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Taktikcheck GP Abu Dhabi 2016

Ein Team gegen Hamilton

Lewis Hamilton - Formel 1 - GP Abu Dhabi 2016 Foto: Wilhelm 70 Bilder

Normalerweise bestimmt das Team die Taktik. In Abu Dhabi nahm Lewis Hamilton das Heft selbst in die Hand – und Mercedes versuchte ihm das auszutreiben. Im Taktik-Check verraten die Strategen, wie ihnen das Leben schwer gemacht wurde.

30.11.2016 Michael Schmidt 4 Kommentare

Es war ein Rennen, wie es die Formel 1 ganz selten gesehen hat. Der Spitzenreiter fährt absichtlich langsam. Weil er alles probieren will, um Weltmeister zu werden. Dazu muss sein Gegner Vierter werden. Da die Mercedes wieder einmal haushoch überlegen sind, geht das nur, wenn Lewis Hamilton an der Spitze bummelt. Und Nico Rosberg stirbt tausend Tode, weil sich hinter ihm Autos stauen, die seine WM-Mission gefährden könnten. Im ersten Stint waren das Daniel Ricciardo und Kimi Räikkönen, im dritten Sebastian Vettel und Max Verstappen.

Hamiltons Verzögerungstaktik diktierte Mercedes und dem Rest des Feldes die Strategie. Die ersten 4 Fahrer konnten nur innerhalb von 1,685 Sekunden über die Ziellinie fahren, weil Hamilton das Tempo über weite Strecken des Rennens um 1,5 Sekunden drosselte. Mercedes zitterte am Kommandostand um den Sieg. Die Strategen haben Hamiltons Taktikspielchen erwartet. Deshalb haben sie sich im Vorfeld einige Erziehungsmaßnahmen ausgedacht, für den Fall, dass es der Spielverderber zu weit auf die Spitze treibt.

Erziehungsmaßnahmen für Hamilton

Im Rückblick waren für Mercedes die ersten 7 Runden schlimmer als die letzten 18. Weil da die Gefahr größer war, dass Rosberg durch Undercuts der Gegner zurückfällt. Am Ende hätten die Verfolger ihn auf der Strecke überholen müssen. Auf ziemlich abgefahrenen Reifen. Im letzten Abschnitt waren Mercedes die Hände gebunden. Sie konnten Hamilton nur noch Instruktionen geben. Doch die verhallten ohne große Wirkung.

Für den ersten Stint gab es bei Mercedes Plan A, B oder C. Je nachdem, was Hamilton alles aus dem Hut zaubern würde. „Im ersten Stint hat er mehr gebummelt als im dritten. Das zeigen die Daten. Normalerweise hätten wir nach 6 Runden 4 Sekunden Vorsprung haben müssen. So aber lagen 4 Autos lagen innerhalb von nur 2,5 Sekunden. Mit der ganzen Gefahr von Undercuts.“

Das früheste Fenster die Fahrer an die Box zu holen, tat sich in Runde 7 auf. „Das Fenster bezog sich auf Nico, nicht auf Lewis. Wir wollten Lewis vor Verstappen, Nico aber auf jeden Fall vor Räikkönen rausbringen.“

Idealerweise hätte Mercedes bis zur 10. Runde mit dem ersten Boxenstopp gewartet. „Der frühe Stopp barg ein 20 Prozent-Risiko. Ein Safety-Car zum Beispiel. Und wir mussten dadurch die beiden anderen Stints verlängern.“

Mercedes hatte Lewis vorgewarnt, dass man auf Langsamfahren notfalls mit einem vorgezogenen Boxenstopp von Rosberg reagieren würde. Trotzdem hatte man an der Boxenmauer den Verdacht, dass Hamilton schon in dem frühen Stadium sein eigenes Spiel treibt.

„Lewis wusste, dass seine Reifen in Runde 7 noch in Ordnung sein würden. Wir mussten damit rechnen, dass er den Befehl ignoriert und draußen bleibt. Das wäre für Nico das Schlimmste gewesen, weil er dann seine Position gegenüber den Ferrari und Ricciardo verloren hätte. Deshalb wurden beide Fahrer gleichzeitig an die Box gerufen. Wir hatten für beide frische Reifen bereitgelegt. Wir haben Nico erklärt: Wenn Lewis reinfährt, bleibst du eine Runde länger draußen. Sonst kommst du rein.“

Die Gefahr, dass die Reifen auskühlen

Im Mittelstint herrschte am Mercedes-Kommandostand gespannte Ruhe. Rosberg hing hinter Verstappen fest, und Hamilton baute einen Vorsprung von bis zu 4,9 Sekunden auf. Doch kaum war Rosberg an Verstappen vorbei, schaltete Hamilton wieder auf Schneckentempo um, damit Rosberg aufschließen konnte. Er fuhr 1,5 Sekunden langsamer als möglich. Das diktierte den Zeitpunkt der zweiten Reifenwechsel bei Mercedes in den Runden 28 und 29. Idealerweise wären beide jeweils 5 Runden länger gefahren.

Auch hier blieb den Strategen nichts anderes übrig, als auf die Taktik von Hamilton mit einer Gegentaktik zu antworten, um den Doppelsieg nicht zu gefährden. „Alle Autos außer Vettel waren schon in der Box. Verstappen lag auf den weichen Reifen weit genug zurück. Die Lücke zwischen Lewis und Nico hat sich plötzlich dramatisch verringert. Wir wollten verhindern, dass er Nico über einen zu langen Zeitraum aufhalten kann. Das hätte ihn am Ende Positionen gegen die Red Bull und die Ferrari kosten können.“

Bei der Tempoverschleppung am Ende gab es ein anderes Problem: „Das Risiko war da, dass Lewis auch noch den Sieg verspielt. Auf dieser Strecke bekommst du irgendwann ein Problem mit körnenden Reifen. Vor allem wenn du langsam fährst. Wenn das passiert, wäre Lewis echt in Schwierigkeiten geraten. Aber das hat ihn nicht interessiert. Er hatte nur den Titel im Kopf.“ Rückblickend mussten die Ingenieure anerkennend eingestehen: „Lewis hat meisterhaft das Tempo verschleppt. Es ist eine Kunst langsam zu fahren ohne dabei die Reifen zu schädigen.“

Verstappens und Vettels Taktik nicht auf dem Radar

Für Mercedes war es trotz der Überlegenheit ein kompliziertes Rennen. Weil Hamiltons Taktik ein ganz eigenes Problem kreierte, das einerseits für sich selbst gelöst werden musste, andererseits aber auch auf eine Art, dass die Konkurrenz nicht davon profitiert. Der Balanceakt war deshalb so schwierig, weil Verstappen und Vettel mit einer Strategie unterwegs waren, auf niemand vorbereitet war.

Wer konnte schon wissen, dass Verstappen in der zweiten Kurve Letzter ist und seine einzige Chance in den Kampf um das Podium zurückzukehren ein Einstopp-Rennen ist? Und wer hatte es auf dem Radar, dass Vettel einen langen zweiten Stint fahren würde, um am Ende mit Supersoft-Reifen anzugreifen? Die eine Taktik bedingte die andere. Doch beide waren schwer abzuwehren.

Red Bull und Ferrari haben mit Verstappen und Vettel alles richtig gemacht. Dafür aber auch Ricciardo und Räikkönen geopfert. Verstappens Einstopp-Rennen konnte nur funktionieren, weil Ricciardo mit einem frühen Boxenstopp dazu verwendet wurde, die Ferrari zu kontrollieren. Der Platz an Räikkönen war zwar durch dessen Stopp in Runde 7 schon verloren. Doch Red Bulls Antwort auf Vettels Reifenwechsel in der 8. Runde hielt Ricciardo wenigstens noch vor dem zweiten Ferrari.

Aus Sicht von Ricciardo natürlich völlig unsinnig. So gab er den Vorteil der Supersoft-Reifen auf und blieb trotzdem hinter Räikkönen hängen. Im Zweikampf mit dem Ferrari-Piloten ruinierte sich der Australier dann auch noch den zweiten Reifensatz. Auch Ricciardo hätte wie Verstappen ein Einstopp-Rennen fahren können, dazu noch aus einer wesentlich besseren Position heraus.

Verstappens Tempo und sein Reifenmanagement waren beeindruckend, aber eines ist auch klar: Nur Hamiltons langsame Fahrt hat ihn ins Rennen zurückgebracht. Er konnte die Supersoft-Reifen nur so lange fahren, weil er auf die Spitze praktisch nichts verloren hat.

Ferrari hat mit Vettel perfekt reagiert. Nachdem die Red Bull schon in den Runden 21 und 24 ihren letzten Reifensatz aufgezogen hatten, wurde entschieden mit Vettel das Gegenteil zu machen, mit dem zweiten Reifensatz lange draußen zu bleiben und ihn für das Finale auf Supersoft-Reifen zu setzen.

Idealerweise hätte man mit Kimi genauso taktieren müssen. Die Plätze an die Red Bull waren durch Ricciardos frühen zweiten Stopp in der 24. Runde aus Sicht des Finnen bereits verloren. Er hätte sie nur mit einer alternativen Reifenwahl wieder zurückgewonnen.

Ein-Stopp-Strategie war eine lohnende Alternative

Unter dem Strich war die Reifenfolge ultrasoft-soft-soft die gewinnbringende Strategie. Sieben Fahrer waren auf ihr unterwegs. Neben Sieger Hamilton noch Nico Rosberg, Kimi Räikkönen, Nico Hülkenberg, Sergio Perez, Felipe Massa und Pascal Wehrlein. Die Ricciardo-Taktik kopierten noch Esteban Gutierrez, Felipe Nasr und Carlos Sainz. Keiner außer Ricciardo kam in die Nähe der Punkteränge.

Vettel war mit seinem Ultrasoft-soft-supersoft-Rennen nicht allein. Auch Fernando Alonso taktierte so. Der Spanier ging sogar noch eine Runde später als Vettel auf die Supersoft-Sohlen. Er war zum Schluss der Schnellste des Trios Perez-Massa-Alonso, kam aber nicht mehr vorbei. „Dazu fehlte uns der Top-Speed“, meinte Teamchef Eric Boullier grimmig. Reifenflüsterer Sergio Perez kam in den letzten Runden noch in Schwierigkeiten: „Ich habe meine Reifen zu Beginn des Stints zu stark verheizt. Da wollte ich die Lücke zu Nico zufahren“, erzählte der Mexikaner.

Einstopp-Rennen gab es nur an 2 Fronten. Bei Max Verstappen notgedrungen. Er streichelte seine Supersoft-Reifen bis Runde 21. Eine Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass er dabei 7 Kollegen überholen und sich rundenlang gegen Rosberg verteidigen musste.

Marcus Ericsson machte es umgekehrt. Er hielt 38 Runden auf den Soft-Reifen durch, um am Ende auf Supersoft-Sohlen zu setzen. Der Taktikcoup brachte den Schweden von Platz 22 auf Rang 15. Er kam vor Felipe Nasr an, der vor ihm losfuhr, aber zwei Mal Reifen wechselte. Der Brasilianer verlor allerdings beim zweiten Boxenstopp 8 Sekunden wegen eines Frontflügeltauschs. Im Ziel lag er 5,3 Sekunden hinter Ericsson.

Neuester Kommentar

Ricciardo sollte sich langsam Gedanken machen, warum er mehrmals in diesem Jahr schon auf die schlechtere Taktik gesetzt wurde. Er wird bei RB eindeutig als Nummer 2 gesehen, obwohl er meiner Meinung nach der Schnellere der beiden Piloten ist. Echt ein übles Spiel, dass da mit ihm getrieben wird. Bin mal neugierig, wie das kommendes Jahr weitergeht.

TomAndMir 1. Dezember 2016, 12:52 Uhr
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