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Sebastian Vettel exklusiv

"Kleinerer Motor bricht mir das Herz"

Sebastian Vettel - GP Brasilien 2014 Foto: xpb 93 Bilder

Im großen auto motor und sport-Interview spricht Sebastian Vettel über die Hintergründe für die Probleme in dieser Saison. Der vierfache Weltmeister gibt zu, dass vor allem zu Beginn des Jahres viele negative Gefühle mitgefahren sind. Den Ehrgeiz habe er aber nie verloren.

17.11.2014 Michael Schmidt
Jeder weiß, dass Sie nächstes Jahr zu Ferrari wechseln, aber Sie dürfen nichts sagen, bis Ferrari offiziell etwas bekannt gibt. Wie gehen Sie damit um?

Vettel: Ich würde mir natürlich wünschen, dass ich verkünden kann, was in der Zukunft passiert, aber im Moment muss ich mich noch gedulden. Es ist natürlich blöd, wenn du auf die Fragen nicht antworten kannst, die dir gestellt werden. Deshalb hoffe ich, dass wir bald Klarheit haben.

Das lange Warten brockt ihnen offenbar Fernando Alonso ein, der erst seinen Platz bei Ferrari räumen muss. Sind Sie sauer auf ihn?

Vettel: Ich glaube nicht, dass die Schuld bei einer Person liegt, wenn man hier überhaupt von Schuld sprechen kann. Es ist einfach eine Situation, die noch nicht ganz klar ist. So was gibt es in der Formel 1 halt mal.

Zu dieser Saison: Wie kann es sein, dass der Lehrjunge Ricciardo so oft vor dem vierfachen Weltmeister Vettel ins Ziel kommt?

Vettel: Ich weiß nicht mehr, bei wie vielen Rennen ich einen Defekt oder ein Problem hatte, aber die müssen wir erst einmal aussortieren. Ansonsten ist es einfach ein schwieriges Jahr. Das eine kommt nicht zum anderen. Nach dem Rennen in Spa wurde es besser für mich. Seitdem haben wir einen anderen Weg eingeschlagen.

Weil Sie in einem neuen Chassis sitzen?

Vettel: Das mit dem Chassis ist so: Wenn du das Gefühl hast, dass du dich im Kreis drehst, ziehst du alles in Betracht, was in Frage kommen könnte. Also auch einen Chassis-Wechsel. Um einfach alle Fragezeichen auszugrenzen. Die fehlende Praxis in der ersten Saisonhälfte hat uns gewissermaßen sehr geschadet.

Aber Ricciardo ist bei den Testfahrten auch nicht viele Kilometer gefahren?

Vettel: Immerhin noch viel mehr als ich. Die Dinge, die sich über den Winter verändert haben, lassen das Auto einfach ganz anders fahren als vorher. Es ist nichts, woran man sich nicht gewöhnen könnte. Aber es war eben ein paar Dinge dabei, die für mich essentiell sind, um das Maximum aus dem Auto herauszuholen. Das Ziel ist ja nach ganz vorne zu kommen, und nicht nur so schnell fahren wie es gerade geht. Man versucht das Beste aus dem Paket rauszuziehen, damit die Entwicklung des Autos in die richtige Richtung geht. Wir haben sehr viele Dinge probiert, viele davon haben nicht funktioniert.

Sie reden von der Fahrzeugabstimmung?

Vettel: Nicht nur. Auch von der Software her. Heute kann man viele Dinge elektronisch abstimmen. Diese neue Formel 1 ist ein Fantasia-Land für Ingenieure. Es mag sein, dass diese Entwicklungsarbeit für die große Richtung dazu geführt hat, nicht das Beste aus dem Auto für den Moment herauszuholen. Dadurch haben wir aber viele Dinge gelernt, die wir in der zweiten Saisonhälfte mehr und mehr umsetzen können.

Jetzt aber mal ins Detail: Wo haben sie auf Ricciardo verloren und vor allem warum?

Vettel: Rennfahren ist eine Vertrauenssache. Wenn man ein Gefühl dafür hat, wie weit man gehen, wie spät man bremsen und wann man einlenken kann, dann kann man das einordnen und sich den Gegebenheiten anpassen. Dieses Jahr war das Auto aber oftmals eine Wundertüte. Mir fehlte das Erahnen, was macht das Auto im nächsten Moment. Und damit die Kontrolle darüber zu haben, wie ich darauf reagiere, und wie schnell auch in die Kurve reinfahre. Es fehlte das Vertrauen, dass eine Runde wie die andere ist. Ich habe viele Dinge probiert, aber es blieb lange schwierig, das Auto richtig zu spüren.

Was hat sich denn so stark geändert?

Vettel: Das geht schon bei der Bremserei los. Das hat einen großen Einfluss auf das Fahrverhalten. Das Gefühl für die Bremse ist bei weitem nicht mehr so echt, wie es bei einem Rennauto normalerweise ist. Die Hinterachse wird heute komplett von der Elektronik gesteuert. Um die nötige Energie zurückzugewinnen, muss man beim Bremsen Energie abzapfen. Das hat Einfluss auf das Bremsverhalten. Das fühlt sich für mich einfach nicht natürlich an. Wenn man versucht, das Auto am Limit zu bewegen, kann alles was einem in dem Moment nicht natürlich vorkommt, Zeit kosten. Es versalzt dir die Suppe. Deshalb wird das Gericht nie so gut schmecken und das Auto nie so schnell um die Kurve fahren, wie man es möchte. Passt es auf der Bremse nicht, trifft man auch die Linie nicht so, wie man sie treffen wollte. Dann kann ich das Auto am Kurveneingang nicht mehr so positionieren, dass Scheitelpunkt und Ausgang nur noch Formsache sind. Es ist mehr ein Reagieren als ein Agieren. So bist du immer einen Schritt zu spät. Wie Walter Röhrl mal gesagt hat: Du musst das Auto mit dem Hintern spüren. Bezogen auf meines, war es lange so: Bis ich es spüre, hänge ich schon im Baum. Damit habe ich mich sehr lange schwer getan. Und deshalb hat die Experimentierphase auch so lange gedauert. Daniels Fahrstil kommt das mehr entgegen.

Inwiefern?

Vettel: Wir reden ja nicht von einem Unterschied von Tag und Nacht. Nur in Spa war der Abstand extrem. Es gibt kein Muster, dass es mir erlaubt zu sagen: In der Kurve verliere ich so und so viel. Es fehlte bei mir einfach die Konstanz. Für mich ist es wichtig, dass ich weiß, was ich unter mir habe. Dann kann ich attackieren und die letzten Zehntel rausdrücken. Wenn ich versucht habe, noch einen draufzupacken, ging der Schuss meistens nach hinten los.

Trotzdem hat Ricciardo drei Mal gewonnen, Sie nicht.

Vettel: Das lag auch an den Umständen. Wenn das Safety-Car in Ungarn zu einem anderen Zeitpunkt rauskommt, hat sich das Thema Ungarn schon erledigt. Wenn ich in Kanada eine Runde später zum Boxenstopp reingekommen, hätte ich das DRS-Fenster hinter Bottas noch erwischt und acht Zehntel gewonnen. Damit wäre ich vor Daniel gelegen, und wäre zum Schluss als erster an der Reihe gewesen, zuerst Perez und dann Rosberg anzugreifen. Es gab auch Rennen, in denen ich versucht habe, mich mit einem alten Satz Reifen über die Distanz zu retten, während Daniel durch seine Strategie einen frischeren Satz drauf hatte. Das Bild, das die Resultate vermitteln, war nach außen oft ein anderes, als das was tatsächlich passiert ist.

Ab wann bekamen Sie ein besseres Gefühl für das Auto?

Vettel: Wir haben intensiv an der Bremserei gearbeitet. Danach ging es einen Schritt nach vorne. Als mit dem Chassis-Wechsel die letzte Unsicherheit aussortiert wurde, konnten wir uns auf die kleinen Dinge konzentrieren. Seit Monza läuft es in die richtige Richtung.

Sie galten als der Meister mit den Autos mit angeblasenem Diffusor. Wie fehlt ihnen diese Abtriebshilfe am Kurvenausgang?

Vettel: Der Effekt des angeblasenen Diffusors beschränkte sich nicht nur auf den Kurvenausgang. Er hat viel mehr am Kurveneingang geholfen. Und da ist die meiste Arbeit schon getan. Man darf den angeblasenen Diffusor nicht isoliert sehen. Es ist die Charakteristik, die das Auto dank dieser Technologie hatte. Sie hat es erlaubt, extrem viel aus dem Auto herauszuziehen. Ich bin ja nicht eingestiegen und automatisch mit dem angeblasenen Diffusor schnell gefahren. Wir haben uns da langsam hingearbeitet. Von der Fahrzeugabstimmung her, von meinem Fahrstil. Da musste ich mich auch umstellen. Für einen Rennfahrer ist es normal, sich an unterschiedliche Autos anzupassen. Dieses Jahr habe ich eher damit gehadert, dass mir Vieles weggenommen wurde. Dinge, die natürlich sind. Die sind jetzt unnatürlich. Und das in einem Fenster, in dem ich gewöhnt war, mein Ding zu machen. Sich damit anzufreunden ist vielleicht für Daniel und andere Fahrer einfacher als für mich, weil es sie in ihrem Fahrstil weniger einschränkt.

Kann es sein, dass Kimi Räikkönen ähnliche Probleme hat wie Sie?

Vettel: Mit Sicherheit kommen dem Kimi gewisse Dinge nicht so entgegen, wie er es will. Über sein Talent müssen wir nicht diskutieren. Das ist unumstritten. Er zählt seit vielen Jahren zu denen mit dem höchsten Grundspeed, und auch zu denen, die mit jedem Auto zurechtkamen, egal ob das Setup passte oder nicht. Das ist der Beweis dafür, dass er sich eigentlich auf Dinge einstellen kann. Scheinbar vermittelt ihm dieses Jahr das Auto nicht das, was er braucht, um sich damit wohl zu fühlen. Das Reglement hat den Fahrern nicht viel mehr Möglichkeiten gegeben, sondern ihm viele genommen. Für die Ingenieure ist die neue Formel toll.

Lautet das Fazit: Früher konnte man die Autos seinem Fahrstil anpassen. Heute ist es umgekehrt?

Vettel: Auf der einen Seite stimmt es. Aber du hast schon noch Möglichkeiten, die Parameter im Idealfall so zu bestimmen, dass du ein Auto hast, wie du es willst. Es ist halt nur komplexer als früher. Ich hätte es mir auch einfacher gewünscht. Das soll nicht heißen, dass die Autos heute schwerer zu fahren sind. Im Gegenteil. Sie sind nicht mehr so schnell. Die Überwindung, die Geschwindigkeit mit in die Kurve zu nehmen, in einer schnellen Kurve den Hintern zusammenzukneifen, ist nicht mehr so da. Weil die schnelle Ecke langsamer geworden ist. Das zu ändern, wird schwierig. Mehr Abtrieb heißt auch mehr Benzinverbrauch, und da bist zu eingeschränkt. Da fehlt ein bisschen die Transparenz. Der Zuschauer ist mit dieser Formel einfach überfordert.

Nagt es am Selbstbewusstsein, wenn die Leute sagen: Alonso und Hamilton können sich besser anpassen als Sie?

Vettel: Nicht wirklich. Ich sitze ja nicht im Mercedes und im Ferrari, um das Gegenteil beweisen zu können. Wenn man einen so guten Lauf hatte wie ich, macht man sich nicht nur Freunde. Dann gibt es unter den Fans halt welche, die sind auf Hamiltons oder Alonsos Seite, und welche die unterstützen mich. Das ist ein ganz normaler Prozess.

Sie haben die Niederlagen in diesem Jahr relativ locker weggesteckt. Was ist da mit Ihnen passiert?

Vettel: Locker ist relativ. Natürlich bin ich enttäuscht, wenn ich nicht ganz vorne stehe. Zunächst ist entscheidend, ob du selbst dafür verantwortlich bist oder nicht. Wenn die Technik streikt, dann ist das etwas, was nicht in meiner Hand liegt. Damit kann ich sehr viel entspannter umgehen. Beim zehnten Mal vielleicht mehr als bei ersten oder zweiten Mal. Es kam in diesem Jahr zu einem Punkt, dass ich mir selbst aufgeschrieben habe, was da alles kaputtgegangen ist. Auch um meine eigene Leistung nüchtern beurteilen zu können. Ich hänge das aber nicht an die große Glocke. Das weiß ich für mich selbst einzuordnen. Wenn ich abfliege, und der Unfall beeinflusst das Ergebnis oder den Rest des Wochenendes, dann ist das mein Bock. Damit kann ich unmöglich zufrieden sein.

In Abu Dhabi 2011 sind sie mit einem Reifenschaden ausgefallen, in einem Moment in dem Sie alles gewonnen hatten. Da konnte man Ihren Ärger sehen. Es hat sich also schon etwas geändert?

Vettel: Der Ehrgeiz ist nach wie vor da. Mit den Jahren kehrt sicher eine gewisse Ruhe ein. Und von außen kriegt man auch nicht immer alles so mit. Ich glaube, ich bin meinen Ingenieuren dieses Jahr schon sehr auf den Geist gegangen. Wir haben stundenlang miteinander gesprochen, was ich bestimmt nicht gemacht hätte, wenn es mich nicht interessieren würde. Ich hätte ja auch sagen können: Ist halt so, schaut zu, dass ihr dafür eine Lösung findet, und wenn Ihr soweit seid, sagt Bescheid.

Die Formel 1 ist ein brutales Geschäft. Haben Sie gespürt, dass sich das Team auf die Seite des Stallgefährten schlägt, der deutlich mehr Punkte hat als Sie?

Vettel: Eigentlich nicht. Ich glaube nicht an böse Geister oder Hokuspokus. Die Dinge passieren. Es hat mich einfach öfter erwischt als Daniel. Ich denke da nicht im Entferntesten daran, dass böse Absicht dahinter steckt. Ich habe auch nie das Gefühl gehabt, dass ich deshalb beim Team nur zweite Wahl gewesen wäre. Deshalb hat es auch nichts mit der enttäuschenden Saison zu tun, dass ich das Team wechsle.

Es ist kein Geheimnis, dass Sie die neuen Autos nicht mögen. Fährt dieses negative Gefühl im Unterbewusstsein mit?

Vettel: Immer weniger. Anfangs sicher mehr, als ich mir selbst eingestehen wollte. Aber das ist normal. Die Faszination, mit den schnellsten Autos so schnell wie möglich das ganze Rennen durch zu fahren, war von einem Jahr aufs andere nicht mehr da. Ich bin auch einer, der sehr an den Traditionen des Sports hängt. Wenn du den Motor kleiner machst als größer, bricht es mir das Herz. Das beeinflusst dich.

Sie beklagen sich, dass die Autos zu viel rutschen. Macht ein echter Slide nicht Spaß?

Vettel: Es ist ja leider kein Drift. Walter Röhrl hätte keine Freude daran, mit diesen Autos zu driften. Weil es nicht möglich ist. Du kommst ohne großen Geschwindigkeitsverlust nicht mehr davon. Dieses Rutschen kostet bei uns Zeit. Natürlich rudern wir etwas mehr am Lenkrad, und von außen sieht das auch spektakulärer aus, aber dafür sind die Geschwindigkeiten und die Belastung im Auto auch niedriger geworden. Der Grat, auf dem man sich bewegt, ist deutlich schmaler.

Gab es den Moment, wo Sie sich sagten: Ich habe alles gewonnen, ich brauche das nicht mehr, ich höre auf?

Vettel: Natürlich denkt man über alles Mögliche nach. Wenn plötzlich zwei Zylinder fehlen, wenn man das Auto nicht neu starten, sondern wie einen Computer neu hochfahren muss, dann fragst du dich schon: Was hat das noch mit Rennfahren zu tun? Aber es ist nach wie vor die Formel 1. Und was ist die Alternative? Die Autos sind langsamer geworden, aber immer noch die schnellsten, die es gibt.

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