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So kritisch steht es um Ferrari

Das Problem von Ferrari sitzt in Turin

Kimi Räikkönen - Ferrari - Formel 1 - GP Russland - 30. April 2016 Foto: Wolfgang Wilhelm 23 Bilder

Ferrari ging mit großen Hoffnungen in die neue Saison. Doch Mercedes hat schon doppelt so viele Punkte auf dem Konto und Sebastian Vettel 67 Punkte Rückstand auf Nico Rosberg. Dazu ist man mit Motoren im Rückstand. Das Problem aber ist Scharfmacher Sergio Marchionne mit unerfüllbaren Forderungen.

07.05.2016 Michael Schmidt

Mercedes gewinnt und gewinnt. Und entschuldigt Ferrari für seine Niederlagen. "Wir haben kein einziges Mal die wahre Stärke von Ferrari gesehen", redet Nico Rosberg den Gegner stark. Tatsächlich hat es Ferrari bis jetzt nicht geschafft, ein Rennen ohne Pannen, Kollisionen oder Defekte über die Bühne zu bringen. Es gibt aber auch keine Anzeichen, dass sich der Abstand zu Mercedes dramatisch verringert, wenn mal alles glatt läuft.

Sochi als Ernüchterung für Ferrari

Sochi war eine Ernüchterung. Sebastian Vettel verlor im Training 0,706 Sekunden auf den schnellsten Silberpfeil. Trotz Motoren-Aufrüstung. Und Rosberg hätte noch schneller gekonnt. Den letzten Qualifikations-Versuch brach er nach einem Verbremser mit bester Zwischenzeit ab. Im Schnitt der Startaufstellungen der ersten vier Rennen sind die Mercedes auf eine Runde um 0,65 Sekunden schneller.

Kimi Räikkönen kam beim GP Russland in einem intakten Ferrari hinter zwei angeschlagenen Mercedes ins Ziel. Mit 31,9 Sekunden Rückstand auf Rosberg und 6,9 Sekunden auf Hamilton. Dabei ist der Weltmeister in den letzten 16 Runden wegen seiner Motorprobleme mit angezogener Handbremse gefahren. Vier davon schneller als Räikkönen. Der durchschnittliche Rückstand im Rennen beträgt 22,4 Sekunden.

11 zu 6 Token für Mercedes

So weit die Fakten. Auch die Punktestände sprechen eine eindeutige Sprache. In der Konstrukteurs-Wertung steht es 157:76 für Mercedes. Räikkönen und Vettel sehen Rosberg derzeit nur mit dem Fernglas. Der eine muss 57 Punkte aufholen, der andere 67. Ist das schon eine Vorentscheidung? Wenn sich selbst Hamilton fragt, ob der WM-Zug für ihn bereits abgefahren ist, dann müssen das die Ferrari-Piloten erst recht tun.

Ferrari mag besser sein als seine Resultate, trägt aber schon nach vier Rennen einen viel zu großen Rucksack mit sich herum. Vettel fährt bereits mit seinem dritten Motor, seiner jeweils zweiten Einheit von Turbolader, MGU-H, MGU-K und Leistungselektronik. Fünf pro Komponente gibt es für die ganze Saison. Er kann sich ausrechnen, wann er die ersten Strafen absitzen muss. Rosberg ist mit allen Elementen noch im Plan. Also der ersten Einheit. Für Ferrari ist es nur ein geringer Trost, dass Hamilton genauso tief im Sumpf steckt.

Ferraris erste Motorrevision im Bereich des Brennraums verschlang drei Entwicklungs-Token. Damit sind nur noch sechs übrig. Zwei weitere werden die modifizierten Turbolader kosten, die für den GP Kanada avisiert sind. Ziel der Maßnahmen: Der Turbolader soll über die MGU-H mehr elektrische Leistung generieren, ohne dass der Motor Power verliert.

Auch Mercedes investierte 2 Token, hat aber immer noch 11 in der Hinterhand. Und im Gegensatz zu Ferrari musste Mercedes keinen neuen Motor in das System einschleusen. Das Benzinsystem ist ein externes Teil. Der nächste Nachschlag soll mit der Serie der zweiten Motoren beim siebten Rennen in Kanada kommen.

Ferrari verliert auch in den Kurven Zeit

Vom höchsten Topspeed im Training darf man sich nicht täuschen lassen. Vettel war nur am Messpunkt schneller als die Mercedes, vermutlich weil er sich von Räikkönen im Windschatten hat ziehen lassen. Über die gesamte Gerade verteilt gewinnt der Mercedes. Damit haben die Silberpfeile auch einen Vorteil beim Spritverbrauch. So widersinnig das klingt. Wer weniger Zeit auf der Geraden verbringt, spart Benzin. Weil weniger lang die Maximalmenge von 100 kg/h eingespritzt wird.

GPS-Messungen dokumentieren, dass Ferrari nicht nur auf den Power-Abschnitten Zeit verliert. Vettel büßte in den Kurven 13 und 14 allein 0,25 Sekunden auf Rosberg ein. Vor allem in langsamen und mittelschnellen Passagen machen die Mercedes Boden gut. Das liegt an der besseren Traktion, an der unempfindlicheren Aerodynamik in Bezug auf Lastwechsel und das Rollen des Autos in den Kurven. Nur in den schnellen Ecken ist Ferrari auf Zack. Deshalb werden die roten Autos in Barcelona auch wieder näher am großen Rivalen dran sein.

Seit den Testfahrten hört man von einem großen Aero-Upgrade aus Maranello, das noch kommen soll. Jetzt auch wieder vor Barcelona. Doch außer Retuschen an den Bremsbelüftungen, am Diffusor und am Frontflügel blieb der ganz große Schlag bislang aus. "Wir bringen dieses Jahr lieber zu jedem Rennen kleinere Schritte", sagte Vettel in Sochi. Ob das reicht? Mercedes hat für den GP Spanien eine Aerodynamik-Offensive angekündigt.

Mit Lichtgeschwindigkeit aufholen

Mit jeder Niederlage wird der Druck aus der Zentrale für Ferraris Söldner an der Strecke größer. Oberindianer Sergio Marchionne will Ergebnisse für das Geld sehen, das er in das Unternehmen Weltmeisterschaft gesteckt hat. Was soll er sonst seinen Aktionären erklären? Der Ferrari-Kurs ist seit Börsenstart gefallen. Der Erfolgsdruck hat Ferrari über den Winter zu technische Risiken gezwungen und die Ungeduld des Präsidenten wird die Ingenieure zwingen, diese Politik fortzusetzen, solange das Ziel nicht erreicht ist. "Wir sind beim Motor vielleicht einen Schritt zu weit gegangen", gab Teamchef Maurizio Arrivabene in Sochi zu.

Das eigentliche Problem von Ferrari sitzt in Turin. Weil Marchionne weltfremde Forderungen stellt. Mit Sprüchen wie "Wir müssen mit Lichtgeschwindigkeit aufholen. Mein Bild von Ferrari ist das aus der Schumacher-Zeit. Es bricht mein Herz, uns so leiden zu sehen", gießt der Fiat-Manager weiter Öl ins Feuer. Was er dabei vergisst: Ferrari hat einen guten Job über den Winter gemacht, sein Paket um 1,8 Sekunden verbessert. Dumm nur, dass sich Mercedes ähnlich gesteigert hat. Marchionne muss noch lernen, dass man in der Formel 1 nur sein eigenes Schicksal beeinflussen kann.

Das Pulverfass steht kurz vor der Explosion. Sebastian Vettel spielt nicht umsonst die Feuerwehr. Er versucht Ruhe in die Partie zu bekommen und sieht die Dinge lieber positiv als negativ. Vettel schürt Hoffnung mit Entwicklungsstufen, die ihm versprochen sind. "Ich weiß, was noch kommt. Und ich vertraue meinen Leuten." Gleichzeitig versucht er schlechte Stimmung schon im Ansatz zu ersticken: "Denkt nicht so negativ", fordert er die Kritiker auf. Das erinnert uns an Michael Schumacher, als er Ferrari 1996 nach einer Pannenserie den Rücken stärkte, wo er nur konnte.

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