Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Sechs Gründe, warum Schumi niemals vergessen sein wird

Foto: dpa 12 Bilder

Niki Lauda und Jacques Villeneuve glauben, dass der Schuminator nach seinem Rücktritt bald in Vergessenheit geraten wird. Warum wir sicher sind, dass sich die beiden Ex-Weltmeister irren.

25.10.2006 Markus Stier

Der Kompromisslose

Egal, ob er im Regen in Shanghai wie ein Gewitter über Giancarlo Fisichella herfällt, in Monaco vom letzten Startplatz wie das Messer durch die Butter nach vorn stürmt oder seinen eigenen Bruder am Nürburgring in die Boxenmauer zu drängen versucht, Schumacher machte auf der Piste keine Gefangenen. Der unbedingte Siegeswille hebt den Schuminator im Guten wie im Schlechten von seinen Kollegen ab.

Ebenso berühmt wie für seine herausragenden Fahrmanöver ist Schumacher für seine Verzweiflungstaten. Sein Auto in den letzten Quali-Minuten in der Rascasse zu parken, damit ihm niemand mehr die Pole Position streitig machen kann, war ebenso unsportlich wie sein Foul an Jacques Villeneuve beim WM-Finale 1997. Auch seine Teams Benetton und Ferrari waren in Punkto Sportlichkeit Grenzgänger - Stallorder-Affären und technische Tricksereien keine Seltenheit.

Dabei hat Schumacher einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, nur seine Wahrnehmung ist zuweilen in den Augen von Öffentlichkeit und Kollegen etwas verschoben.

Der Supermotivierte

Einen solchen Arbeitswillen und eine so große Lust an seiner Arbeit hat die Formel 1 noch nicht erlebt. 15 Jahre lang fuhr Michael Schumacher ununterbrochen an der Weltspitze. "Der Kerl wird nie müde", sagt Ex-Weltmeister Keke Rosberg, einer der härtsesten Schumi-Kritiker. Wenn die Kollegen nach einer anstrengenden Saison in den Urlaub gingen, trat Schumacher zuweilen beim Kart-Winterpokal in Kerpen an.

Welcher Pilot steht schon im Januar beim Team auf der Matte und fragt: "Habt ihr nicht was zum Fahren?" Selbst in seiner letzten Saison spulte Schumacher über 16.000 Testkilometer ab, von den Stammpiloten riss nur Jenson Button mehr Kilometer ab. Wenn Frank Williams jüngeren Fahrern wie Juan Pablo Montoya oder Kimi Räikkönen Tipps gab, wie sie zur absoluten Weltspitze vorstoßen können, sagte der stets: "Schau dir an wie Schumacher lebt und mach es genauso."

Juan Pablo Montoya verlor seinen Erhgeiz und seine Spaß, Fernando Alonso spricht bereits davon, dass er mit einem dritten WM-Titel in der Tasche gern aufhören würde. Kimi Räikkönen will eigentlich nur ein einziges Mal Weltmeister werden und dann den Rückzug antreten. Ihnen gegenüber steht ein alter Hase, dessen kindliche Begeisterung für die Rennerei die Beobachter fragen lässt: Warum tritt der eigentlich zurück?

Der Mann ohne Affären

Man mag ihm sein Privatleben ja als langweilig bis zur Spießigkeit anlasten, Fakt ist, Schumacher ist ein Mann ohne private Skandale. Nie erwischte ihn die Polizei mit 200 Sachen auf der Autobahn, wo Tempo 100 erlaubt gewesen wäre. Schumacher ist in keine Verkehrsunfälle verwickelt. Klar muss sich jemand, der in der Schweiz wohnt als Steuerflüchtling beschimpfen lassen, aber Schumacher wurde nie wegen Steuerhinterziehung verfolgt.

Die Klatschpresse erwischte ihn nie volltrunken auf einer protzigen Motorjacht. Es gibt keine Fotos mit ihm und einem Fotomodell oder Filmsternchen. Schumacher liebt Corinna und seine Kinder, basta. In Zeiten, wo immer mehr Menschen rasend schnell zu Geld und Ruhm kommen, bleibt Schumacher auf dem Boden - ein echtes Vorbild.

Der Regengott

Natürlich war Michael Schumacher auch auf trockener Straße (wie zuletzt in Brasilien gesehen) ein unfassbares Vollgas-Tier. Aber was hat dieser Schumacher erst im Regen für Rennen gefahren? Unvergessen sein erster Ferrari-Auftritt 1996 in Barcelona, als er in den Fluten Kreise um alle anderen fuhr. Nur zwei Kollegen entgingen der Überrundung. Schon in seiner ersten vollen Saison zeigte er in Spanien, dass er Ayrton Sennas Status als Regenkönig keineswegs anerkannte. Meistens, wenn schwere Tropfen vom Himmel fielen, fuhr Schumacher sein eigenes Rennen. Ein kurzer Schauer wie 1996 in Spa reichte ihm, um ein im Trockenen unterlegenes Auto zum Sieg zu führen.

Wo die anderen mit Regenreifen um den Kurs eierten, ließ Schumacher nicht selten schon Intermediates aufziehen. Wenn das Feld auf Intermediates fuhr, war Schumacher häufig der erste, der auf Slicks wechselte. Egal, wie sehr sein Auto auch rutschte, im Lauf der Jahre schien es völlig absurd, dass auch ein Michael Schumacher auf nasser Piste abfliegen könnte (Diesen Eindruck widerlegte der Rekord-Weltmeister allerdings in seinen späten Formel 1-Jahren ein wenig).

Dennoch: Wenn der Himmel seine Schleusen öffnete, dann sprach die Fußballnation Deutschland seit den fünfziger Jahren von "Fritz-Walter-Wetter". Seit den frühen Neunzigern bedeutet Regen: "Schumi-Wetter".

Der Mannschaftsspieler

Auf der Strecke betrachtet, sprachen die Schumi-Kritiker häufig über die Charakterschwächen des Schuminators. Schumacher galt als der Mann, der nicht verlieren kann. Doch jenseits der Rennstrecke erwies sich der leidenschaftliche Fußballer auch in der Formel 1 als perfekter Mannschaftsspieler.

Wie oft haben die angeblich so viel größeren Persönlichkeiten Ayrton Senna, Alain Prost oder Nigel Mansell ihre Mannschaft öffentlich in den Senkel gestellt, wenn sie wieder einmal ausgefallen waren oder nicht gewinnen konnten. Als Michael Schumacher zu Ferrari kam, prophezeiten ihm intime Kenner des Teams wie Niki Lauda oder Gerhard Berger, dass der Deutsche ebenso an den Intrigen und der Politik bei den Roten scheitern werde, wie alle seine Vorgänger. Sie irrten.

Zusammen mit Freund Jean Todt und Ross Brawn formte ausgerechnet der zunächst so leidenschaftslose und kalte Tedesco aus der Ferrari-Mannschaft das beste Team des neuen Jahrtausends. Selbst in der desaströsen Saison 1996, als die "Bild-Zeitung" forderte, Schumacher solle möglichst schnell aus der "roten Gurke" steigen, stellte sich der Fahrer vor seine Mannschaft, warb um Geduld und ließ mit zwei herausragenden Siegen in Spa und Monza die Nörgler verstummen. Gleichzeitig konnte sich Schumacher darauf verlassen, dass ihm seine Teamleitung selbst, wenn er mal wieder Bockmist gebaut hatte, die Stange hielt.

Wenn Schumacher im Jubel wie in der Trauer alle seine Jungs umarmte oder abklatschte, war das keine Medieninszenierung. Ausgerechnet der Mann der bei seinem Wechsel zu Ferrari vor elf Jahren sagte, er habe mit dem roten Myhos nichts am Hut, machte Ferrari zu seiner zweiten Familie. Und bei den Tifosi wurde aus Respekt für den Überfahrer Liebe.

Der Uneinholbare

Wenn die Schumacher-Kritiker meinen, eine herausragende Position in der Statistik sei noch keine Rettung vor dem Vergessen, der erinnere sich doch mal an Juan Manuel Fangio. Die große Mehrheit der heutigen Formel 1-Gemeinde ist ebenso wie die meisten Fans viel zu jung, um den Argentinier zu aktiven Zeiten noch erlebt zu haben. Die große Mehrheit weiß auch nichts über Fangios Persönlichkeit. Dennoch kennt jeder Fan den Namen Fangio, denn er war der Mann, der mit seinen fünf WM-Titeln immer als der Uneinholbare in der Hall of Fame galt.

Es dauerte fünf Jahrzehnte, bis einer kam, der Fangios Rekord knackte. Wird es nun 70 Jahre dauern, bis einer kommt, der Schumacher ins zweite Glied rücken lässt? Alain Prost schien mit seinen 51 Grand Prix-Siegen uneinholbar, das gleiche galt für die 65 Pole Positions von Ayrton Senna. Schumacher (91) gewann um ein Haar fast so viele Rennen wie Prost (51) und Senna (41) zusammen. Abgesehen von den 256 Grand Prix-Teilnahmen von Riccardo Patrese und dem jüngsten Formel 1-Weltmeister Fernando Alonso existiert kaum eine bedeutende Bestmarke, die nicht von Michael Schumacher gehalten wird. Wer will ernsthaft behaupten, dass man sich daran nicht mehr erinnern wird?

Michael Schumacher
>>> Die wichtigsten Rekorde
>>> Alle Formel 1-Siege
>>> Alle Pole Positions
>>> Alle WM-Jahre


Wie alle großen Champions wird Schumacher eine Lücke hinterlassen. Ebenso wie sich die Formel 1-Fans nach Sennas Tod fragten, was ein GP-Sieg jetzt noch wert sei, wird man über die Formel 1 nach Schumacher sprechen. Natürlich hatte es Schumacher in seiner frühen Zeit nach dem Tod Sennas und den Rücktritten von Prost und Mansell einfacher als seine großen Vorgänger. Aber dafür kann Schumacher nichts, und seit den späten neunziger Jahren hat es mit den Häkkinens, Montoyas, Alonsos und Räikkönens auch nicht an schweren Brocken gefehlt.

Bei fünf WM-Titeln in Folge und 91 Siegen kommt leicht der Vorwurf auf, Schumacher habe die Formel 1 langweilig gemacht. Aber wenn wir in Jahrzehnten im Lehnstuhl sitzen, werden wir mit Ehrfurcht sagen: "Wisst ihr noch der Schumacher, was war das für ein Rennfahrer?" Und Fanatiker wie Kritiker werden einig sagen: die Schumacher-Ära war etwas Besonderes.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Beliebte Artikel Schumis Sündenregister
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden