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Singapur-Skandal

Renault muss vor den FIA-Weltrat

Fernando Alonso Foto: Wolfgang Wilhelm 56 Bilder

Jetzt kommt es ganz dick für Renault. Der Verdacht, dass der englisch-französische Rennstall den Ausgang des GP Singapur 2008 manipulierte, hat sich erhärtet. Deshalb hat der FIA-Weltrat Renault am 21. September zu einer außerordentlichen Sitzung nach Paris zitiert.

04.09.2009 Michael Schmidt

"Die Teamverantwortlichen werden zusammengerufen, um sich zu den Anschuldigungen zu äußern", heißt es in der FIA-Vorladung. Dabei spricht der Weltverband erstmals offen aus, was dem Team genau vorgeworfen wird: "Ein Verstoß gegen Artikel 151c des Internationalen Sportgesetzbuches, indem das Team mit dem Fahrer Nelson Piquet Jr. 2008 in Singapur einen absichtlichen Crash verursacht hat, um eine Safety-Car-Phase auszulösen und dem anderen Piloten, Fernando Alonso, einen Vorteil zu verschaffen."

Neben der Zeugenaussage von Nelson Piquet dürfte die FIA wohl die Datenaufzeichnungen des Rennens als wichtigstes Beweismittel in der Verhandlung einbringen. Die Funksprüche werden dagegen wohl nicht zur Aufklärung beitragen. Ein solcher Komplott muss vorher abgesprochen sein. Die Teams wissen, dass die FIA die Funksprüche abhört. Darüber sind schon McLaren und Lewis Hamilton in der Lügenaffäre gestolpert.

Piquet wurde offenbar nicht nur von den FIA-Fahndern befragt. Auch zivile Anwälte führten das Kreuzverhör durch, um auszuschließen, dass der Brasilianer die Geschichte als Revanchefoul für die vorzeitige Entlassung bei Renault erfunden hat. In Spa mussten Flavio Briatore, Chefingenieur Pat Symonds und die Renningenieure bei der FIA zum Rapport.

Alles Zufall oder perfekt arrangiert?

Was war genau an jenem 28.September 2008 in Singapur passiert? Die Renault-Piloten Fernando Alonso und Nelson Piquet starteten von den Plätzen 15 und 16. Zumindest Alonso hatte den Speed für eine bessere Platzierung, was seine drittschnellste Runde später im Rennen bewies. Ein Problem mit dem Benzindruck hatte den Spanier zu Beginn der zweiten Qualifikationsrunde lahm gelegt.

Zu aller Überraschung tankte Alonso trotz seiner schlechten Startposition bereits in der 12. Runde. Er lag zu diesem Zeitpunkt an elfter Stelle und fiel logischerweise ans Ende des Feldes zurück. Nelson Piquet fuhr mit einem fast vollgetankten Renault abgeschlagen auf Rang 16 um den Kurs. Ihm fehlten am Ende des 13. Umlaufs bereits 76,4 Sekunden auf die Spitze. In der Runde darauf schlug der Renault mit der Startnummer 6 in der 135 km/h schnellen Kurve 17 hart in die Mauer ein.

Alonso profitiert perfekt vom Safety-Car

Da Piquet eine Zeitlang im Auto sitzen blieb, rückten das Safety-Car und das Medical-Car aus. Für zwölf Fahrer war diese Wendung des Rennens fatal. Nur Mark Webber, David Coulthard und Rubens Barrichello am Schwanz des Feldes konnten gerade noch vor Schließung der Boxengasse zum Tanken abbiegen. Trotz der glücklichen Fügung kamen sie hinter Alonso auf die Strecke. Der Rest musste warten.

Nach der alten Safety-Car-Regel waren Tankstopps so lange verboten, bis sich das Feld komplett hinter dem Führungsfahrzeug gesammelt hatte. Nico Rosberg und Robert Kubica konnten nicht warten. Bei ihnen ging der Sprit zu Neige. Sie mussten wegen ihrer Stopps in den Runden 15 und 16 später noch einmal auf die Strafbank. Der Rest tankte regelkonform in Runde 17. Da Alonso dank des Safety-Cars wieder zum Feld aufgeschlossen hatte, reihten sich alle Favoriten nach ihrem ersten Tankstopp hinter dem Renault-Piloten ein.

Erster Renault-Sieg 2008

Die Einstopper Jarno Trulli und Giancarlo Fisichella an der Spitze des Feldes waren für Alonso kein Problem. Sie bogen in den Runden 29 und 33 zum Tanken ab und waren danach aufgrund der hohen Benzinladung so langsam unterwegs, dass sie von ihrer Taktik nicht profitieren konnten. Alonsos Auto war ebenfalls randvoll mit Benzin, aber zu einer Phase, als das Safety-Car das Tempo einbremste. Der Ex-Champion musste erst in Runde 41 wieder tanken. Da die Rundenzeiten in der Safety-Car-Phase relativ langsam waren, hielt er trotz des hohen Fahrzeuggewichts die Reifen gut in Schuss.

Bis zu seinem zweiten Tankstopp konnte er sicher sein, dass ihn keiner mehr überholt. Er hatte den Speed für schnelle Runden, und er hatte einen wirksamen Puffer zwischen sich und Lewis Hamilton, dem schnellsten Mann auf der Strecke nach Felipe Massas Missgeschick mit dem abgerissenen Tankschlauch. Die Puffer waren die Red Bull-Piloten Mark Webber und David Coulthard. Sie kosteten Hamilton soviel Zeit, dass Alonso an der Spitze bequem auf und davon fahren konnte, bis er mit seinem zweiten Stopp an der Reihe war.

Renault droht harte Strafe

Wer das Rennen genau analysiert, wird feststellen, dass Alonso ohne Piquets Crash nicht hätte gewinnen können. Das Zeitfenster für das Heraufbeschwören einer Safety-Car-Phase war denkbar knapp. Es liegt auf der Hand, dass der Unfall in der 14. Runde passieren musste, um davon zu profitieren - nach Alonsos Stopp aber noch vor den Tankstopps der Konkurrenz. Und der Crash musste gut geplant sein. An einer Stelle, wo kein Kran steht, der das Unfallauto schnell wegheben könnte. Mit einer Aufprallgeschwindigkeit, die sicherstellt, dass genügend Wrackteile auf der Strecke liegen. Und mit dem Trick, dass der Fahrer so lange im Auto sitzen bleibt, bis die Rennleitung das Medical-Car losschickt.

Wer sich mit diesen Hypothesen im Hinterkopf den GP Singapur noch einmal anschaut, der muss gestehen: So könnte es gewesen sein. Sollten sich die Verdachtsmomente bei der offiziellen Einvernahme der Beteiligten erhärten, dann droht Renault der Ausschluss aus der WM oder eine Geldstrafe, die in der Größenordnung von McLarens Spionagefall ausfallen könnte. Der englische Rennstall bezahlte 100 Millionen Dollar an die FIA.

Gewinnt Rosberg ersten Grand Prix am Grünen Tisch?

Bei einer Verurteilung von Renault müssten die Mitwisser der bösen Tat abdanken. Damit würde es eng für Teamchef Flavio Briatore und einige leitende Ingenieure. Fernando Alonso erwartet nur eine Strafe, wenn man ihm nachweisen kann, dass er von der Aktion gewusst hat. Das ist vermutlich schwierig. Auch Piquet junior wird nicht mit einem blauen Auge davonkommen. Vielleicht werden die Richter Milde walten lassen, weil er geständig war. Der Skandal könnte auch zivilrechtliche Konsequenzen haben, weil bei einem manipulierten Ergebnis die Opfer Schadenersatz fordern werden.

Wahrscheinlich muss die FIA bei einer Verurteilung das Klassement des GP Singapur ändern und Alonso den Sieg absprechen. Dann hätte Nico Rosberg am grünen Tisch seinen ersten Grand Prix gewonnen. Rosberg war neben Kubica eines der wahren Opfer der Aktion. Die beiden mussten wegen ihres verbotenen Tankstopps später zu einer Stop-and-go Strafe an die Box. Auf die Weltmeisterschaft hätte eine Resultatsänderung nur insofern Einfluss, dass Lewis Hamilton den Titel mit drei statt mit einem Punkt Vorsprung gewonnen hätte. Er wäre bei einem Ausschluss von Alonso Zweiter statt Dritter geworden.

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