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Singapur-Rätsel gelöst

Das lief bei Mercedes 2015 schief

Nico Rosberg - GP Singapur 2016 Foto: Wilhelm 31 Bilder

Mercedes hat sein Singapur-Trauma überwunden. Am Ort der bittersten Niederlage feierten die Silberpfeile einen grandiosen Sieg. Doch nicht nur über die Konkurrenz. Auch über sich selbst. Es war der letzte Beweis ein Rätsel gelöst zu haben, das ein Jahr lang geheim blieb.

22.09.2016 Michael Schmidt

Rückblende auf Singapur 2015. Lewis Hamilton und Nico Rosberg verlieren im Training 1,5 Sekunden auf die Ferrari und Red Bull. Im Rennen beträgt der Rückstand eine Sekunde. Zu keiner Phase haben die Silberpfeile eine Chance, in den Kampf um den Sieg einzugreifen. Es reicht nicht einmal für ein Podium. Von den sieben Niederlagen in der Hybrid-Ära war das die bitterste.

Doch Mercedes schwor Revanche. 2 Tage dauerte die Fehleranalyse. Dann glaubte man die Gründe zu kennen, warum die Autos keinen Grip fanden. Doch Teamchefs, Ingenieure und Fahrer mussten ein Jahr warten, bis sie die endgültige Antwort auf ihre Fragen hatten. Auch wenn die Erkenntnisse aus dem Brainstorming auf allen anderen Rennstrecke scheinbar funktionierten.

Ausmaß der Probleme öffnete neue Denkansätze

Teamchef Toto Wolff bezeichnete die Rückkehr an den Ort der Niederlage als „den letzten Beweis, das Experiment, das uns noch fehlt“. Schon nach der Pole Position von Nico Rosberg am Samstag entspannten sich die Gesichter.

Aus zwei Gründen. Der erste: Die Analyse war korrekt. Man hatte das Rätsel gelöst. Der andere. Aufgrund der speziellen Streckencharakteristik waren Red Bull und Ferrari im Renntrim gleichwertig. Mercedes brauchte das, was der Engländer „Track position“ nennt. Also die Pole Position. Dafür verfeuerte man auch alle weichen Reifensätze.

Toto Wolff lobte seine Truppe nach der erfolgreichen Trainingsmission: „Ich bin stolz auf den Job, den unsere Ingenieure gemacht haben. Wir wissen jetzt mit Bestimmtheit, was unsere Probleme vor einem Jahr verursacht hat, und wir haben sie abgestellt. Das Ausmaß der Probleme öffnete uns neue Denkansätze, die uns auf allen Strecken helfen.“

Mercedes erkennt Probleme zu spät

Doch als Wolff gefragt wurde, was genau die Silberpfeile vor einem Jahr bremste, bedauerte er: „Das bleibt geheim. Weil es auch unseren Konkurrenten helfen könnte.“ Auch die Ingenieure versuchen Nebel zu streuen. „Es war eine Kombination von 20 Gründen, die uns damals im Weg standen. Sie lagen in der Technik, der Reifenvorbereitung und der Arbeitsabläufe.“

Wir haben versucht, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Das mit den Arbeitsabläufen ist einfach. Niki Lauda klärt auf. „Wir sind zu spät aufgewacht. Im ersten Training sind wir Bestzeit gefahren. Alles wie immer, haben wir gedacht. Bei den Longruns waren wir zwar schon im Rückstand, aber die Ingenieure hatten tausend Erklärungen dafür. Erst im dritten Training am Samstag hat es geklingelt. Aber da war es schon zu spät zu reagieren.“ Die Lehre daraus: Bleibe misstrauisch, von der ersten bis zu letzten Trainingsrunde.

Lewis Hamilton - GP Singapur 2016Foto: sutton-images.com
Bevor der Mercedes die Box verließ, wurden die Reifen unterschiedlich vorgeheizt.

Der Trick mit der Heizdecke

Thema Reifenvorbereitung. Mercedes stellte 2015 erstaunt fest, dass die Rundenzeiten mit zunehmender Gummiauflage nicht entsprechend schneller wurden. Und dass die weichen Reifenmischungen nicht den Vorteil lieferten, den sie liefern sollten. Vorder- und Hinterreifen kamen nie gleichzeitig in ihr Arbeitsfenster. War der eine Reifen drin, fiel der andere schon wieder raus.

In diesem Jahr haben die Techniker besser aufgepasst. Weil Pirelli die Drücke an den Hinterreifen neuerdings absenkt, vorne aber weiter extrem hoch hält, wurde der Aufwärmprozess zur Wissenschaft. Die Hinterreifen waren wegen der größeren Walkarbeit sowohl außen wie innen schneller im optimalen Temperaturfenster.

Mercedes antwortete darauf mit einem Trick. Hinten wurden die Heizdecken vor den schnellen Qualifikationsrunden deutlich früher abgezogen als vorne. Bei Rosberg im Q2 und Q3. Bei Hamilton nur in der letzten K.O.-Runde.

Mercedes-Auto rollte in den Kurven zu stark

Der dritte Bereich ist der spannendste. Es geht um die Fahrzeugabstimmung. Offenbar hatte Mercedes 2015 seine Autos auf zu wenig Rollsteifigkeit und zu viel Federweg eingestellt, um in den langsamen Kurven mechanischen Grip zu generieren. Das Auto neigte sich in den Kurven zu stark um die Längsachse. Und das störte die Aerodynamik so nachhaltig, dass der mechanische Gewinn vom aerodynamischen Verlust aufgefressen wurde.

Der Mercedes W07 ist vielen Formel 1-Ingenieuren ein Mysterium. „Ich frage mich, wie Mercedes bei so geringer Anstellung so viel Abtrieb erzeugen kann. Das geht eigentlich nur, wenn das Auto in allen Lebenslagen möglichst stabil bleibt“, erklärt Force India-Technikchef Andy Green.

Da sind wir wieder bei dem intelligenten Fahrwerk, dass die Rollsteifigkeit und Bodenfreiheit in Abhängigkeit von Kurventyp, Bodenwellen, Randsteinen und Asphaltbeschaffenheit kontrolliert. Dessen Feintuning aber einer Doktorarbeit gleichkommt.

Die Pleite von Singapur 2015 gab den Ingenieuren wichtige Lösungsansätze. Mercedes setzt das Pseudo-FRIC übrigens nicht immer ein. Nur dort, wo das Auto in den Kurven stabil und über Unebenheiten komfortabel bleiben muss.

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