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Taktik-Check Aserbaidschan

Darum war Baku kein Krimi

Nico Rosberg - GP Aserbaidschan 2016 Foto: Mercedes 25 Bilder

Die Erwartungen waren hoch. Jeder rechnete mit einem turbulenten Grand Prix mit vielen Unfällen und Safety-Cars. Am Ende wurde ein ganz normales Rennen ohne Überraschungen. Trotz 8 unterschiedlichen Strategien. Schuld an der Hausmannskost waren die GP2-Rennen davor.

22.06.2016 Michael Schmidt 1 Kommentar

Die Zutaten stimmten. Eine spektakuläre Strecke. Die Mauern, so nah wie in Monte Carlo. Kaum Platz für Fehler. Keine Kräne, um Autos schnell wegzuheben. 33 Grad Hitze als Materialkiller. Eine fast 2 Kilometer lange Zielgerade, die das Überholen so einfach machte wie nie zuvor. Eine Startaufstellung mit Lewis Hamilton auf Platz 10 und Nico Hülkenberg auf Rang 12. Zwei Fahrer, die nach vorne wollten und die in Autos saßen, die es ihnen erlauben sollten, es auch zu tun.

Alle rechneten mit einem großen Spektakel. Mit Drehern, Unfällen, Safety-Cars, Überholmanövern, vielen Ausfällen und überraschenden Wendungen. Manche hatten sogar ein mulmiges Gefühl. Die GP2 gab einen Vorgeschmack. Auf der Strecke herrschte Krieg.

Beim Hauptrennen am Samstag fielen so viele Autos aus, dass alle Fahrer im Ziel Punkte bekamen. Am Sonntag reihte sich eine Safety-Car-Phase an die andere. Bei jedem Re-Start gab es in der ersten Kurve Krawall. Weil die Fahrer mit kalten Reifen und kalten Bremsen viel zu spät den Anker warfen. Es gewann Antonio Giovinazzi, der Mann vom 21. Startplatz.

Die logischste Taktik war die beste: Supersoft-soft

Das machte Lust auf mehr. Und schraubte die Erwartungen hoch. Vielleicht zu hoch. Der Grand Prix von Europa bot nur Hausmannskost. Schuld war das Rahmenprogramm. Die Formel 1-Piloten hatten sich die GP2-Chaosrennen genau angeschaut. Sämtliche Fallen waren vorher bekannt. Die Teamchefs bläuten ihren Fahrern ein, dass sie nur ins Ziel kommen müssten, dann würden sie schon Punkte holen. Und das fuhr im Hinterkopf mit.

So blieb jeder brav. Unfälle? Fehlanzeige. Dreher? Ein paar harmlose Ausrutscher in der ersten Kurve, wo der Platz bis an die russische Grenze reichte. Ausfälle? Nur 4 Autos überlebten die Materialschlacht nicht. Reifendramen? Man suchte sie mit der Ausnahme Red Bull vergebens. Die Reifen hielten ewig. Rio Haryanto fuhr auf dem Soft-Reifen 48 Runden. Nico Hülkenberg auf dem Supersoft 31. Und Max Verstappen drehte in der 30. von 31 Runden mit seinen Medium-Gummis noch die drittschnellste Rennrunde.

Die 22 Fahrer kamen mit 8 unterschiedlichen Strategien über die 51 Runden-Distanz. Die logischste Taktik war auch die beste: Supersoft-Soft. Sieger Nico Rosberg fuhr sie, auch seine Verfolger auf den Plätzen 2 bis 6. Unterschiedlich war nur das Timing der Boxenstopps. Wer an den Hinterreifen Körnen bekam, musste früh an die Box. Wie Kimi Räikkönen und Kevin Magnussen. Räikkönen tauschte schon in Runde 8 seine Supersoft-Walzen gegen eine Garnitur Soft. Rosberg hielt bis Runde 21 durch.

Wechsel auf Medium war eine Verzweiflungstat

Die Alternativ-Strategie mit Soft-Reifen am Anfang wählte nur Nico Hülkenberg. Sie war im Prinzip nicht schlecht. Hülkenberg steckte aber zu lange im Verkehr. Das ruinierte die Reifen früher als gedacht. Er stoppte bereits in Runde 20 statt 30 und musste seinen Force India 31 lange Runden auf der weichsten Mischung ins Ziel tragen.

Das gleiche passierte Lewis Hamilton. Er fuhr mit seinem ersten Satz 6 Runden kürzer als sein Teamkollege. Im Verkehr litten die Hinterreifen. Körnen durch Rutschen. „Den Zeitpunkt zum Stopp diktierten die Reifen und nicht seine Probleme mit der Motorsoftware“, verraten die Mercedes-Strategen.

Total verzockt hatte Red Bull. Im Bestreben auf der Geraden mit Mercedes und Ferrari mithalten zu können, schnallten sie Monza-Flügel ins Heck und stellten das Fahrwerk so aggressiv ein, dass die Reifen schnell auf Temperatur kamen. Und genauso schnell wieder oben aus dem Arbeitsfenster rausschossen. Der Supersoft-Reifen gab für 4 Runden Grip, der Soft-Gummi für 10.

Der Wechsel auf Medium war eine Verzweiflungstat. Aber sie funktionierte. Die Red Bull machten Tempo, als hätte sie plötzlich jemand wachgeküsst. „Hätten wir das geahnt, wäre es ein ganz anderes Rennen geworden“, glaubt Teamberater Helmut Marko. Doch das konnte keiner vorhersehen.

Kein Mensch war einen ernsthaften Longrun mit der härtesten Reifensorte in Pirellis Angebot gefahren. Als die Red Bull plötzlich flogen, packten auch HaasF1 für Romain Grosjean und Manor für Pascal Wehrlein den Medium-Reifen aus. Auch sie fuhren ihre jeweils schnellsten Rennrunden auf den Medium-Sohlen.

Vettel mit viel Gefühl für die Reifen

Ferrari ging den umgekehrten Weg wie Red Bull. Die Roten packten an der Vorderachse Abtrieb drauf und trimmten das Fahrwerk weicher, um die Vorderreifen stärker zu belasten. Das half in den langsamen Kurven, kostete aber etwas Top-Speed. Unter dem Strich hat Ferrari richtig taktiert. Gegen die Mercedes hatte man sowieso keine Chance. Dafür hielten sie ihre Reifen in Schuss. Und das war der Schlüssel zu Sebastian Vettels zweitem Platz.

Vettel bewahrte Ferrari vor einem weiteren Taktikfehler. Als er in der 8. Runde an die Box gerufen wurde, bat Vettel draußen zu bleiben. „Ich verstehe, dass unser Team Angst vor einem Undercut von Ricciardo hatte, aber ich fühlte mich auf meinen Reifen noch gut.“

Ein schneller Abgleich mit den Daten bestätigte den Fahrer. „Als wir dann sahen, dass die Lücke zu Ricciardo immer weiter aufging, bestand die Gefahr nicht mehr, nach dem Stopp hinter ihn zu fallen“, erzählte Rennleiter Maurizio Arrivabene. Vettel hielt bis Runde 20 durch, ging als Zweiter in die Box und kam als Dritter wieder raus. Hinter Teamkollege Räikkönen, der ihn später vorbeiließ. Somit war die Taktik voll aufgegangen.

Neuester Kommentar

"Am Sonntag reihte sich eine Safety-Car-Phase an die andere. Bei jedem Re-Start gab es in der ersten Kurve Krawall. (...) Das machte Lust auf mehr."

Herr Schmidt, verstehe ich Sie richtig, dass Sie Lust auf Unfaelle und Safety Cars haben?

Ephaeton 22. Juni 2016, 13:33 Uhr
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