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Stirling Moss & Lewis Hamilton im Gespräch (1)

"Der Schreck kam immer erst hinterher"

Lewis Hamilton & Stirling Moss - Monza - Mercedes - 2015 Foto: Wilhelm / Seufert 32 Bilder

auto motor und sport traf Lewis Hamilton, Sir Stirling Moss und zwei Mercedes W196 in Monza. Nach drei Runden in der Steilwand plauderten die englischen Rennlegenden über Gott und die Welt. Im ersten Teil geht es um die Silberpfeile von einst und heute, Unfälle und das Fahrgefühl in der Monza-Steilwand.

18.05.2015 Michael Schmidt

Hamilton: Für was ist das? (Zeigt auf einen beweglichen Luftschacht links vor dem Cockpit des Stromlinien-Mercedes W196)

Moss: Eine Schleuse, um bei Hitzerennen Frischluft ins Cockpit zu kriegen. Ich konnte sie mit einem Schalter im Cockpit öffnen und schließen.

Hamilton: Wofür habt ihr die Windschutzscheibe gebraucht?

Moss: Ohne sie konntest du den Kopf nicht gerade halten. Mir ist das Ding beim GP Italien 1955 gebrochen. Ich musste an die Box. Typisch Mercedes. Die Jungs waren auf alles vorbereitet. Sie haben die Scheibe in 36 Sekunden ausgetauscht. Für das nächste Rennen war eine versenkbare Ersatzscheibe geplant, die du vom Cockpit aus bei Bedarf hochfahren konntest. Aber es gab ja kein nächstes Rennen mehr.

Hamilton: Für was ist dieser Flügel da auf der Seite? (Zeigt auf die horizontale Finne beim W196 mit freistehenden Rädern)

Moss: Er sollte verhindern, dass Regenwasser oder Steine von den Vorderreifen ins Cockpit geschleudert werden. Es hatte nichts mit Aerodynamik zu tun.

Hamilton: Wie war das damals mit der Bremskraftverteilung?

Moss: 60 zu 40 nach vorne. Und bei euch?

Hamilton: Das hängt von der Strecke ab. Und ob du im Rennen oder im Training bist. In der Qualifikationsrunde passe ich sie fast jede Kurve vom Lenkrad aus an.

Moss: Wie gefällt dir das Motorengeräusch von unserem Achtzylinder?

Hamilton: Der Sound von dem W196 ist irre. Besonders wenn du beim Runterschalten Zwischengas geben musst. Da brüllt der Motor richtig auf. Das ist es, was den Rennsport aufmacht. Ich mag es auch, mit der Hand zu schalten und wenn du das Geräusch hörst, wenn die Gänge einrasten. Du bist mehr mit dem Auto verbunden. Das letzte Mal, dass ich Zwischengas geben musste, war in einem Formel Renault-Auto.

Moss: Das Schaltschema ist verkehrt herum. Hast du dich schnell dran gewöhnt? Wie fühlt sich die Übersetzung an?

Hamilton: Ja das ging ziemlich schnell. Die Übersetzung ist überraschend kurz. Ich war im Handumdrehen im fünften Gang.

Moss: Wie hoch könnt Ihr heute drehen?

Hamilton: Theoretisch bis 15.000/min. Aber da kommst du nie hin. Wir fahren in einem Bereich darunter. Das ist effizienter vom Spritverbrauch und der Leistung her.

Hamilton: Weißt du, was mich überrascht hat? Die maximale Leistung bei Deinem Achtzylinder setzt bei 4.000/min bis 4.500/min ein. Das ist fast wie ein Turbo-Boost. Was war eigentlich das modernste Formel 1-Auto, das Du mal ausprobiert hast?

Moss: Ein Tyrrell. Herr Tanaka, der Besitzer der Aida-Strecke in Japan, hatte mich eingeladen, eines seiner Autos zu fahren. Muss 1994 oder 1995 gewesen sein. Er hat mich davor gebeten, ihn nicht zu überholen. No way, habe ich geantwortet. Ich wollte das Auto ja spüren. Und ich kann mich noch gut erinnern, wie erstaunt ich war, dass du aufs Gas steigen konntest, und die Räder haben praktisch nicht durchgedreht. Schon damals hatten die Autos genug Abtrieb auf der Hinterachse.

Hamilton: Und die fetten Reifen. Die machen viel aus. Wir haben in unseren Autos heute viel Schlupf.

Moss: Wirklich? Was machst du dann?

Hamilton: Du musst das Gaspedal streicheln. Früh hochschalten, um das Drehmoment klein zu halten.

Moss: Wie viel Power habt ihr?

Hamilton: Das sagen sie dir nicht. Irgendetwas zwischen 700 oder 800 PS. Es fühlt sich aber nach mehr an, weil wir so viel Drehmoment haben.

Moss: Baut sich die Leistung gleichmäßig auf?

Hamilton: Ja, weil wir das Turboloch mit Elektropower füllen. Die Fahrbarkeit ist wunderbar. Irgendwie machen die ganzen technischen Möglichkeiten von heute schon Spaß. Aber wenn du dann den Mercedes W196 fährst, denkst du dir: Wäre schon toll, wenn das Rennfahren wieder etwas natürlicher wäre. Mit einer Handschaltung, dem Sound, etwas weniger Abtrieb. Aber wenn du dann einen Unfall hast, sitze ich lieber in meinem Auto.

Moss: Was wäre Dein ultimatives Rennauto?

Hamilton: Wahrscheinlich wäre das beste Formel 1-Auto irgendetwas aus den 80er Jahren mit den Sicherheitsfeatures von heute. Ich bin Laudas McLaren von 1985 und Sennas McLaren von 1988 in Goodwood gefahren. Das war auch eine coole Erfahrung.

Moss: Wenn du in deinem Mercedes keinen einzigen Knopf drücken dürftest: Wärst du dann langsamer?

Hamilton: Nicht so viel. Am meisten würde ich es bei der Bremskraftverteilung spüren. Die Knöpfe helfen vor allem im Rennen, um auf die Reifen aufzupassen. Je nach Strecke ist der Vorderreifen oder der Hinterreifen mehr belastet. Je nachdem beginnst du das Rennen dann mit einem unter- oder übersteuernden Auto. Durch die Reifenabnutzung wird daraus dann ein ausbalanciertes Auto. Und das kannst du mit den Einstellungen am Lenkrad in die eine oder andere Richtung steuern. Was war damals ein schnelleres Auto, Stirling: Tendenz zum Unter- oder Übersteuern?

Moss: Leichtes Übersteuern war immer besser. Wenn du damit umgehen konntest. Ich konnte natürlich mein Auto während des Rennens nicht verstellen. Wir mussten mit dem Setup leben, das wir uns im Training erarbeitet hatten.

Hamilton: Hey, ich war ganz oben in der Steilwand, knapp von der Leitplanke weg. Wie war das bei euch vor 60 Jahren?

Moss: Wir sind auch ganz oben gefahren. Mit 270 Sachen.

Hamilton: Wow. Da durfte aber nichts schiefgehen. War die Steilwand damals auch so wellig.

Moss: Ich bin das erste Mal seit 60 Jahren wieder mit dem Mercedes W196 durch die Steilwand. Das erste, was mir auffiel: Die Bodenwellen sind immer noch da. Fast noch schlimmer.

Hamilton: Die Fahrt heute war der Hammer. Die intensivste Erfahrung war, wie präzise du in der Steilwand fahren musstest. Zum Schluss bin ich eine schnellere Runde alleine gefahren. Ich habe den W196 mit jeder Faser meines Körpers gespürt. Was macht er, wo will er jetzt hin? Im Vergleich zu meinem aktuellen Mercedes sind die Reaktionen zwar etwas träger, aber du musstest jede Sekunde bereit sein. Das Auto hat auf den Betonplatten immer wieder versetzt. Einmal bin ich einen halben Meter nach links Richtung Leitplanke gesprungen. Da hältst du schon mal kurz die Luft an. Aber das größte war die gemeinsame Fahrt mit Dir, Stirling. Als ich dich mit deinem alten Helm und der Rennbrille in der Stromlinie schräg vor mir sah, hatte ich das Gefühl, in einem deiner Rennen von früher mitzufahren. Jetzt weiß ich, was ihr damals gefühlt haben müsst.

Moss: Ich habe dich nie gesehen. Du warst über mir.

Hamilton: Schau dir das Video an. Ich habe dir während der Fahrt zugerufen: Hey Stirling, wie geil. Du hast dich nur auf die Strecke konzentriert.

Moss: Mir ist in einem Maserati mal die Lenkung gebrochen. Ich bin mitten in der Steilwand, plötzlich habe ich die Arme über Kreuz. Das Auto ist oben gegen die Leitplanke und hat sich dann nach innen gedreht. Das war der Schreck meines Lebens.

Hamilton: Du hast mir mal erzählt, dass du im Falle eines Unfalls gehofft hast, dass du rechtzeitig aus dem Auto geschleudert wirst. Wir denken heute genau das Gegenteil. Das letzte, was du dir wünschst ist, dass du aus dem Auto fliegst. Hattet ihr damals Angst?

Moss: Nicht während des Unfalls. Da hast du um dein Leben gekämpft. Der Schreck kam immer erst hinterher. Da hast du dir gedacht: Junge, das war aber knapp.

Hamilton: Ich hatte drei Unfälle in der Formel 3, die mich ein bisschen durchgeschüttelt haben. Der erste in Brands Hatch. Der zweite in Oulton Park. Und dann noch einer auf dem Nürburgring. Jedes Mal hatte ich eine Gehirnerschütterung. Ich wollte natürlich jedes Mal so schnell wie möglich zurück ins Auto, um wieder Vertrauen zu finden. Andererseits wusste ich: Wenn du jetzt nochmal einen Unfall hast, war es das.

Moss: Ja, du willst so schnell wie möglich eine Bestätigung, dass der Unfall mental keine Spuren hinterlassen hat.

Hamilton: War dein Fahrstil eigentlich anders als der von Fangio?

Moss: Nein, wir waren uns sehr ähnlich. Ich bin ihm oft auf der Strecke hinterhergefahren. Da konnte ich mir abschauen, was er macht. Es gab ja keine Daten. Andere Fahrer habe ich eher danach ausgespäht, wo ihre Schwächen lagen. Damit ich sie im Rennen einfacher überholen kann.

Hamilton: Wir wissen immer, was der Gegner macht. Alles ist aufgezeichnet, jede Bewegung, jede Linie, beim Teamkollegen sogar jede Setupänderung. Wir legen die Kurven übereinander und sehen genau, wer wo fünf Meter später gebremst hat. 

Moss: Ich musste mich damals Kurve für Kurve an die Strecke herantasten. Wir hatten auch noch kleine Tricks damals. In Reims bin ich vor einer schnellen Trainingsrunde in der letzten Haarnadel immer in den Notausgang gefahren. Wenn du von dort Anlauf genommen hast, bist du schneller über die Zielgerade gekommen als auf der normalen Rennlinie.

Hamilton: Was, das gab es damals? Heute hättest du gleich eine Strafe am Hals, wenn du mit allen vier Rädern die Strecke verlässt.

Moss: Das mit den vielen Strafen ist lächerlich. Du fährst so aggressiv wie es nötig ist, um deinen Gegner zu schlagen. Wie viel darfst du dir noch erlauben, Lewis?

Hamilton: Nichts mehr. Ich darf nicht immer alles sagen, was ich denke. Das mit den Strafen ist jetzt besser geworden. Die Kommissare sind relaxter. Aber wir haben immer noch zu viele Regeln. Alles wird kontrolliert. Das Problem ist, dass eine Regel nie alle Szenarien abdecken kann. Deshalb wird hin und wieder gezwungenermaßen mit zweierlei Maß gemessen.

Hier geht's zum >> zweiten Teil des Gesprächs zwischen Lewis Hamilton und Stirling Moss.

In unserer Bildergalerie zeigen wir Ihnen die spektakulären Fotos vom gemeinsamen Ritt durch die Monza-Steilwand.

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