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Sebastian Vettel im Interview

"Ich habe eine hohe Meinung von Fernando"

Sebastian Vettel GP Brasilien 2012 Foto: xpb 58 Bilder

Sebastian Vettel ist mit 25 Jahren der jüngste dreifache Weltmeister der Geschichte. Der Red Bull-Pilot spricht im Interview mit auto motor und sport über seine drei Titel und die abgelaufene Saison. Und darüber, dass er Fernando Alonso schnell als den Gegner gesehen hat, den er schlagen muss.

17.12.2012 Michael Schmidt

Sebastian Vettel jagt von Termin zu Termin. Der dreifache Weltmeister kennt die Tortur bereits von seinen ersten beiden Titeln. Da kann es bei dem Feiermarathon schon einmal vorkommen, dass er beim Hin- und Herjetten seinen Reisepass vergisst und vier Stunden am Zoll warten muss, bis er einreisen darf. So geschehen bei der Weltmeisterehrung der FIA in Istanbul. Es war das einzige Mal in dieser Saison, dass der Champion zu spät kam.

Die drei Titel haben alle ihre eigene Geschichte. 2010 und 2012 ähneln sich insofern, dass die Entscheidung erst im letzten Rennen fiel, und dass sein Gegner jeweils Fernando Alonso hieß. Doch 2010 war Vettel der Jäger und 2012 der Gejagte. Im Jahr dazwischen machte der 25-jährige Heppenheimer schon fünf Rennen vor Schluss alles klar. Sebastian Vettel erzählt in der jüngsten Ausgabe von auto motor und sport (Heft 27/2012), wie er die dritte Weltmeisterschaft im Vergleich zu den ersten beiden einschätzt. Alles begann schon im Jahr vor der Siegesserie.

"2009 war das erste Jahr bei Red Bull, in dem wir beweisen mussten, dass wir in der Lage sind Rennen zu gewinnen. Obwohl viele nicht damit gerechnet haben, dass es zum WM-Titel reichen könnte und es auch nicht unser erklärtes Ziel war, wurde es dann doch knapp. Es war dann schon ein schwerer Schlag in Brasilien, dass es nicht geklappt hat. Weil du ja nie weißt, dass du noch mal so nah hinkommst."

Perfekte Saison gelungen

Deshalb war der Titel 2010 praktisch Pflicht: "2010 hatten wir ein super Auto, das beste im Feld. Es wäre eine Enttäuschung gewesen, wenn wir 2010 nicht Weltmeister geworden wären. Obwohl es knapp war. Ich habe ein paar Fehler gemacht. Das Team hat ein paar Fehler gemacht. Im Idealfall fährt man mit so einem Auto lockerer zum Titel." Die zweite Weltmeisterschaft schiebt Vettel weniger auf das überlegene Auto als auf die Tatsache, dass dem Team und ihm die perfekte Saison gelang. "2011 hat man gesehen, dass wir unheimlich viel aus 2010 gelernt und keine Fehler mehr gemacht haben. Nach einem sehr starken Auftakt hatten wir keine schwache Phase. Nachdem wir mal drei Rennen in Folge nicht gewonnen hatten, wurde eine Krise herbeigeredet. Das war das größte Kompliment. Wir waren überall konkurrenzfähig, aber es war enger, als es die Leute von außen wahrgenommen haben. Wir haben einfach jedesmal das Optimum aus dem Auto herausgeholt und uns aus allen Scherereien herausgehalten."

Unser Auto war immer gut für die Top 5

In der abgelaufenen Saison sah Vettel lange nicht wie ein Weltmeister aus. Vor der Sommerpause hatte er 42 Punkte Rückstand auf Alonso. Und nach 13 Grand Prix nur einen Sieg auf dem Konto. "2012 ist eher vergleichbar mit 2010, aber mit dem Unterschied, dass wir nicht so viele Fehler gemacht haben. Es war generell viel mehr rauf und runter für alle. Manchmal hatten wir nicht den Speed, manchmal technische Probleme. Trotzdem immer ein Auto, das gut genug war für die Top 5. Selbst in China mit Startplatz elf und einem schlechten Start bin ich noch Fünfter geworden. Dadurch, dass Teams wie Sauber und Williams vorne reingefahren sind, haben diese Teams manchmal einem selber, manchmal den anderen die Punkte weggenommen. Alle hatten ihre Probleme mit den Reifen, alle hatten mal eine Qualifikation dabei, wo man sich gefragt hat: Was war denn jetzt los? Monaco ging im Training gar nichts, und im Rennen hätte ich von den Rundenzeiten her gewinnen können. Rein vom Speed her hatten wir 2010 aber ein besseres Auto als 2011 und 2012."

Wussten 2012 wird kein Selbstläufer

Zu Saisonbeginn musste Red Bull das Verlieren erst wieder neu lernen. Laut Vettel kein Problem: "Wir haben uns 2011 nie so gefühlt, dass alles normal war. Jeder Sieg war etwas Besonderes. Wir haben uns zu keiner Zeit erlaubt, etwas schleifen zu lassen. Noch nicht einmal, als die Weltmeisterschaft schon entschieden war. Trotzdem haben wir genauso eifrig die Daten studiert und hart gearbeitet wie vorher. Wir wussten, dass wir 2012 nicht eine Wiederholung von 2011 erwarten konnten. Deshalb sind wir ohne Erwartungen in die Saison gegangen. Wenn du den ganzen Hype bei Siegen nicht mitmachst, gibt es nachher auch keine so große Talfahrt. Deshalb haben die Niederlagen zu Saisonbeginn nicht so geschmerzt. Sie haben uns gezeigt, dass es richtig war, die Füße am Boden zu lassen. Wir haben uns gesagt: Lass die Spinner alle schreiben. Wir wissen, wie schnell sich die Dinge ändern können. Siehe 2010."

Auto wurde immer besser

Red Bull-Technikchef Adrian Newey brauchte eine halbe Saison, bis er aus dem RB8 wieder ein Auto gemacht hat, das regelmäßig Rennen gewinnen konnte. Davon profitierte hauptsächlich Vettel. Der Champion erklärt warum: "Ich habe mich einfach wohler im Auto gefühlt. Die Balance passte besser. Am Anfang hat das nicht so zusammengepasst. Das hat uns vor allem in der Qualifikation Probleme bereitet. Im Rennen bügelt sich viel aus. Auch wenn du nicht hundertprozentig happy bist, kriegst du noch ein gutes Rennen hin. Deshalb waren wir im Rennen immer konkurrenzfähig. Ich war lange nicht glücklich mit dem neuen Auspuff, obwohl der mehr Abtrieb bringt als die alte Version, die ich in China gefahren bin. Mit den neuen Auspuff konnte ich mit dem Auto nicht so spielen wie ich wollte, wie es für meinen Fahrstil passt. Ich nehme den Speed am Kurveneingang mit. Mark ist besser am Kurvenausgang. Erst die letzte Coanda-Lösung war näher an dem dran, was wir letztes Jahr hatten."

Alonso schnell als Hauptgegner ausgemacht

Obwohl lange nicht klar, wer für Vettel der härteste WM-Gegner wird, legte sich der Titelverteidiger schon früh auf seinen Hauptrivalen fest: "Es war mir schnell klar, dass Fernando mein Hauptgegner wird. Ich habe eine hohe Meinung von ihm als Rennfahrer und viel Respekt. Er war immer konstant dabei, auch wenn es mal nicht so gut bei ihm lief. Der Ferrari war früher konkurrenzfähig als wir nach den Wintertestfahrten alle gedacht hatten. Gut, der Sieg in Malaysia wäre vielleicht im Trockenen nicht passiert, aber ab Barcelona war der Ferrari bei der Musik. Die Stärke des Autos war, dass es überall schnell ist, selten der schnellste, aber überall dabei."

Trotz seiner drei WM-Titel punktet Vettel gegen Alonso in der öffentlichen Meinung schlechter. Wenn Alonso gewinnt, ist es der Fahrer, bei Vettel das Auto. Vettel lässt dieser Vorwurf kalt: "Das stört mich nicht. Fernando ist da auch selbst mit verantwortlich, dass die Leute das so sehen. Ich will mich danach nicht hinstellen und meine Leistung besonders herausstellen. Dabei haben wir auch Rennen gewonnen, die man nicht hätte gewinnen sollen. Monaco im letzten Jahr zum Beispiel. Da habe ich die Entscheidung getroffen, gegen alle Vernunft mit einem Stopp durchzufahren. Auch in Barcelona 2011. Da war Hamilton überlegen, ist aber an mir nicht vorbeigekommen."

Vettel wurde kaum überholt

Mangelnde Zweikampfstärke kann man Vettel nicht vorwerfen. Kein Fahrer hat seine Position besser verteidigt als er. Vettel wurde in der Saison '12 nur vier Mal überholt. In Monza von Alonso, in Austin von Lewis Hamilton, in Interlagos von Felipe Massa und Kamui Kobayashi. Der 26fache GP-Sieger war sich dieser Statistik gar nicht bewusst: "Das ist mir gar nicht aufgefallen. Hört sich natürlich gut an. Es hat aber nicht unbedingt was damit zu tun, dass sich einer besser verteidigen kann als der andere. Bei den aktuellen Reifen ist es manchmal schlauer, einen Gegner durchzuwinken als auf Teufel komm raus groß dagegen zu halten. Das kostet nur Reifengummi. Es kommt auch darauf an, was man für eine Waffe in der Hand hat. Für uns ist es manchmal schwierig, wenn der Topspeed nicht stimmt. Wenn ich bei einigen Rennen den Topspeed gehabt hätte, fahre ich an Jenson Button in Hockenheim anders vorbei, als es mir in diesem Jahr passiert ist. Oft war es so, dass wir trotz DRS gerade mal so nebendran kamen und den Rest auf der Bremse machen mussten oder außen herum."

Anpressdruck löst Reifenprobleme

Ein Problem dieser Saison waren die Reifen. Auch für Red Bull. Vettel hat seine eigene Meinung zu dem heiklen Thema: "Alle Autos hatten in diesem Jahr weniger Abtrieb. Das ist immer noch das Wunderheilmittel, das alle Reifenprobleme lösen kann. Deshalb wurde es auch im zweiten Teil der Saison besser, weil die Ingenieure mehr Anpressdruck gefunden haben. Einige Dinge lassen sich aber trotzdem nicht erklären. Du bringst den Reifen in das Fenster, sagen wir 120 Grad, und hast trotzdem keinen Grip. Da weißt du schon nach den ersten drei Kurven, dass du die Runde vergessen kannst. Schauen Sie sich die Qualifikation in Suzuka an. Da war Massa die ganze Zeit schneller als Alonso, und dann, als hätte der Blitz eingeschlagen, ging bei Felipe gar nichts mehr und Fernando hat sich wahnsinnig gesteigert. Ich bin sicher, dass Ferrari das auch nicht erklären kann. Wir haben ähnliche Erfahrungen gemacht. In Singapur fahre ich in Q2 die Zeiten von Hamilton, obwohl ich zwei Ecken nicht sauber hingekriegt habe. Und dann bin ich in Q3 fehlerlos unterwegs und bin langsamer als Lewis. Auf der anderen Seite wird Maldonado vom Q2 zum Q3 sieben Zehntel schneller. Kein Mensch wird das einfach so. Er hatte sein Reifenproblem eben in Q2, und dann haben die Reifen im Q3 für ihn gepasst. Da es in Singapur zwischen den Qualifikationsrunden weder wärmer noch kälter wird, ist der Zeitunterschied nicht mit den Bedingungen erklärbar. Du hast vielleicht gewisse Ideen, die manchmal beim nächsten Rennen helfen, manchmal nicht. Du kannst deine Ideen leider nicht mehr an Ort und Stelle verifizieren."

Vettel arbeitet wie besessen

Eines der Erfolgsgeheimnisse von Vettel ist seine Arbeitseinstellung. Er überlässt nichts dem Zufall. Nach jedem Rennen fliegt er nach England, um im Simulator zu fahren. "Halb zehn Uhr morgens fange ich an, viertel nach Fünf höre ich auf, mit einer Stunde Mittagspause dazwischen. Du fährst mehr Kilometer als an jedem Testtag. 160 statt 100 Runden im Vergleich. Bei richtigen Testfahrten geht viel mehr Zeit durch Schrauben am Auto verloren. Im Simulator drücken sie ein paar Tasten und schon hast du einen neuen Frontflügel drauf." Pro Rennwochenende sitzt Vettel elf Stunden in Besprechungen. Mehr als jeder andere. "Da hat jeder seine eigene Philosophie. McLaren macht es anders und hat trotzdem Erfolg. Für mich wäre das nichts. Ich bin es anders gewohnt und könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, zu gehen, bevor ich nicht alles durchgecheckt habe. Das ist so in mir drin. Ich wollte immer wissen, was passiert. Schon im Kart, nur hast jetzt den Luxus der Daten, um alles durchzuschauen."

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