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Taktik-Check GP Deutschland 2016

Red Bull spielte zwei Karten

Red Bull - GP Deutschland 2016 Foto: Red Bull 72 Bilder

Lewis Hamilton fuhr in Hockenheim mit einer konservativen, aber logischen Taktik zum Sieg. Er hatte keine Herausforderer. Red Bull spielte 2 Karten und brachte damit beide Fahrer aufs Podium. Man profitierte aber auch ein bisschen von Nico Rosbergs Pannenserie. Der Taktikcheck.

03.08.2016 Michael Schmidt

Der GP Deutschland war kein Fest für Taktiker. Es gab zwar 8 unterschiedliche Strategien, doch keinen Joker, mit dem man ein schnelles Auto hätte in die Knie zwingen können. Die Taktik des Siegers zahlte sich auch für Sebastian Vettel, Kimi Räikkönen, Nico Hülkenberg und Sergio Perez aus. Alle fünf kamen in die Top 10. Und alle fünf wählten 3 Stopps.

Das war jedoch nicht von Anfang an klar, wie die Mercedes-Strategen erzählen. „Die Prognosen lagen zwischen 2 und 3 Stopps. Alles hing davon ab, wie die Supersoft-Reifen im ersten Stint halten würden. Nach 9 bis 10 Runden begann der Supersoft bei unseren Gegnern abzubauen. Das hat die Dreistopp-Taktik festgelegt.“

Red Bull holte Max Verstappen an die Box, um einem Undercut von Rosberg zuvorzukommen. Die Red Bull-Ingenieure bewiesen einen guten Riecher. Rosberg wurde tatsächlich schon nach 11 Runden aus dem Verkehr geholt.

Dann setzte der Herdentrieb ein. „Die Stopps von Nico und Max waren wie ein Zeichen für den Rest des Feldes. Die meisten haben sich danach ausgerichtet und sind vielleicht ein bisschen früher reingekommen als geplant. Ferrari schien zunächst ein bisschen unsicher, hat sich dann aber auch für 3 Stopps entschieden. Wer vor Runde 15 den ersten Stopp abwickelt, schafft praktisch kein Zweistopp-Rennen mehr“, so die Erklärung aus dem Mercedes-Lager.

Hamilton schont den Motor

Für Hamilton war das Rennen nach der ersten Kurve gelaufen. „Alles was er dann tun musste, war den Abstand zu Red Bull zu managen und die Lücke nicht unter 6 Sekunden fallen zu lassen.“ Als Ricciardo in der 61. Runde einmal auf 5,7 Sekunden heranrückte, war im Cockpit mit der Startnummer 44 kurz „Hammer time“ angesagt, und die Lücke wuchs wieder auf über 6 Sekunden an. „Danach habe ich wieder meinen Motor geschont“, meinte Hamilton cool.

Rosbergs Rennen war dagegen eine Berg- und Talfahrt. Nach dem Start lag der WM-Zweite nur auf Platz 4. Die Kupplung biss zu fest zu. Damit ging das ganze Drehmoment auf die Hinterräder. Das bedeutete zu viel Schlupf.

Der Undercut gegen die beiden Red Bull beim ersten Stopp funktionierte nicht, weil Verstappen gleichzeitig an die Box kam und Rosberg auf Daniel Ricciardo eine Sekunde beim Reifenwechsel verlor. Rosberg war nun im Gegensatz zu Hamilton auf Supersoft-Reifen unterwegs. „Für den geplanten Undercut brauchten wir das Maximum aus dem Reifen“, erklären die Taktik-Experten.

Für den dritten Stint bekam Rosberg wieder eine Garnitur Soft. „Er hält länger und ließ uns mehr Optionen offen, um am Ende mit einem Supersoft noch einmal zu attackieren. Außerdem hatten wir damit den Pflicht-Reifen durch. Beim zweiten Stopp haben wir es dann auch an Ricciardo vorbeigeschafft und lagen somit im Plan.“

Rosberg kam 2 Runden früher als Ricciardo an die Box. Bei Verstappen betrug der Unterschied nur eine Runde. „Wir haben damit gerechnet, dass Nico knapp hinten bleibt, haben aber spekuliert, dass er Verstappen wenigstens mit dem Vorteil der bereits warmen Reifen in Kurve 6 angreifen kann. So ist es auch passiert.“

Mercedes zwingt Red Bull zu frühem dritten Stopp

Der Angriff ging jedoch in die Hose. Die Sportkommissare verpassten Rosberg 5 Sekunden dafür, dass er Verstappen neben die Strecke gedrängt hatte. Hört sich nach wenig an, ist aber aus Sicht der Strategen eine Menge Holz.

„5 Sekunden sind unheimlich schmerzhaft. So eine Strafe nimmt dir die Chance deine Boxenstopps so zu timen, wie du willst. Du kannst keinen Undercut mehr machen. 5 Sekunden gegen einen Red Bull muss man erst einmal rausfahren. Taktisch einfach schrecklich. Das einzige, was wir für Nico tun konnten war, ihn sehr früh zum letzten Stopp reinzuholen. Wir wussten, dass Red Bull keine Soft-Reifen mehr hatte und auf Supersoft gehen musste. Also wollten wir sie früh zum dritten Stopp zwingen, in der Hoffnung, dass ihnen die Supersofts hinten raus einbrechen.“

Red Bull reagierte tatsächlich auf Rosbergs Reifenwechsel in Runde 44. Verstappen kam eine, Ricciardo 2 Runden später. Ihre Supersoft-Walzen mussten 22 respektive 21 Runden durchhalten. Die Strafe und die Panne mit der Stoppuhr rettete wenigstens einen der beiden Red Bull. Rosberg verlor netto 4 Sekunden auf Ricciardo und Verstappen.

„Bei einem normalen Stopp hätten wir Verstappen geschlagen“, sind die Mercedes-Leute überzeugt. „Nico wäre zwar hinter Max rausgekommen, hätte aber am Ende mit seinen Soft-Reifen gegen ihn einen Vorteil gehabt. Die letzten Runden haben gezeigt, dass Verstappen Reifen-Probleme bekam.“

Verstappens Probleme mit den Supersoft-Reifen

Red Bull splittete früh seine Strategie. Beim ersten Stopp ging Ricciardo auf Soft, Verstappen auf Supersoft. Schnell kamen Klagen des Holländers, dass dies kein optimaler Rennreifen sei. Im dritten Stint drehte Red Bull die Reifentypen wieder um. Jetzt fuhr Ricciardo die weichere der beiden Mischungen. Und weil er damit deutlich schneller war als sein Teamkollege, kam über Funk die Anweisung Positionen zu tauschen. „Wir haben das vorher schon so abgesprochen“, wiegelte Verstappen ab.

Teamchef Christian Horner erklärte den Plan hinter dem Platztausch: „Unsere beiden Fahrer fuhren unterschiedliche Rennen. Daniel war auf den weichen Reifen schneller. Wir wollten ihn auf Hamilton hetzen, in der Hoffnung, dass der unter Druck gerät. Max musste sich auf Rosberg und dessen Strafe konzentrieren. Deshalb haben wir ihn zum dritten Stopp vor Daniel hereingeholt, um nicht in einen Undercut zu laufen.“

Verstappen meinte im Rückblick, dass es ein Fehler war, im zweiten Stint mit Supersoft-Reifen zu fahren. „Mit viel Sprit an Bord kannst du mit den weichen Reifen nicht so attackieren. Außerdem stimmte die Flügelabstimmung nicht ganz für die Supersofts. Im letzten Turn mit weniger Benzin im Tank fühlte ich mich wohler.“

Doch da war Ricciardo schon nicht mehr greifbar. Der Australier lag nicht mehr in einem Bereich, in dem Red Bull den Platztausch zurück ohne Risiko durchführen konnte, ohne Gefahr zu laufen dass Rosberg davon profitiert.

Vettel diskutiert mit Renningenieur

Ferrari hätte dagegen keine noch so geniale Strategie nach vorne gebracht. Die roten Autos waren einfach zu langsam. Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen fuhren die Taktik des Siegers. Zwischen Vettel und seinem Renningenieur entspann sich vor dem dritten Stopp ein lustiger Disput um den Zeitpunkt des Reifenwechsels.

Ricardo Adami wollte Vettel früh an die Box holen, und begründete dies mit einem Undercut. „Welcher Undercut?“, fragte Vettel zurück. „Vor uns liegt doch keiner in Reichweite, den wir schlagen könnten.“

Der Ex-Champion setzte sich durch. Er fühlte sich auf seinem Supersoft-Reifensatz im dritten Stint noch wohl und wollte nicht, dass der letzte Abschnitt zu lang wird. Die Ferrari litten unter einem höheren Reifenverschleiß als üblich, weil die Autos zu viel herumrutschten.

„Rückblickend hätten wir wirklich ein paar Runden früher reinkommen können, da ich noch einen frischen Satz Soft in der Hinterhand hatte. Vielleicht hätten wir so nach vorne noch ein bisschen Druck ausüben können“, gab Vettel seinen Strategen Rückendeckung. Das ist eine etwas optimistische Einschätzung. In Runde 42 betrug Vettels Rückstand auf Verstappen 9 Sekunden.

Nur 5 Fahrer riskierten es mit 2 Stopps über die 67 Runden zu kommen. Der raue Hockenheim-Belag und Asphalttemperaturen von 38 Grad setzen den Pirellis ordentlich zu. Williams pokerte zu hoch, auch wenn Valtteri Bottas am Ende noch 2 WM-Punkte dafür bekam.

Seine Reifen waren am Ende 34 Runden alt. Der Finne verlor in den letzten 6 Runden zwischen 4 und 6 Sekunden pro Runde auf seine Verfolger. Nico Hülkenberg und Jenson Button schnupften Bottas auf, als würde er parken. Sergio Perez fehlten im Ziel nur 1,5 Sekunden auf den Williams.

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