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Sebastian Vettel

Der Vize-Weltmeister mit Bodenhaftung

Sebastian Vettel Foto: Daniel Reinhard 14 Bilder

Sebastian Vettel hat seinen Frieden mit dem zweiten Platz in der Formel 1-WM geschlossen. Der Vize-Weltmeister fuhr sich in einem Jahr in die Liga der Superstars. Trotzdem beweist er noch Bodenhaftung.

30.12.2009 Michael Schmidt

Die entscheidenden Zahlen hat Sebastian Vettel abrufbereit im Kopf. Zahlen, die erklären, warum Jenson Button Weltmeister wurde und nicht er. Und warum die Kombination Vettel-Red Bull trotzdem die schnellste dieser Saison war: "Jenson kam bei 94 Prozent aller Rennen ins Ziel, ich nur bei 71. Wenn ich lediglich die Zielankünfte zähle, hat er im Schnitt 5,9 Punkte gemacht, ich aber 7,0." Es klingt wie eine Entschuldigung für etwas, für das er sich nicht entschuldigen muss. Es stehen erst 43 GP-Starts in seiner Bilanz, und dennoch hat Vettel schon eindeutige Spuren in der ewigen Bestenliste hinterlassen.

Sebastian Vettel ist der jüngste Grand Prix Gewinner aller Zeiten

Er ist der jüngste Fahrer, der je einen Grand Prix gewann, auf der Pole-Position stand, WM-Punkte holte oder in Führung lag. In der Wertung Punkte pro Start rangiert er mit 2,91 schon auf Rang 14. Mit fünf Siegen gehört er längst zum Establishment. Ihm kommt es wenig vor. "Ich kann mich noch an jeden meiner Siege erinnern. Michael Schumacher weiß bei 91 Siegen bestimmt nicht mehr in allen Details Bescheid." Der Vergleich mit Schumacher (Schumachers wichtigste Siege ) zeigt, wo bei Vettel die Reise hingehen soll. Der WM-Titel ist Pflichtprogramm. "Einfach nur mitfahren, vielleicht hin und wieder mal aufs Podest, das gibt mir nichts. Ich gehe nicht so weit, dass mir das Rennfahren nur Spaß macht, wenn ich gewinne, aber wenn ich um Platz 15 kämpfe, dann ist der Spaßfaktor schon beeinträchtigt. Da macht ein scheinbar einfacher Sieg wie in Silverstone mehr Laune. Auch wenn ich dort keinen Gegner hatte, habe ich jede Runde in meinen Helm gelacht."

Jenson Button hat den Weltmeistertitel verdient

Die Verbissenheit, mit der der WM Zweite beim GP Brasilien das endgültige Aus im Titelrennen quittierte, steht für den Ehrgeiz, der Vettel antreibt. "Ich war frustriert, enttäuscht, geknickt. Auch wenn die Chance minimal war, aber der Moment, an dem du realisierst, dass der Traum zu Ende ist, trifft dich wie ein Schlag. Ich bin die letzten drei Runden gefahren, als ginge es um den Sieg, und habe gehofft, dass Jenson vielleicht doch noch ausfällt." Vettel hatte sein ganzes Umfeld vergattert, den Glauben an das Unmögliche nicht aufzugeben. Und damit auch ja keiner das Ziel aus den Augen verliert, ließ sich die Crew des Deutschen einen Bart wachsen. Als Erinnerungsstütze gewissermaßen, "damit die Jungs wissen, dass ich kämpfe, bis nichts mehr geht. Sonst wäre ich fehl am Platz." Ein Sammelsurium von Gründen erklärt den Rückstand von elf Punkten auf Button. Zwei Defekte. Strategiefehler, die Startprobleme in der ersten Saisonhälfte, der Doppeldiffusor, der erst ab Silverstone zur Verfügung stand, das eingeschränkte Training nach den Motorschäden von Valencia, die Durchfahrtsstrafe von Singapur, die Pleite von Monza, "das einzige Rennen, bei dem wir echt chancenlos waren". Deshalb sei Button zu Recht Weltmeister geworden: "Er hatte keinen Defekt, nur einen Unfall. Das muss man anerkennen."

"Moses" ist Vettels Spitzname

Red Bull und Vettel haben ihre Lehren aus der Saison gezogen. Bei der Analyse, wo die entscheidenden Punkte liegen geblieben sind, kommt man immer wieder zum gleichen Ergebnis. Oft wäre es besser gewesen, auf Platzsicherung zu fahren, statt ein besseres Ergebnis erzwingen zu wollen. Vettel fasst zusammen: "Wir müssen lernen, das Bestmögliche rauszuholen." Der 22-jährige Heppenheimer ist in einem Jahr vom Siegfahrer zum Champion gereift. Vettel hat alles, was einen Weltmeister auszeichnet: das Talent, den Ehrgeiz, den Arbeitseifer, die Kunst, zu motivieren, die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen und Nein zu sagen. "Er weiß, was er will, und er kennt seine Grenzen", lobt Teamchef Christian Horner. Interessant sein Vergleich zwischen Vettel und Teamkollege Mark Webber: "Mark ist sehr mutig. Ein Instinktfahrer. Sebastian hat mehr Gefühl, vor allem für die Behandlung der Reifen." Vielleicht ist der fünffache GP-Sieger deshalb ein so guter Regenpilot. Seine Kumpel nennen ihn scherzhaft "Moses", weil er das Wasser teilt.

Vettel ist bei den Engländern sehr beliebt

Dem Erfolg muss sich alles unterordnen. "Alles, was das Fahren und das Abstimmen des Autos angeht, hat Vorrang. Der Rest muss warten. Wenn ich am Ende Zehnter werde, fragt mich keiner: Hattest du keine Zeit, deine Arbeit zu erledigen?" Deshalb dauert es zwei Tage, bis der Sitz für das nächstjährige Auto angepasst ist. Deshalb sitzt er acht Stunden im Simulator, weil das Testverbot die Fahrer in die Playstation treibt. "Es ist schon erstaunlich, wie nahe wir an der Realität sind." Der deutsche Wunderknabe ist Red Bulls Lebensversicherung. "Wir bauen das Team um ihn herum auf, so wie es Ferrari mit Schumacher und Renault mit Alonso gemacht hat", verrät Horner. Der Deutsche kommt bei den Engländern gut an, "vermutlich deshalb", mutmaßt einer im Team, "weil er so gar nicht deutsch ist." Vettels Sympathiebonus ist seine Natürlichkeit.

Sebastian Vettel ist noch unverdorben

Es gibt keinen Manager, der versucht, ihm eine Stromlinienform zu verpassen. Lewis Hamilton war im ersten Jahr auch noch erfrischend normal. Spontane Gesten, freche Antworten. Danach haben ihn sein Vater Anthony und McLaren zu einem Double von Stargolfer Tiger Woods geklont. Die Antworten des Ex-Weltmeisters sind inzwischen Stehsatz. Man weiß, was kommt. Die Hysterie um Vettel hat fast schon Schumacher-Dimensionen erreicht. Der Saison folgte nahtlos eine Tournee durch die TV-Studios. Wetten, dass ...?, Sportstudio, Menschen 2009: Der 22-Jährige akzeptiert es mit jugendlicher Neugierde. Irgendwann wird er auch da selektieren müssen. Vettel ist noch herrlich unverdorben. Bei der Erinnerung an seine ersten Formel 1-Kilometer vor drei Jahren grinst er breit: "Nach der ersten Runde dachte ich: Das ist die Welt der Männer, da gehörst du nicht hin. So viel Power, so viel Grip, kaum Zeit, zu reagieren. Es hat 20 Runden gedauert, bis ich mich einigermaßen wohl gefühlt habe." Er findet es schade, dass ihm die Worte fehlen, um das Fahrgefühl eines Formel 1-Autos dem Laien zu vermitteln.

Der GP-Gewinner hat ein Faible für ältere Autos und Zweiräder

Während seines USA-Urlaubs hatte er die Gelegenheit, den neuen Mercedes SLS zu fahren. Trotz 571 PS unter der Haube bewege man sich im Vergleich zu einem Red Bull wie in Zeitlupe vorwärts. "Da merkt man, wie weit die Formel 1 von Straßenautos weg ist." Vettel hat ein Faible für Autos und Motorräder. Als BMW-Markenbotschafter ist er nie untermotorisiert, doch seine eigentliche Liebe gilt Fahrzeugen älteren Datums. "Die haben mehr Charakter." Die Kreidler Flory aus seiner Schulzeit steht immer noch gut gepflegt in der Garage. Oder die Cagiva Mito 125, die er sich von seinem Konfirmationsgeld gekauft hat. Oder der VW Bus, mit dem er letztes Jahr durch Skandinavien getourt ist. Es gibt auch Träume, die nach seiner Vertragsverlängerung mit Red Bull bis 2011 alle bezahlbar sein dürften: ein Ford Mustang, die erste Corvette, ein Mercedes 300 SL.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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