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Taktik-Check GP Malaysia 2016

Red Bull splittet Taktik gegen Mercedes

Lewis Hamilton - Mercedes - GP Malaysia 2016 - Sepang Foto: xpb 62 Bilder

Der Motorschaden von Lewis Hamilton ließ viele Fragen unbeantwortet: Hätte Red Bull mit seinem Taktik-Split den Champion in die Enge getrieben? Warum gab es bei Red Bull keine Stallregie? Warum wählten nur 3 Fahrer ein Einstopp-Rennen? Wir geben die Antworten.

04.10.2016 Michael Schmidt

Der GP Malaysia war ein Grand Prix, in dem alles geboten wurde, was Motorsport ausmacht. Auch taktisch. In den Top Ten landeten Fahrer mit 3 unterschiedlichen Taktiken. Sieger Daniel Ricciardo war mit 2 Stopps unterwegs, der Zweitplatzierte Max Verstappen mit drei. Valtteri Bottas fuhr mit nur einem Reifenwechsel auf den fünften Platz.

Insgesamt wählten 9 Fahrer die Dreistopp-Strategie. 6 Fahrer taktierten mit 2 Stopps, zwei mit nur einem Boxenhalt. Drei VSC-Phasen machten die Arbeit für die Strategen schwer. Die erste gleich nach dem Startcrash nutzte nur der aus den Boxen gestartete Felipe Massa. Für Nico Rosberg kam ein Wechsel auf harte Reifen nach der ersten Runde zu früh, obwohl er auf Platz 21 zurückgefallen war.

Alle Worstcase-Szenarien abgedeckt

Die Strategen erklären warum: „Wir decken alle möglichen Worstcase-Szenarien ab: Was wenn ein Reifenschaden in der erste Runde auftritt? Was wenn der Frontflügel abfällt? Was, wenn du vom letzten Startplatz aus ins Rennen gehst? In unserem Fall hat das bedeutet: Der Soft ist ein guter Reifen. Es hätte keinen Sinn gemacht, sofort auf hart zu wechseln. Bei einem echten Safety-Car hätten wir reagiert, mit dem VSC hätten wir nur Zeit verschwendet.“

Die Mercedes-Ingenieure wussten innerhalb von zwei Runden, dass Rosbergs Auto trotz des harten Einschlags praktisch unbeschädigt war. Anhand der Daten sahen sie, mit welcher Kraft der Aufprall von Vettels Ferrari erfolgte, welche Aufhängungskomponenten hätten beschädigt sein können, welche Teile am Rest des Autos in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Ein Ingenieur lief an die Boxenmauer und inspizierte visuell das Auto. Der Rest studierte die TV-Bilder.

Red Bulls Taktik-Split goldrichtig

Das zweite virtuelle Safety Car in Runde 9, ausgelöst durch Romain Grosjeans Unfall, stellte die Kommandostände vor eine harte Probe. An Boxenzeit bringt ein Reifenwechsel unter VSC-Bedingungen 9 Sekunden. Bezogen auf das Rennen ist der Vorteil wegen des Reifenabbaus der weichen Mischung und des Verkehrs, in den man fällt, nahe Null. Trotzdem war ein Stopp eine Überlegung wert. Sieben von 20 Fahrern nutzten die Chance.

Mercedes und Red Bull splitteten ihre Taktik. Bei Mercedes notgedrungen. Rosberg lag zu dem Zeitpunkt auf Platz 11. Doch die Mercedes-Strategen verraten, dass sie den WM-Spitzenreiter vermutlich auch dann an die Box geholt hätten, wenn er hinter Lewis Hamilton auf Rang 2 gelegen wäre.

„Der Startunfall hat Nicos Taktik nicht dramatisch geändert. Wir haben kurz gecheckt, welche Reifen ihm das schnellste Rennen geben. Irgendwann hätten wir auf die harten Reifen gewechselt. Die zweite VSC-Phase in Runde 9 gab uns die Möglichkeit dazu. Wir hätten die Taktik vermutlich auch so gesplittet. In diesem Fall wären wir bei Nico zum Schluss wieder auf Soft zurückgegangen, statt noch einmal auf hart zu wechseln.“

Red Bull machte mit dem Taktik-Split alles richtig. Auch aus Sicht von Mercedes „Sie mussten eine Situation schaffen, die es uns schwer macht, sie zu verteidigen. Wir mussten mit einem Auto gegen zwei Strategien fahren. Und das mit Reifen, die sich etwas anders verhielten als erwartet.“

„Wir haben bei Verstappen eingerechnet, dass sein zweiter Satz Soft nach 16 bis 17 Runden in die Knie gehen würde. So kam es auch. Damit blieb ihnen nur noch eine Möglichkeit: Den harten Reifen am Ende sehr lange fahren. Lewis hätte selbst bei einem Platzverlust die Führung mit Soft-Reifen ohne Probleme auf der Strecke zurückgeholt.“

Red Bull-Teamchef Christian Horner gibt zu: „Der Plan war, dass Verstappen ohne dritten Stopp mit den harten Reifen durchfährt. Wir haben das auch mit Ricciardo diskutiert. Daniel meinte, es sei möglich.“ Ricciardo hätte dann 35 Runden auf einem Satz Reifen zurücklegen müssen. Bei Verstappen wären es 29 Runden gewesen. Hamilton dagegen wäre auf jeden Fall zu einem zweiten Stopp an die Boxen gekommen. Das Boxenstopp-Ziel war Runde 44.

Hat sich Ricciardo gegen Stallregie abgesichert?

Doch warum hat Mercedes mit Hamilton nicht die zweite VSC-Phase in Runde 9 genutzt und warum holte Red Bull den schlechter platzierten Verstappen und nicht Ricciardo an die Box? „Für Lewis wäre der Stopp eine Spur zu früh gekommen“, erklären die Ingenieure. „Damit war ein Risiko verbunden, weil du zu dem Zeitpunkt noch nicht weißt, wie sich der letzte Stint entwickelt. Ist er schnell oder kannst du das Tempo kontrollieren? Wie stark bauen die Reifen ab? Wie entwickelt sich der Verkehr? Die Gefahr für Verstappen war, dass er zum Ende ein drittes Mal hätte stoppen müssen, wenn der harte Reifen nicht durchhält. Wir konnten uns das Risiko mit nur einem Auto an der Spitze nicht leisten.“

Red Bull setzte Verstappen aus zwei Gründen auf die aggressive Taktik. „Er lag hinter Daniel. Mit ihm konnten wir uns mehr Risiko erlauben. Und Max verlor durch den Stopp nur eine Position.“

Mercedes hielt Hamilton mit dem ersten Reifensatz überraschend lange auf der Strecke. Erst in Runde 20 tauschte der Weltmeister Soft gegen Hart. Aber nicht, weil Mercedes eine Einstopp-Strategie im Hinterkopf gehabt hätte. „Lewis führte und hatte einen komfortablen Vorsprung auf Ricciardo. Zu viel für einen Undercut. Wenn Ricciardo stoppt, hätten wir es eine Runde später getan. Deshalb lässt du deinen Fahrer so lange wie möglich draußen, um in der Zwischenzeit mehr Informationen darüber zu bekommen, wie die weichen und die harten Reifen sich verhalten. Und es gab noch einen zweiten Grund: Kommt zwischen Verstappens Stopp und Runde 20 ein Safety-Car oder eine VSC-Phase, kann Lewis gratis stoppen und führt das Rennen mit frischen Reifen an.“

Die Rennentscheidung fiel zwischen den Runden 38 und 41. Zuerst boxte sich Nico Rosberg gegen Kimi Räikkönen durch. Dann trugen die Red Bull-Piloten ihr unglaubliches Duell zwischen den Kurven 4 und 7 aus. Ricciardo gewann es. Was er noch nicht wusste: Das war der Sieg. Red Bull griff aus zwei Gründen nicht ein. Ricciardo meinte, auch er könne bis zum Ende mit den harten Reifen durchfahren. Vielleicht eine Finte, um sich gegen eine Stallregie abzusichern. „Damit fuhren Daniel und Max im gleichen Rennen. Es wäre unfair gewesen einzugreifen“, bestätigt Horner.

Außerdem konnte man Ricciardo nicht noch einen Sieg stehlen. Er verlor in Barcelona, weil Verstappen die bessere Taktik bekam, und er verlor in Monte Carlo, weil die Mechaniker nach einem kurzfristigen Strategiewechsel die Reifen nicht fanden. „Insgesamt hat er durch Pech 4 Rennen verloren“, fühlte Teamberater Helmut Marko mit.

Hamilton stresste die Reifen, nicht den Motor

Hamilton lag in der 40. Runde 22,7 Sekunden vor den beiden Red Bull. Um bei einem weiteren Boxenstopp in Führung zu bleiben, war ein Vorsprung von mindestens 23 Sekunden nötig. „Wir haben Lewis gesagt, dass er noch 4 Runden fahren muss.“ Red Bull-Berater Helmut Marko meinte: „Wir haben Hamilton in den Motorschaden gehetzt.“

Die Mercedes-Ingenieure widersprechen: „Als wir Lewis gesagt haben, dass er Attacke machen soll, ist er im gleichen Motor-Modus weitergefahren. Du machst deine Zeit in den Kurven und beim Beschleunigen gut, nicht auf den Geraden. Lewis hätte nichts machen können, um den Schaden zu verhindern. Er hat nicht den Motor gestresst, sondern seine Reifen.“

Die fällige dritte VSC-Phase lud 8 Fahrer dazu ein, am Ende noch einmal einen dritten Stopp für frische Soft-Reifen einzulegen. Es war für die meisten ein Gratis-Boxenstopp. Nur für Rosberg war er mit einem gewissen Risiko verbunden. „Räikkönen hatte eine genügend große Lücke nach hinten, konnte also stoppen. Da mussten wir nachziehen. Die Gefahr bei uns war, dass Nico da noch eine ganze Runde fahren musste. Hätte die VSC-Phase früher geendet, wären wir in Schwierigkeiten gekommen.“

Hier entschied sich endgültig auch das Red Bull-Duell. Ricciardo hatte einen brandneuen Satz, Verstappen einen, der eine Installationsrunde auf der Lauffläche hatte. Auf die Restdistanz ein theoretischer Nachteil von 1,8 Sekunden. Tatsächlich schloss Verstappen die Lücke innerhalb von 8 Runden von 3,840 auf 1,156 Sekunden. Doch ab Runde 50 ging die Schere wieder auf.

Nicht nur wegen Ricciardos frischerer Reifen. Verstappen hatte seine Reifen in der Anfangsphase zu stark strapaziert. Das äußerte sich in Querstehern am Kurvenausgang. TV-Reporter Paul di Resta fiel auf. „In Runde 50 hat er beim Anbremsen der ersten Kurve vorne die Räder blockiert und ist untersteuernd in die Kurve gerutscht. Das hat den Reifen den Rest gegeben.“

Force India verschätzt sich mit Soft-Reifen

Auch im Verfolgerfeld wurden taktisch alle Register gezogen. Valtteri Bottas und Jolyon Palmer fuhren mit einem Stopp in die Punkte. Carlos Sainz und Felipe Nasr haben es versucht: „Uns fehlte der Speed für diese Taktik“, bedauerten beide. Bottas war mit der Reifenfolge Medium-Hart unterwegs, Palmer sogar mit Hart-Soft.

Force India machte den Fehler, beide Fahrer in der VSC-Phase in Runde 9 mit Medium-Reifen auszustatten. Zu dem Zeitpunkt lagen sowohl Sergio Perez als auch Nico Hülkenberg noch vor Bottas. „Wir hätten splitten sollen“, gibt Sportdirektor Otmar Szafnauer zu. „Normalerweise sind wir mit unseren Prognosen die Reifen betreffend treffsicher. Doch diesmal haben wir dem Soft-Reifen zu wenig zugetraut.“

Sergio Perez fehlten im Ziel 2,2 Sekunden auf Bottas. Der Mexikaner sparte sich den zusätzlichen Stopp in der dritten VSC-Phase. Damit war sein letzter Reifensatz nur 3 Runden jünger als der des Williams-Piloten. Hülkenberg sicherte sich mit einem dritten Stopp gegen Jenson Button ab. Der Engländer bekam in Runde 37 eine Garnitur Soft. Hülkenberg fuhr zu diesem Zeitpunkt schon 9 Runden lang auf einem Satz Hart. Er fiel beim Stopp zwar hinter Button, hatte aber im Finale die frischeren Reifen. Nach nur 3 Runden überholte er den McLaren wieder.

Die aggressivste Taktik wählte Fernando Alonso. Er fuhr 3 Mal Soft und ein Mal Hart. Kunststück. Der Spanier hatte 3 frische Satz der weichsten Mischung in der Hinterhand. Die Strategie mit den Stopps in den Runden 9, 27 und 40 brachte ihm zum vierten Mal den siebten Platz. Bei zwei der Stopps nutzte McLaren eine VSC-Phase. Button dagegen hatte das Pech, dass der zweite Reifenwechsel 3 Runden vor der Neutralisation stattfand.

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