Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Sid Watkins ist tot

Ex-Formel 1-Rennarzt gestorben

Sid Watkins Foto: Dani Reinhard 22 Bilder

Der langjährige Formel 1-Arzt Sid Watkins ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Auf seine Initiative hin wurden die medizinischen Standards bei Rennen und Testfahrten auf ihr heutiges Niveau gehoben. Der Arzt aus Liverpool war eine der schillernsten und beliebtesten Figuren im GP-Zirkus.

13.09.2012 Michael Schmidt

Motorsport wird nie hundertprozentig sicher sein. Aber er war noch nie so sicher wie heute. Hinter dieser Erkenntnis stehen zwei Namen: Max Mosley und Sid Watkins. Während Mosley immer neue Sicherheitsbestimmungen für Autos und Rennstrecken einforderte, verbesserte Sid Watkins die medizinische Versorgung an der Strecke. Am Mittwoch (13.9.) ist der Engländer sechs Tage nach seinem 84. Geburtstag gestorben.

Watkins initiiert medizinische Standards

Der ehemalige McLaren-Teamchef Ron Dennis brachte es auf den Punkt: "Er war kein Fahrer, kein Ingenieur, kein Designer. Er war ein Doktor und hat über all die Jahre wahrscheinlich mehr für die Sicherheit getan als jeder andere in diesem Zirkus. Viele Fahrer und Ex-Fahrer verdanken ihm ihr Leben. Seine Arbeit führte zu den Sicherheitsstandards, die viele Fahrer von heute als selbverständlich betrachten."

Sid Watkins wurde am 6. September 1928 in Liverpool geboren. Er studierte in der englischen Industriemetropole Medizin und spezialisierte sich später an der Universität von Oxford auf Neurochirurgie. Mit dem Motorsport kam Watkins schon in den 60er Jahren in Berührungen. Er arbeitete als Arzt an den Rennstrecken von Brands Hatch und Watkins-Glen. Auf dem amerikanischen GP-Kurs hatte er 1969 sein Schlüsselerlebnis, als sich Graham Hill bei einem Unfall Trümmerbrüche an beiden Beinen zuzog. "Wir sind fast zwei Stunden durch die Gegend gefahren und haben ein Krankenhaus gesucht. Die einen hatten geschlossen, bei anderen waren keine Ärzte im Dienst, die Graham hätten helfen können."

Da reifte in Watkins der Gedanke, Mindestsicherheitsstandards bei Grand Prix-Rennen einzuführen. Es dauerte aber noch bis 1978, bis er bei Bernie Ecclestone Gehör fand. Auf Initiative von Watkins hin wurde an allen Rennstrecken eine medizinische Notfallstation für die Erstversorgung von Verletzten gebaut. Er wählte vor Ort die diensthabenden Ärzte aus und erstellte einen Rettungsplan für Notfälle. Ein Rettungshubschrauber und Arztautos in Bereitschaft wurden Pflicht. Er stellte sicher, dass an einem GP-Wochenende in der nächstgelegenen Klinik alle relevanten Ärzte Dienst haben. Watkins, der im Fahrerlager nur mit ‚Professor‘ angesprochen wurde, übertrug die gleichen Standards später auch auf Testfahrten. 

Watkins riet Senna zum aufhören

Sid Watkins koordinierte die Einsätze, und er war meistens einer der ersten, die bei schweren Unfällen dem Fahrer beistand. "Ich bin in solchen Fällen der gute Onkel, der die Fahrer beruhigt und ihnen gut zuspricht. Die Erstversorgung wird durch die lokalen Ärzte sichergestellt, die darauf spezialisiert sind", pflegte er seine Rolle mit einem Augenzwinkern herunterzuspielen. Didier Pironi, Nelson Piquet, Gerhard Berger, Rubens Barrichello, Mika Hakkinen, Martin Donnelly, Nigel Mansell, Alex Caffi, Derek Warwick, Karl Wendlinger und Michael Schumacher waren nach ihren Unfällen froh, dass vertraute Gesicht des Professors zu sehen.

Mit vielen Fahrern verband ihn eine Freundschaft. Mitunter musste er streng mit ihnen sein. Als Nelson Piquet nach seinem schweren Trainingsunfall in Imola 1987 partout am Rennen teilnehmen wollte, verbot ihm Watkins einen Einsatz. Den Einwand des Brasilianers, er fühle sich fit, konterte Watkins schelmisch: "Du hast nur einen Schuh an. Das zeigt mir, dass der Schlag auf deinen Kopf härter war als du denkst." Piquet war ihm später dankbar. Er hatte bei dem Aufprall in die Mauer der Tamburello-Kurve eine schwere Gehirnerschütterung erlitten und litt als Folge ein halbes Jahr lang unter Schlaflosigkeit.

Tamburello wurde für Watkins sieben Jahre später zum persönlichen Trauma. 1994 in Imola war der Formel 1-Arzt im Dauereinsatz. Am Freitag half er bei der Bergung von Rubens Barrichello. Am Samstag war alle ärztliche Kunst vergebens, als Roland Ratzenberger ungebremst in die Mauer vor der Tosa-Kurve fuhr. Ayrton Senna vertraute Watkins am gleichen Abend an, dass er am liebsten mit dem Rennfahren aufhören wollte. Watkins antwortete seinem Freund: "Warum machst du es nicht? Du bist der Beste und kannst jederzeit Schluss machen. Lass uns zusammen Angeln gehen und die Formel 1 vergessen."

Senna hörte weg. Einen Tag später war er tot. Als der Grand Prix von San Marino in der siebten Runde abgebrochen und im Arztauto von Sid Watkins Alarm gemeldet wurde, dass in Tamburello ein Fahrer verunglückt sei, da wusste Watkins instinktiv, dass es sich nur um Senna handeln konnte. "Wir standen eingangs der Boxengasse und ich konnte die letzte Schikane sehen. Senna war nach dem Re-Start so aggressiv gefahren, sein Williams lag so unruhig auf der Bahn, dass ich eine böse Vorahnung bekam. Ich wusste ja, unter welcher Anspannung er stand. Als über Kopfhörer die Meldung durchgegeben wurde, rote Flagge, Unfall, Abbruch, da habe ich zu meinem Fahrer sofort gesagt: Das ist Ayrton. 30 Sekunden später waren wir am Unfallort und mein Verdacht wurde bestätigt. Ich hatte zum dritten Mal an diesem Wochenende die verdammte Pflicht, einem Fahrer das Helmband durchzuschneiden. Als ich seinen Kopf sah, ahnte ich, dass er das nicht überleben würde." Watkins machte sich später Vorwürfe, seinen Freund nicht eindringlicher zum Aufhören bewegt zu haben.

Watkins drängte auf HANS

Die Unfälle von Imola zogen weitere Sicherheitsmaßnahmen nach sich. Watkins kämpfte für den Hals- und Nackenschutz im Cockpit, einen Schaum gefüllten Kragen, der den Aufprall des Kopfes dämpft. Bis zuletzt bezeichnete der Engländer diese Erfindung als "das wirksamste Sicherheitsinstrument" der letzten 15 Jahre. Watkins drängte auch darauf, dass HANS zur Pflicht wurde. Die Fahrer verfluchten ihn zunächst, weil das Korsett, das den Kopf bei der Vorwärtsbewegung bremst, unbequem war. Watkins erwiderte: "Lass sie es ein Jahr tragen, und sie werden es gar nicht mehr wahrnehmen." Im Jahr 2005 zog sich Watkins zurück und übergab sein Amt an seinen Kollegen Gary Hartstein. Er setzte sich als Präsident des FIA Instituts für Sicherheit weiterhin für die Sache ein. 2011 ging er endgültig in Ruhestand, reichlich dekoriert mit Ehrenämtern. In Zusammenarbeit mit seiner Frau Susan brachte er ein Buch über Bernie Ecclestone heraus.
 

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden