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Sebastien Vettel hofft

"Der schönste Tag im Leben kommt noch"

Vettel WM-Feier GP Japan 2011 Foto: Red Bull 62 Bilder

Im Interview spricht der frischgebackene Weltmeister Sebastian Vettel über die Leidenschaft für die Formel 1, seine Siegermentalität und seine Probleme, Hilfe und Kritik anzunehmen.

14.10.2011 dpa
Sie haben nach dem Titelgewinn von einem Gefühl der Verwirrung gesprochen. In welchem Stadium sind Sie jetzt?

Vettel: Was ich damit meinte, ist, dass es sehr verwirrend ist, so schnell umzuschalten von dem Modus, in dem man sich das ganze Jahr befindet. Sich auf den Moment zu konzentrieren, jedes Rennen als einzelnen Schritt wahrzunehmen. Dann umzuschalten und zu verstehen, dass man das geschafft hat, was man sich als finales Ziel gesetzt hat am Anfang des Jahres, als oberstes Ziel. Zu realisieren, dass einem das keiner mehr nehmen kann, braucht seine Zeit. Nicht so sehr die Zeit dafür, zusammen mit den Leuten zu feiern. Ich brauche vielmehr für mich die ruhige Zeit im engsten Kreis oder die Zeit, für mich selbst allein zu sein, um das Ganze einsinken zu lassen und zu verstehen.

Sebastian Vettel wird in Japan F1-Weltmeister 45 Sek.
Gewinnen macht süchtig, haben Sie zuletzt gesagt. Wie haben Sie das gemeint?

Vettel: Beschreiben kann man das nicht. Es ist letztlich das Gefühl, auf dem Podium zu stehen. Wenn man weiß, wie viel es an einem Rennwochenende braucht, alles zusammenzukriegen, damit man die Chance hat, um überhaupt von vorn loszufahren. Wenn man dann das Rennen gewinnt, die Hymne hört, die Massen wie in Monza heranströmen - das Gefühl ist unschlagbar. Wenn man sich am Montag, wenn nichts los ist, aufs Podium stellt und vielleicht auch die Hymne spielen lässt, wird das nie dasselbe sein. Das ist nicht ersetzbar. Nach drei Tagen harter Arbeit diesen Moment genießen zu dürfen, das macht süchtig, weil er so schnell vorbeigeht. Das ist immer ein gewisser Rausch. Man verpasst manchmal, den Moment komplett aufzusaugen. Deswegen will man es immer wieder machen, damit man immer wieder ein Stück davon mitnehmen kann.

Wie viel Gefühl kann man sich in einer hochtechnisierten Welt wie der Formel 1 überhaupt erlauben?

Vettel: Ich glaube, sehr viel. Die Technologie ist sehr vorangeschritten, die Autos sind für viele sehr weit weg, haben nicht viel mit denen in der Serie zu tun. Aber man darf nicht vergessen, dass mehr als ein Großteil der Leute in der Formel 1 zunächst aus Leidenschaft dabei sind. Wenn man die vielen Stunden sieht, die man opfert, egal welchen Job man im Team macht, ob Mechaniker oder Ingenieur. Deshalb braucht man den Tick, die gewisse Verrücktheit, muss das lieben, was man macht. Sonst hält man es hier nicht so lange aus.

Ihre Karriere verlief bislang im Eiltempo. Was war der schönste Augenblick?

Vettel: Es gibt sehr schöne Momente, von früher und von heute. Ich kann mich an viele Dinge aus der Kartzeit und aus der Formel 1 erinnern. Man hofft aber, dass der schönste Tag im Leben noch kommt. Wenn man wie jetzt ich mit 24 hier sitzen würde und sagt, das war der schönste Tag meines Lebens, es wird nie wieder so schön, wie es vor knapp einer Woche war, das wäre sehr traurig. Wenn man Glück hat, dann hat man gut 70, 80 Jahre auf der Welt. Es gibt Dinge, die man mit 50 genießt, die man mit 25 nicht genießen würde. Und genauso mit 60 oder 70. Ich hoffe doch, dass man sich immer auf etwas freuen kann. Es gibt natürlich schöne Erinnerungen, aber auch Tiefschläge. Die muss man in sich tragen, damit man es zu schätzen weiß, wie gut es einem geht.

Erfolg bringt auch neue Gegner und viele Neider. Haben Sie in dieser Hinsicht schon Veränderungen festgestellt?

Vettel: Auf jeden Fall. Wenn man wie ich sehr früh mit Erwachsenen zu tun hat, reift man ganz anders und lernt, Leute einzuschätzen. Nach einer Zeit kann man recht gut beurteilen, tut der mir gut oder ist der schlecht für mich. Das muss man für sich entdecken, weil es viel dazu beiträgt, wie und mit wem man seine Laufbahn gestaltet. Es wird immer Zeiten geben, in denen man Fehler macht. Das ist auch gut so. Wenn man schlau genug ist, kann man aus diesen Fehlern lernen und gewisse Dinge von vornherein vermeiden.

Wie misstrauisch müssen Sie sein?

Vettel: Die Mischung macht es. Ich mache das hier lieber als alles andere auf der Welt. Das gibt mir eine Zufriedenheit, die ich nirgendwo anders finde. Ich habe als Kind andere Sportarten geliebt und ausgeübt, nach einer Zeit aber die Lust verloren. Das ging mir beim Motorsport nie so. Ich bin absolut verrückt nach dem Sport. Das braucht es auch. Ein gewisses Misstrauen kann sehr hilfreich sein, weil es einen davor beschützt, gewisse Fehler zu machen oder verletzt zu werden. Aber man muss den Leuten die Chance geben, dass man sich kennenlernt. Es ist nicht so, dass ich morgens aufstehe und denke, die Welt will mir etwas Schlechtes. Es gibt sehr viele Leute, die mir etwas geben. Das muss man schätzen. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Leute mir einen Brief schreiben, mit T-Shirt und Kappe an die Strecke reisen, Runde für Runde anfeuern und einen unterstützen.

Sie gelten als Wettkampf-Typ. Was bedeutet es Ihnen, sich mit anderen zu messen?

Vettel: Alles. Es gibt kaum eine Sache, bei der es mir egal ist zu verlieren. Wenn wir zum Spaß Fußball spielen und ich nicht in der Mannschaft bin, die gewinnt, dann stinkt mir das. Es wird immer Leute geben, die besser sind und einem die Grenzen aufzeigen. Aber vom Kleinen bis zum Großen verliere ich sehr ungern. Wenn es zu extrem wird, muss man sich vielleicht ein bisschen zügeln. Es ist sicherlich egal, wer als Erster morgens im Hotel auf den Liftknopf drückt und in den Aufzug steigt.

Ihr Wegbegleiter Helmut Marko hat gesagt, Sie hören sich jeden Rat an, akzeptieren Kritik aber nur mit Verzögerung. Stimmt das?

Vettel: Kritik ist sehr wichtig. Er hat das ganz gut beschrieben. Ich bin in mancher Hinsicht sehr stur. Auch wenn man mir nichts Böses meint und nur helfen will, brauche ich manchmal ein bisschen länger, das zu verstehen und die Hilfe anzunehmen. Ich will es dann allein schaffen, obwohl ich mich leichter tun würde, ein bisschen auf die anderen zu hören.

Kann es so etwas wie Freundschaft unter Formel-1-Fahrern geben?

Vettel: Ja und nein. Das Podium wurde so gestaltet, dass nur einer oben stehen kann - und nicht zwei oder drei. Aber man muss klar trennen können, was auf der Strecke ist und was daneben. Wirklich zu sagen, das ist ein echter Freund, ist schwierig. Man hat im Leben nicht so viele echte Freunde. Es gibt maximal eine Handvoll. Freundschaft unter den Fahrern ist nicht so einfach. Jeder ist doch sehr auf sich selbst bezogen, sehr ehrgeizig. Außerdem lebt jeder sein eigenes Leben. Wir schlafen nicht alle im gleichen Hotel oder wohnen im gleichen Dorf. Der eine wohnt in England, der andere in der Schweiz oder in Spanien. Aber es gibt schon Fahrer, mit denen man sich besser versteht und mit denen man auch mal Fahrrad fährt oder Sachen unternimmt. Aber so richtig nah heranlassen, das ist bei den Fahrern sicher nicht der Regelfall.

Sie haben früher ein klares Ziel für Ihre Zukunft vor Augen gehabt und es erreicht. Wie stellen Sie sich jetzt Ihre Zukunft vor?

Vettel: Sich als kleines Kind vorzustellen, was man erreichen will, ist sehr schwierig. Ab einem gewissen Alter ist man clever genug zu verstehen, dass einem nicht der rote Teppich ausgelegt wird. Man darf auf jeden Fall davon träumen, das habe ich sehr wohl getan. Ich habe mir vorgestellt, wie ich eines Tages in so einem Auto sitze und Rennen fahre und vielleicht auch gewinne. Aber man lebt so sehr in dem Moment, was auch das Gesündeste ist. Wenn man nur zurückschaut, kann man gar nicht fassen, was man erreicht hat. Schaut man nur nach vorn, lässt man alles, was zum Greifen und Genießen da ist, gar nicht an sich heran. Man muss in gewisser Weise planen, aber zu sehr - dafür war ich noch nie der Typ. Ich lasse es eher auf mich zukommen.

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