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Senna-Zeitzeuge Karl Wendlinger (9)

"Es war ein Gefühl der Ohnmacht"

Karl Wendlinger - Formel 1 1994 Foto: Wilhelm 69 Bilder

Am 1. Mai jähren sich die tragischen Ereignisse des GP San Marino 1994 zum 20. Mal. Wir haben prominente Zeitzeugen nach ihren Erinnerungen an ein Wochenende gefragt, das Ayrton Senna und Roland Ratzenberger das Leben kostete. Die Wegbegleiter erzählen 11 Geschichten, die Sie bestimmt noch nicht kennen. Folge 9: Karl Wendlinger, damals im Sauber in Imola am Start.

29.04.2014 Michael Schmidt

"Ich habe dieses Wochenende in einer ganz komischen Erinnerung. Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen hatte ich nicht das Gefühl, dass die 94er Autos gefährlich waren. Sauber ist 1993 nicht mit einer aktiven Aufhängung gefahren. Tatsächlich war unser 94er Auto aerodynamisch weniger spitz als sein Vorgänger. Es war eher etwas zahmer zu fahren."

"Die drei Unfälle, Barrichello, Ratzenberger und Senna, das war so unfassbar, dass ich es gar nicht richtig verarbeiten konnte. Da war so viel Druck an diesem Wochenende, dass keine Zeit blieb, mir Gedanken darüber zu machen. Auch nach Imola nicht. Wir wollten in der Woche nach dem Rennen dort testen, was aber nicht ging. Also sind wir nach Le Castellet."
 
"Frentzen hat gesagt, dass er nervlich nicht in der Lage sei zu testen. Also bin ich ins Auto. Von dort bin ich zur Beerdigung von Roland nach Salzburg. Von dort zurück nach Monaco zum nächsten Rennen. Bis ich in Monte Carlo im Auto gesessen bin, war nichts mit Verarbeitung. Ich habe nie die Ruhe gefunden, meine Gedanken zu ordnen oder in eine Art Trauer über den Tod meiner Kollegen zu kommen. Erst nach meinem eigenen Unfall in Monte Carlo wurde mir so richtig bewusst, was da in Imola passiert ist."

Wendlinger mit guten Erinnerungen an Imola 1994

"Heute kann ich mich noch an viele Details des Wochenendes erinnern, obwohl es schon 20 Jahre her ist. Nach dem Barrichello-Unfall haben alle im Fahrerlager gesagt: Schau, in der Formel 1 kann dir nichts mehr passieren. Und dann hat der Sport am Tag darauf mit dem Tod von Ratzenberger seine Unschuld verloren."
 
"Das Unglaubliche war: Wir sind 15 Minuten nach dem Unfall wieder gefahren. Nach dem Motto: 'The show must go on.' Und ich war dabei. Wir wollten es einfach nicht wahrhaben, dass es passiert ist. Dabei hatten wir die offizielle Meldung von seinem Tod schon bekommen. Meine Freundin hatte das Gefühl, dass ich im Kopf so durcheinander war, dass ich alles abgeblockt habe. Die Frage, ob ich am Sonntag noch einsteigen sollte, hat sich für mich nie gestellt. Ich habe die Ereignisse vom Samstag einfach verdrängt."

"Vom Startunfall habe ich nur mitbekommen, dass Lehto links von mir nicht vom Fleck kommt. Den Einschlag von Lamy habe ich nicht gesehen. Das passierte hinter mir. Erst eine Runde später sah ich die beiden kaputten Autos am Streckenrand rumstehen."

Tränen bei Teamchef Peter Sauber

"Von Ayrtons Unfall weiß ich noch: Ich sehe gelbe Flaggen in Tamburello, komme um die Kurve rum und sehe gerade noch, dass da ein Williams steht. Aber erst sehr spät, und nur ganz kurz. Dann haben sie uns auf der Zielgeraden aufgehalten. Mein Renningenieur Tim Wright hat mir erzählt, dass Senna offenbar okay ist. Entweder, weil sie in der Box nichts mitbekommen haben oder mich beruhigen wollten. Irgendwann ging es weiter."
 
"Als ich in den Parc fermé komme, weil ich Vierter geworden bin, steht ein Journalist am Gatter, der mir erzählt, dass ein Sauber-Mechaniker von einem Rad getroffen wurde. Das hat sich später als falsch herausgestellt. Es waren Leute von Ferrari beteiligt, als der Minardi in der Box das Rad verloren hat. In der Box sehe ich, wie Peter Sauber an einem Reifenstapel lehnt und weint. Ich habe geglaubt, es geht um den Mechaniker. Dann erzählt er mir, dass Senna gestorben ist."
 
"Das war einerseits ein Schock, andererseits habe ich wieder komisch reagiert. Ich habe mit meinem Kumpel in der Box auf dem Boden gesessen. Er hat mir gesagt, dass ich aufhören soll. Damit ich mir nicht auch noch wehtue. Für mich kam das gar nicht in Frage. Die Unfälle und die Toten sind in meinem Kopf herumgeschwirrt, aber ich konnte meine Gedanken nicht ordnen. Es war ein Gefühl der Ohnmacht."
 
In unserer Bildergalerie erinnern wir mit den besten Senna-Fotos an die Karriere der Rennlegende.

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