Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Taktik-Check GP Kanada

Ferrari stolpert über die VSC-Phase

Sebastian Vettel - GP Kanada 2016 Foto: xpb 65 Bilder

Hat Mercedes mit seinem Einstopp-Rennen hoch gepokert und sich am Ende mit einem Sieg belohnt? Oder hat Ferrari mit seinen zwei Stopps verzockt? Weder das eine, noch das andere, zeigt unser Taktik-Check.

14.06.2016 Michael Schmidt

Das Resultat des GP Kanada spricht für sich. Ein Stopp gewinnt gegen zwei Stopps. Damit hat Mercedes alles richtig und Ferrari alles falsch gemacht. Der dritte Platz von Valtteri Bottas vor Max Verstappen im Red Bull ist eine weitere Bestätigung. Doch ganz so eindeutig war es dann doch nicht.

Mercedes ging ohne eine klare Taktik in das Rennen. Ferrari schon. Teamchef Maurizio Arrivabene bestätigte: „Für uns war es von Anfang an ein Zweistopp-Rennen.“ Die Longruns am Freitag haben den Mercedes-Strategen verraten, dass der Soft-Reifen 48 Runden lang halten kann. Bei kühlem Wetter vermutlich länger. Damit musste Lewis Hamilton mit den Ultrasoft-Reifen mindestens bis Runde 22 kommen. Jede Runde mehr verringerte das Risiko, dass ihm am Ende der Reifengummi ausgeht.

Am Kommandostand der Silberpfeile war man deshalb nicht bedingungslos auf ein Einstopp-Rennen festgelegt. „Es hing alles davon ab, wie stark das Körnen auf den Ultrasoft-Reifen sein würde und wie lange es dauern würde, bis die Reifen in ihr Arbeitsfenster kommen. Dauert es zu lange, schenkst du mit zwei Stopps zu viel Rennzeit her.“

„Wichtig war auch, wie viel schneller wir als Red Bull sein würden. Bei einem Zweistopprennen wären wir Gefahr gelaufen, sie überholen zu müssen. Wäre der Unterschied zu klein gewesen, hätten wir dabei zu viel Zeit verloren. Dann natürlich noch das Übliche: Die Position auf der Strecke und die Lücken nach hinten.“

Mercedes setzte nach 10 Runden auf Einstopp-Taktik

Nach 10 Runden war James Vowles und seinen Kollegen klar, dass es auf ein Einstopp-Rennen hinauslaufen würde. Der Warmup-Prozess dauerte zu lange, und die Reifenabnutzung war sehr gering. Das Risiko mit 2 Stopps wurde immer größer. In dem Augenblick, als Ferrari seine Fahrer in Runde 11 an die Boxen holte, wurde Hamilton am Funk mitgeteilt, dass er sich auf einen Stopp einstellen soll.

Mercedes betrachtet Ferraris Strategie als Einladung dafür, ein Rennen zu gewinnen, das man eigentlich schon am Start verloren hatte. Nicht so sehr wegen Ferraris Entscheidung für zwei Stopps. Mehr wegen des Zeitpunkts. So früh im Rennen verbaute sich Ferrari ohne Not alle Chancen, es vielleicht doch mit einem Stopp zu versuchen.

Die Taktik nicht zu splitten barg das Risiko, dass sie für beide Fahrer falsch war. Sebastian Vettel verteidigte seinen Kommandostand: „Wir haben nicht gedacht, dass der Soft-Reifen so lange durchhält. Hinterher bist du immer schlauer.“

Ferrari wählte den Reifenwechsel in Runde 11, weil Jenson Button in der 10. Runde mit einem kapitalen Getriebeschaden in der Mitte der langen Gerade ausgefallen war. Als der McLaren auch noch Feuer fing, ließ Rennleiter Charlie Whiting das VSC-Zeichen für eine virtuelle Safety-Car-Phase zeigen. Es musste allerdings klar sein, dass der havarierte McLaren an dieser Stelle schnell geborgen wird. Das zeigte sich bereits im Training, als Rio Haryanto an der gleichen Stelle mit einem Reifenschaden strandete.

Keine geschenkten Stopps für Ferrari

Button lag zu dem Zeitpunkt nur 22 Sekunden hinter Sebastian Vettel. Das hieß aus Sicht von Vettel, dass er von seiner Position aus noch rund eine Minute brauchen würde, bis er die Box erreicht hätte. Die Gefahr war groß, dass die VSC-Phase bis dahin wieder aufgehoben sein würde.

Und genauso kam es auch. Noch bevor sich der Ferrari mit der Startnummer 5 vor der Box einparkte, wurde das Rennen wieder freigegeben. Ferrari wollte Kimi Räikkönen noch warnen, doch der Finne war bereits auf seinem Weg in die Box.

Damit wurden es für Vettel und Räikkönen nicht zwei geschenkte Boxenstopps unter Gelb, sondern zwei viel zu frühe Reifenwechsel unter normalen Bedingungen. Vettel fiel auf Platz 4, Räikkönen auf Rang 15 zurück. Auch Williams-Einsatzleiter Rob Smedley wunderte sich: „Den Fernsehbildern nach zu urteilen, war uns schnell klar, dass die VSC-Phase nicht lange dauern würde.“

Mercedes verstand die Ferrari-Taktik auch aus einem zweiten Grund nicht. „Unsere Reifen sind sehr langsam auf Temperatur gekommen. Das muss jeder nach dem Start gesehen haben. Damit verringerte sich für Ferrari die Gefahr, dass Lewis durch einen früheren Stopp Vettel überholt. Ihre frühen Boxenstopps gaben uns die Chance, sie zu schlagen. Es hat uns darin bestärkt, bei einem Stopp zu bleiben.“

Weiche Reifen eine unattraktive Option

Schon früh zeigte sich, dass die Soft-Mischung der beste Reifen für das Rennen war. Damit wurden die Ultrasoft- und Supersoft-Reifen nach Ansicht der Mercedes-Strategen zu einer unattraktiven Option. Auch unter den Umständen machte Ferraris Taktik, einen 26 Runden-Stint mit Supersoft Reifen einzuschieben, wenig Sinn.

„Der Supersoft und der Ultrasoft haben sich praktisch gleich verhalten. 10 Runden lieferten sie gute Rundenzeiten, dann kam das Körnen. Wenn es kalt ist, bekommst du Körnen. Je weicher die Mischung, umso schlimmer. Also willst du nicht freiwillig zwei Mal auf weichen Reifen fahren.“

Im Rückblick hätte Ferrari nur auf Mercedes reagieren müssen. Vettel lag komfortabel auf Platz 1. Hamilton fehlte der Top-Speed, den Ferrari auf der Strecke zu überholen. Im Bestwert kam Vettel auf 338,4 km/h, Hamilton nur auf 332,7 km/h. Die Soft-Reifen am Ferrari hätten genauso lange gehalten wie am Mercedes. Und wenn nicht, hätten beide noch einmal an die Boxen gemusst.

Mercedes war sich nach Hamiltons Stopp in Runde 24 zu 80 Prozent sicher, dass es bis zum Ende reicht. „Immer, wenn wir Lewis gebeten haben, dass er Gas geben soll, hat er darauf reagiert, ohne dass die Reifen eingebrochen wären.“ Als Nico Rosberg wegen seines Reifenschadens in der 51. Runde stoppte, hatten die Mercedes-Ingenieure Gewissheit. „Wir konnten an seinem Verschleiß hochrechnen, wie lange der Reifen halten wird. Da war klar, dass Lewis bis zum Ende durchkommt.“

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden