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Taktik-Check GP England 2016

Mercedes fährt Sicherheits-Strategie

Lewis Hamilton - Mercedes - GP England 2016 - Silverstone - Rennen Foto: sutton-images.com 63 Bilder

Der GP England war ein Rennen, das nicht über die Taktik gewonnen wurde. 16 der 22 Fahrer fuhren mit der gleichen Strategie. Ferrari riskierte beim Timing und bezahlte mit Ausrutschern der Fahrer. Mercedes taktierte vorsichtig und landete einen Doppelsieg. Doch dann kam die Rosberg-Strafe.

14.07.2016 Michael Schmidt 2 Kommentare

Noch nie in dieser Saison gab es so wenige unterschiedliche Strategien. Noch nie war die Taktik, die zum Sieg führte, so klar. 16 der 22 Fahrer legten die 52 Runden mit der Reifenfolge Regen-Intermediate-Medium zurück.

Nur 4 Fahrer bauten noch einen dritten Stopp ein. Felipe Massa und Kevin Magnussen bekamen für die letzten Runden den Soft-Reifen mit auf die Reise, Fernando Alonso und Jolyon Palmer holten noch einmal eine Garnitur Medium ab. Geboren entweder aufgrund zu hohem Verschleiß oder aus der Verzweiflung heraus.

Das Wetter bestimmte den Ablauf. Der Start hinter dem Safety-Car zwang alle Fahrer auf Regenreifen. Ein Reifenwechsel in dieser Phase ist verboten. Weil sich die Ideallinie 15 Runden lang Zeit nahm abzutrocknen, konnte keiner wie in Monte Carlo direkt von Regenreifen auf Slicks springen. Damit war jeder gezwungen, die Zeit des Abtrocknens mit Intermediates zu überbrücken.

Auch danach herrschte Einigkeit. Alle fuhren auf Medium-Reifen weiter und beteten, der Reifensatz möge sie bis zum Ende des Rennens tragen. Gewissheit hatte keiner. Soft-Reifen waren keine Alternative, wie Mercedes-Strategen erklärten: „Der Soft-Reifen war nicht robust genug für Silverstone. Die Vorderreifen lösen sich schnell auf. Der Prozess begann schon nach einer halben Runde. Schauen Sie sich Massa am Ende des Rennens an. Der Medium war ganz klar der bessere Rennreifen. Er gab uns die Hoffnung bis zum Ende durchzufahren, und er hatte keine Aufwärmprobleme.“ Den harten Reifen hätte Pirelli ganz zuhause lassen können. Keiner wollte ihn.

Vettel verliert 15 Sekunden durch zwei Dreher

Selbst das Timing der Boxenstopps machte keinen großen Unterschied. Ferrari zockte und holte seine Fahrer früher an die Box als die Konkurrenz. Es lohnte sich nicht. Beim Wechsel von Regenreifen auf Intermediates war Pech im Spiel. Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen spulten den Boxenstopp zum frühestmöglichen Zeitpunkt in Runde 5 ab.

In Runde 7 löste der Unfall von Pascal Wehrlein eine virtuelle Safety-Car-Phase aus. Glück für die 4 Fahrer, die bis dahin gewartet hatten. Lewis Hamilton, Nico Rosberg, Max Verstappen und Sergio Perez bekamen 8 bis 10 Sekunden geschenkt.

Der Mercedes-Kommandostand ließ sich mit dem ersten Boxenstopp nicht ohne Grund viel Zeit: „Es gab immer noch viel stehendes Wasser auf der Strecke. Wir lagen vorne. Deshalb war es für unsere Fahrer einfacher die Pfützen zu sehen. Wir wollten, dass unsere Fahrer die Strecke erst einmal im Renntempo kennenlernen. Außerdem gab es bei den Bedingungen ja immer noch eine realistische Chance einer Safety-Car-Phase, die man hätte nutzen können. Jeder, der in der schon in der 5. Runde reinkam, hat gepokert.“ Mercedes entschied sich für einen Doppel-Stopp. Das dazu nötige 6-Sekunden Zeitfenster zwischen Hamilton und Rosberg hatte man.

Beim Übergang von Intermediates zu Slicks waren wieder die Ferrari-Piloten die ersten in der Box. Vettel in der 15. Runde, Räikkönen einen Umlauf später. Eine riskante Taktik, die hätte aufgehen können. Wenn die Fahrer auf der Strecke geblieben wären. Doch Vettel drehte sich in den Runden 16 und 18 und verlor 15 Sekunden. Räikkönen kam in Runde 17 von der Bahn ab. Zeitverlust: 7 Sekunden. Das war das Risiko dabei.

Hamilton der schnellste zwischen Runde 14 und 19

Mercedes ließ Vorsicht walten. Wer in Führung liegt, muss nicht pokern. „Unser Rechenmodell sagte uns, was die Intermediates können und was wir von den Slicks erwarten konnten. Entscheidend sind Rundenzeiten, GPS-Daten und die Konkurrenz. Kimis Sektorzeiten sagten uns, dass es Zeit war. Ab Runde 17 waren die Slicks garantiert besser als Intermediates.“

Lewis Hamilton - Mercedes - GP England 2016 - Silverstone - Rennen Foto: Wilhelm

Angst vor einem langsamen Aufwärmprozess musste keiner haben. „Die schnellen Kurven bringen schnell Energie in den Reifen. Der letzte feuchte Teil der Strecke war Maggotts und Becketts. Bis die Fahrer dort ankommen würden, hatten die Reifen schon genug Temperatur.“

Vergleichen wir Ferraris Risiko-Taktik mit der Sicherheits-Strategie von Mercedes. Bei der Addition der Rundenzeiten von Runde 14 bis 19 kommt heraus, dass Hamilton mit 11.08.805 Minuten der schnellste Fahrer über die 6 Runden war. Gefolgt von Max Verstappen (11.09,900 min).

Der Red Bull-Pilot wechselte noch eine Runde später als die Mercedes-Fahrer auf Slicks. „Vielleicht eine Runde zu spät“, meinte Verstappen. Die Rundenzeiten widersprechen der These. Daniel Ricciardo (11.14,043 min) und Nico Rosberg (11.15,782 min) fielen im 6-Runden-Check bereits stark ab. Kimi Räikkönen (11.18,419 min) und Sebastian Vettel (11.21,007 min) lagen am Ende der Tabelle.

Zieht man die Zeit ab, die Vettel durch seine Exkursionen neben die Piste verloren hat, wäre er 2 bis 3 Sekunden schneller als Hamilton gewesen. Hier muss man sich fragen, ob es das Risiko wert war. Der WM-Fünfte lag vor dem zweiten Reifenwechsel auf Platz 11 und danach auf Rang 12. Wenn alles gut gegangen wäre, hätte er 4 Positionen gut gemacht. In seiner aussichtslosen Lage vermutlich ein lohnendes Ziel.

Absolute Gewissheit 16 Runden vor Schluss

Ab Runde 17 trieb alle Teams nur eine Frage um. Werden die Medium-Reifen 35 lange Runden bis ans Ende durchhalten? Pirelli hatte eine Maximal-Laufzeit von 25 Runden ausgegeben. Bei komplett trockener Strecke.

Auch die Mercedes-Ingenieure geben zu, dass es eine Fahrt ins Blaue war: „Wir hatten keine Ahnung, ob der Reifen halten würde. Viel hing davon ab, wie lange es dauern würde, bis die Strecke abtrocknet. Solange du nur 1.40er Rundenzeiten fährst, tut das dem Reifen nicht weh. Wir hatten für den Fall der Fälle unseren Plan B.“

Lewis Hamiltons Runde aus der Box war 1,2 Sekunden langsamer als die von Max Verstappen. Der Grund war diesmal ein anderer als in Monte Carlo und Montreal. Da wollten die Reifen nur zögerlich auf Temperatur kommen. Hier wurde der Weltmeister instruiert, die erste Runde langsam angehen zu lassen um die Reifen vorsichtig anzufahren. „Wir haben ihm gesagt, dass er genug Vorsprung auf Verstappen hatte. Verstappen musste pushen. Lewis konnte seinen Reifen etwas Gutes tun.“

Die Rundenzeiten begannen erst ab Runde 22 unter die 1.40er Marke zu fallen. Ab da starrten die Reifenexperten mehr auf ihre Monitore als auf die Strecke. „Wir schauen permanent auf bestimmte Daten, die uns anzeigen, wie lange es noch sicher ist, mit dem Reifen zu fahren. Reifentemperaturen, Rundenzeiten von anderen Autos, die schlechter sind als wir, GPS-Daten. Wenn einer der Werte unterschritten worden wäre, hätten wir das Auto reingeholt.“ 23 Runden vor Schluss war man sich bei Mercedes zu 80 Prozent sicher, dass die Reifen halten würden. „Absolute Gewissheit hatten wir erst 16 Runden vor Schluss.“

Neuester Kommentar

Recht hast Du, Mach5!

Aber wahrscheinlich heißt es dann, das war ja eine strategische Anweisung und keine Fahranweisung… :-(

Ollie Mengedoht 14. Juli 2016, 14:57 Uhr
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