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Taktik-Check GP Japan

Ferrari zu unflexibel

Sebastian Vettel - GP Japan 2016 Foto: Ferrari 71 Bilder

Sieger Nico Rosberg konnte mit der Taktik beim GP Japan nichts falsch machen. Lewis Hamilton half die Strategie von Platz 8 auf Rang 3. Auch deshalb, weil Ferrari wieder einmal einem falschen Plan hinterherfuhr und zu unflexibel war ihn zu ändern.

12.10.2016 Michael Schmidt

Der GP Japan war taktisch kein anspruchsvolles Rennen. Dazu waren die harten Reifen zu langlebig und die weichen auf eine Runde zu schnell. Damit war klar, dass die meisten Teams diese beiden Reifentypen favorisierten und ihren Bestand an frischen Medium-Gummis schon im Training verheizten.

Trotzdem brachte der Renntag eine kleine Überraschung. Die Asphalttemperaturen waren gegenüber dem Freitag von 32 auf 25 Grad gesunken. Und damit stieg der Verschleiß. Besonders der des weichen Reifens. Es war den meisten Teams schon nach dem ersten Stint klar, dass der weiche Reifen keine Option für später sein würde. Nur Ferrari blieb seinem Plan treu, Sebastian Vettel im letzten Stint wieder auf die weichen Sohlen zu setzen. Ein Fehler mit Folgen.

Hamilton in der Ferrari-Zange

Vettel verteidigte sein Team damit, dass Ferrari in seiner Lage etwas anders machen musste als die direkten Gegner. Doch um was zu erreichen? Vettel lag nach einem Raketenstart und einer starken Anfangsphase bereits auf Platz 3. Wollte Ferrari mit den Soft-Gummis etwa nach den Sternen greifen und Max Verstappen noch angreifen? Man hätte sich besser auf die Absicherung des Podiums gegen Lewis Hamilton konzentriert. Verstappen einzuholen und zu überholen war ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen, denn Vettel lag nach dem zweiten Boxenstopp 11 Sekunden hinter dem Red Bull.

Den Rückstand hätte Vettel nie aufgeholt. Nicht auf den Soft-Reifen. „Sie sind im ersten Stopp mit Ausnahme bei Rosberg schon nach 5 Runden massiv eingebrochen“, erzählen die Mercedes-Strategen. Das musste auch Ferrari erkennen. Selbst wenn die Reifen am Ende des Rennens wegen des leichteren Autos ein einfacheres Leben haben, hätte Vettel nicht endlos Tempo machen können. Pirelli gab für die Mischung Soft 15 Runden als maximale Rundenzahl an.

Doch Vettel konnte mit dem harten Reifen im Mittelabschnitt nicht so lange fahren wie er wollte, weil von hinten Hamilton immer näher rückte. Und Hamiltons zweiter Boxenstopp wurde durch Kimi Räikkönen bestimmt, der vor Vettel und Hamilton den letzten Reifensatz aufgezogen hatte und seinerseits immer näher an das Fenster rückte, das der Weltmeister brauchte, um bei einem Boxenstopp vor dem zweiten Ferrari zu bleiben. 4 Sekunden Differenz galten als Minimum einen Undercut abzuwehren, waren aber schon riskant, wie sich herausstellen würde.

3,9 Sekunden zu wenig um Undercut abzuwehren

Ferrari wusste also, wann Hamilton stoppen muss. Dann, wenn einerseits Räikkönen näher als 24 Sekunden aufschließt und Hamilton die Lücke auf Vettel unter 4 Sekunden drückt. Das war exakt in Runde 33 der Fall. „Wir mussten Lewis reinholen, um uns gegen Kimi abzusichern. Vettels Vorsprung betrug zu dem Zeitpunkt noch 3,9 Sekunden. Eigentlich hätten wir uns 3 Sekunden für einen Undercut gewünscht“, heißt es vom Mercedes-Kommandostand.

Ferrari fühlte sich zu sicher. Vettels harte Reifen bauten in den kühleren Bedingungen stärker ab als erwartet. In der entscheidenden Runde geriet Vettel zwar nicht direkt in den Verkehr, doch Kevin Magnussen, Marcus Ericsson und Fernando Alonso fuhren in einem Abstand vor ihm her, dass der Ferrari die Turbulenzen schon spürte. „Ich habe allein im ersten Sektor 1,5 Sekunden verloren.“

Für Hamilton war „Hammer-Time“ Pflichtprogramm: „Wir haben Lewis gesagt, dass er ohne Rücksicht auf Verluste eine Qualifikationsrunde fahren muss. Er durfte auch voll aufdrehen. Wir haben ein knappes Rennen mit Vettel erwartet, doch irgendetwas muss mit ihm im ersten Sektor passiert sein, denn wir haben rasend schnell aufgeholt. Als er in Kurve 9 war, lagen wir nur noch eine Sekunde hinter ihm. Vor der Schikane war sein virtueller Vorsprung praktisch schon auf Null geschrumpft.“

Ferrari hätte schon früher merken müssen, dass Vettels letzter Stint auf den Soft-Reifen länger werden würde als Pirellis Empfehlung. Nämlich 19 statt 15 Runden. Die Strategieprogramme konnten berechnen, wann Hamilton spätestens an Box musste, was wegen der Gefahr des Undercuts auch Vettels letzten Reifenwechsel bestimmte.

Hier hätte der Mensch den Computer überstimmen und den Plan vom weichen Reifen aufgeben müssen. In der Phase konnte nur noch Plan B funktionieren. Vettel zu einem Zeitpunkt an die Box holen, an dem Hamiltons Undercut nicht funktioniert. Wären beide auf harten Reifen zu Ende gefahren, hätte sich Hamilton bis ins Ziel hinter Vettel anstellen müssen.

Palmer schenkte Hamilton zwei Positionen

Von den Zweistoppern wählten insgesamt 10 Fahrer die Taktik des Siegers: Soft-hard-hard. Auch das zeigt, dass Ferrari falsch lag. Die Force India hatten am Freitag als eines der wenigen Teams viel mit den Medium-Reifen gearbeitet. Es zahlte sich für Sergio Perez und Nico Hülkenberg im Rennen aus. Beide fuhren am Ende die mittlere Reifenmischung und erzielten auf den Plätzen 7 und 8 das bestmögliche Resultat.

Williams probierte es erfolglos, den direkten Gegner mit einem Einstopp-Rennen in Schach zu halten. (-> Force India-Story). Unter den Einstoppern war die Variante Medium-hart die beliebteste Wahl. Sie kam 4 Mal zum Einsatz und war klar besser als der umgekehrte Fall mit dem harten Reifen am Start. Kevin Magnussen und Felipe Nasr verzweifelten schon im ersten Stint. Sie landeten klar hinter ihren Teamkollegen.

Am ehesten hätte eine alternative Taktik für Hamilton Sinn gemacht. Der Weltmeister war beim Start auf den achten Platz abgesackt und brauchte einen guten Plan wieder nach vorne zu kommen. Nico Hülkenberg und Daniel Ricciardo überholte Hamilton auf der Strecke. Kimi Räikkönen und Sergio Perez kassierte er bei ersten Boxenstopp, Sebastian Vettel beim zweiten. Und das trotz der Hausfrauen-Taktik Soft-hard-hard.

Das Timing der Boxenstopps machte die Musik. Über den zweiten haben wir bereits gesprochen. Beim ersten agierte Mercedes gegen den Trend. Hamilton machte keinen Undercut, sondern blieb länger auf der Strecke. Die Taktikfüchse erklären warum: „Wir hatten von Anfang an vor, Lewis im zweiten Stint einen harten Reifen mitzugeben. Um uns alle Optionen offenzuhalten. Unser Vorteil war, dass Lewis am Ende einer Schlange fuhr, die wir überholen wollten. Das ist der beste Platz, weil du weißt, was deine Gegner tun. Der vorne weiß es nicht.“

Mercedes baute darauf, dass Red Bull und Ferrari sich gegenseitig in frühe Boxenstopps hetzen würden, um einem Undercut zuvorzukommen. Die Lücke zum Mittelfeld war aber in den Runden 10 bis 12 noch nicht groß genug. So fielen Räikkönen, Perez und Ricciardo in den Verkehr, der ihnen den Vorteil der frischen Reifen raubte. „Das war der Moment, an dem wir entschieden, einen langen ersten Stint zu fahren. In Runde 4 haben wir Lewis gesagt, dass er seine Reifen schonen soll. Räikkönen und Perez fielen hinter Palmer. Der hat sie aufgehalten und Lewis zwei Positionen geschenkt.“

Verstappen lernt im zweiten Stint für den dritten

Nur Max Verstappen war für Hamilton nicht zu knacken. Und nicht nur, weil er ihn vor der Schikane auflaufen ließ. Red Bull holte Verstappen zwei Mal früh an die Box. Für einen Undercut gegen Rosberg reichte es nicht, aber die Maßnahme sicherte Platz 2. Da der Abstand zu Rosberg auf 2,6 Sekunden geschrumpft war, ließ Verstappen seinen Red Bull fliegen. Das bezahlte er am Ende des Stints mit starker Reifenabnutzung.

Es war ihm aber auch eine Lehre, es beim dritten Turn langsamer angehen zu lassen. Die Mercedes-Ingenieure loben den Gegner: „Im dritten Stint ist er sensationell gefahren. Er hat zu Beginn des Abschnitts sehr gut auf seine Reifen aufgepasst, weil er wusste, dass ihn Lewis einholen würde. Und da brauchte er am Ende gute Reifen.“

Hamilton konnte Verstappen nur mit einem Angriff vor der Schikane überraschen. Auf der Zielgeraden hatte er keine Chance. Auch hierfür gibt es eine Erklärung. „Überholen in Suzuka ist viel schwieriger als in Sepang. Die Geraden und die DRS-Zonen sind kürzer. Der Motor-Vorteil von uns ist nicht mehr so groß wie er geredet wird. Dazu sind wir in Suzuka wegen des Motorschadens gedrosselt gefahren.“

„Du kannst einem anderen Auto in der Rechtskurve in die Zielgerade hinein nicht dicht folgen, weil du sofort Abtrieb verlierst. Je mehr Abtrieb dein Auto hat, umso schlimmer der Effekt. Nur bei einem großen Speed-Delta, zum Beispiel mit besseren Reifen, ist es möglich. Wenn Verstappen im dritten Stint losgelegt hätte wie im zweiten, hätte ihn Lewis gekriegt. Aber so waren seine Reifen einfach noch zu gut in Schuss.“

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