektische Tage für den jüngsten GP-Sieger aller Zeiten, eine Woche vor Weihnachten. Auf das Race of Champions im Londoner Wembley-Stadion folgen zwei Tage Testfahrten im spanischen Jerez. Wegen Schneechaos in Zürich und verspätetem Anschlussflug in Madrid kehrt er erst nach Mitternacht in seine Wahlheimat Walchwil am Zuger See zurück. Am nächsten Morgen um zehn Uhr muss er schon wieder am Flughafen Zürich sein. Flug BA 711 bringt den Formel 1-Globetrotter nach London. Red Bull bittet ihn, bei der Weihnachtsfeier ein paar wärmende Worte an das Team zu richten.

Computerkid in der Formel 1

Vettel fliegt in Europa brav Economy. Als er am Automaten eincheckt, lacht er breit. "Bei BMW sitzen sogar die Testfahrer in der Business-Class." An Privatjets oder Yachten verschwendet er keinen Gedanken: "Ich habe lieber ein schnelles Rennauto." Vettel interessiert sich mehr für die irdischen Dinge. Im Flugzeug studiert er im Anzeigenteil einer Gratiszeitung die neuesten Modelle von Blu-Ray-Recordern, Laptops und Flachbildschirmen. Man merkt: Die Computerkids sind in der Formel 1 angekommen. Ein paar Sonderangebote weiter fällt ihm ein: "Ich brauche einen neuen Staubsauger."
 
Die Schweizer Boulevardzeitung "Blick" hat seine Gedanken zur Wirtschaftskrise abgedruckt. "Die Krise wird durch ständige Negativmeldungen in den Köpfen der Leute nur noch angeheizt. Das macht mir Angst." Fazit: Auch als Fahrer wird man sich wohl einschränken müssen. Die Zeit der ganz großen Gehälter ist vorbei. Sebastian schmunzelt über den letzten Satz: "Vettel ist ein Fahrer mit Herz und Hirn."
 
Auf der Fahrt von Heathrow in die Fabrik reflektiert der WM-Siebte über seinen Beruf. Was für ein Irrsinn das mit dem Hybridantrieb sei, nicht nur wegen der hohen Kosten. "Kein Mensch weiß, was passiert, wenn du nach einem Überschlag auf dem Kopf liegst und die Batterien beschädigt sind. Fängt das Zeug dann zu brennen an? Holt sich ein Streckenposten einen Schlag, wenn er das Auto anfasst?"

Endlich wieder Slicks

Das mit den profillosen Slicks ist schon erfreulicher. Endlich wieder richtige Rennreifen. Vettel fühlt sich in die Formel 3 zurückversetzt: "Die Slicks sind einfacher zu verstehen als die Rillenreifen. Sie geben mehr Seitenstabilität. Man spürt das Auto besser beim Einlenken. In langsamen Kurven ist im Scheitelpunkt viel mehr Grip da. Dafür kannst du dich in schnelle Kurven nicht mehr volle Kanne reinhauen." Die auf 18.000/min zurückgetunten Motoren langweilen ihn. "Da kommst du auf der Geraden nicht vom Fleck."
 
Vettel besucht Red Bull nicht zum ersten Mal. Zur Sitzprobe war er schon mal da. "Ich behalte meinen Toro Rosso-Sitz mit ein paar Anpassungen." Die Visite ist vollgestopft mit Terminen. Eine kurze Besprechnung mit Horner und Newey, ein Rundgang durch die Fabrik, Fotos für eine Cover-Story in "Autosport", Hände schütteln, Autogramme schreiben, ein Plausch mit seinem Vorgänger David Coulthard.
 
Zum Abschied gibt es noch einen ToroRosso im Maßstab 1:4 als Weihnachtspräsent. Zurück am Flughafen von London stöbert Vettel selbst in den Geschäften. Er fährt vor den Augen der staunenden Verkäuferin einen ferngesteuerten Ferrari Enzo Probe und entschuldigt sich grinsend: "Da sieht man halt, dass ich erst 21 bin." Erkannt wird er nur ein einziges Mal. Auf dem Swiss-Air-Flug nach Hause bittet eine Passagierin um ein Autogramm auf der Bordkarte. Vielleicht liegt es am Langhaarschnitt, vielleicht aber auch daran, dass man nach den 91 Siegen von Michael Schumacher erst ein paar Mal gewinnen muss, damit sich das Gesicht auch einer breiten Masse einprägt.

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