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Taktikcheck GP Monaco 2016 (Teil 3)

War Massas Taktik wirklich so dumm?

Sebastian Vettel - GP Monaco 2016 Foto: sutton-images.com 39 Bilder

Ferrari scheiterte in Monte Carlo an zwei Dingen. Am Startplatz und an Felipe Massa. War der frühe erste Boxenstopp von Sebastian Vettel im Prinzip richtig oder hätte Ferrari voraussehen müssen, dass Massa auf der Strecke bleibt und den Prellbock spielt? Da streiten sich die Experten.

04.06.2016 Michael Schmidt

Ferraris Einsatzleiter Jock Clear wusste es schon vor dem Rennen: "Ich wette, dass es fünf oder sechs Fahrer gibt, die nachher sagen: Hätten wir das und das gemacht, hätten wir gewinnen können.“ Das traf nach 78 Runden auch auf Sebastian Vettel zu. Doch dem WM-Fünften standen zwei Dinge im Weg. Der vierte Startplatz und Felipe Massa.

Nach Meinung von Vettel und den Ingenieuren hatte der Ferrari in Monte Carlo den Speed, in die erste Startreihe zu fahren. Wieder einmal ging kurz vor der entscheidenden Qualifikationsrunde der Grip verloren. Am Ende stand Vettel nicht in der ersten, sondern der zweiten Reihe. "Wir müssen unseren Job am Samstag besser hinkriegen“, forderte Vettel. Teamchef Maurizio Arrivabene unterstrich das: "Unser Ergebnis in der Qualifikation zwang uns eine aggressive Strategie auf. Es war die einzige Möglichkeit, Positionen gutzumachen.“

Vettel nimmt Schuld auf sich

Am Sonntag zahlte Ferrari für den vierten Startplatz. Der Start hinter dem SafetyCar nahm Vettel die Chance, seinen Platz beim Spurt in die erste Kurve zu verbessern. Damit hing er im Zug hinter Nico Rosberg an vierter Stelle fest und musste mit ansehen, wie sich Daniel Ricciardo an der Spitze auf und davon machte. Als Max Verstappen mit Intermediates die ersten schnellen Sektorzeiten auf die Bahn legte, holte Ferrari seinen Fahrer in Runde 13 an die Box. Eine Runde vor Fernando Alonso, zwei Runden vor Nico Hülkenberg, die alle im Stau hinter Rosberg festhingen.

Vettel kehrte direkt hinter Felipe Massa auf die Strecke zurück, der stur bis Runde 20 auf Regenreifen ausharrte, obwohl ringsherum die meisten Fahrer bereits auf Intermediates gewechselt hatten. In den sechs Runden hinter dem Williams verlor Vettel 17 Sekunden auf die Spitze und 6 Sekunden auf Perez, der ebenfalls mit Regenreifen weiterfuhr.

Aus Sicht von Vettel trotzdem der richtige Schachzug: "Es war richtig früh zu stoppen. Wir konnten nicht ahnen, dass Massa so lange draußenbleibt. Hätte er gestoppt, hätte ich mit den Intermediates zur Spitzengruppe aufschließen können.“ In der 16.Runde endete ein Überholversuch im Notausgang der Hafenschikane. Am Ende nahm Vettel alle Schuld auf sich: "Ich hätte Massa überholen müssen. Dann wären wir auch aufs Podium gefahren.“

Aus Massas Sicht machte Durchhalten Sinn

Mit dem Schuldeingeständnis nahm Vettel den Druck von einem Team, das in Barcelona für einen Taktikfehler kritisiert worden war. Zu Unrecht, wie Jock Clear im Interview ausführte. Die Preisfrage in Monte Carlo ist: Konnte Ferrari wirklich nicht ahnen, dass Massa auf der Strecke bleibt? Taktikexperten zweifeln das an.

Dazu muss man sich das Feld und die Lücken hinter Massa anschauen. Der Brasilianer hatte viele Autos in einem Zeitfenster hinter sich, die ihn in seinen Taktikoptionen limitierten. Massa fuhr sein eigenes Rennen und hatte einige Boxenstopp-Fenster schon verpasst. Aus seiner Sicht konnte er nicht 100prozentig sicher sein, dass ihm ein früher Boxenstopp etwas bringt.

Massa wäre bei einem Stopp in Runde 15 nur vor Ericsson auf die Strecke gekommen. Dafür wäre er hinter Verstappen, Grosjean und Magnussen gefallen, die schon auf Intermediates waren. Und diese Gruppe wurde von Wehrlein eingebremst, der wie Massa noch auf Regenreifen fuhr. Gutierrez und Bottas lagen zu dem Zeitpunkt außer Massas Reichweite.

Für Massa hätte es keinen Sinn gemacht sich hinter die Wehrlein-Gruppe anzustellen, weil er gegen keinen ein direktes Rennen fuhr, außer Wehrlein, der mit der gleichen Taktik unterwegs war wie er. Und hinter den durfte er nicht fallen. Tatsächlich zahlte sich das Durchhalten von Massa auf. Der Vorsprung von ihm auf die Verfolger stieg von 13 auf 21 Sekunden an. Genug, um vor der Meute nach dem hinausgezögerten Stopp wieder auf die Strecke zu kommen. Williams-Einsatzleiter Ron Smedley bestätigt: "Unser Plan ging auf. Wir haben ihn vor der Gruppe wieder rausgekriegt, die von Wehrlein aufgehalten wurde.“

Soft war für Ferrari die richtige Wahl

Hätten Ferraris Strategieprogramme vor der Massa-Gefahr warnen müssen? Dazu reicht ein Rechenmodell allein nicht aus. Man hätte sich vielleicht in Massas Rennen hineindenken müssen. Und in das von Wehrlein. Wer in Sekundenbruchteilen entscheiden muss, hat nicht die Zeit dazu. Doch wozu haben die großen Teams zuhause noch einmal eine Mannschaft von bis zu 10 Leuten sitzen, die nichts anderes tut als die eigene Strategie und die der Gegner zu überwachen?

Force India zum Beispiel fiel mit Nico Hülkenberg in die gleiche Falle, und das zwei Runden später. Damit war aber auch für Sergio Perez genug Information vorhanden, die richtige Entscheidung zu treffen. Nämlich den Boxenstopp bis Runde 21 hinauszuzögern. Interessanterweise wurde der Mexikaner kurz nach Massa in die Box gerufen. Man hatte verstanden, wo das Problem lag.

Das brachte Perez vor Vettel. Beide hatten danach das Problem, wieder von Nico Rosberg aufgehalten zu werden, der in Runde 20 auf Intermediates gewechselt hatte. Damit waren die Siegträume praktisch schon ausgeträumt, weil Ricciardo und Hamilton an der Spitze so weit flüchten konnten, dass sie selbst nach einem Stopp vorne geblieben wären.

Der zweite Boxenstopp von Vettel war richtig getimt. Force India holte Perez zwar aus Angst vor einem Undercut eine Runde früher ein, aber das war mit hohem Risiko verbunden. Die Strecke war für Slicks noch ziemlich feucht. Ferrari entschied sich für Soft-Reifen. Auch das war die richtige Wahl. Es war keiner mehr da, den er mit einem Undercut und weichen Reifen hätte schlagen können. Wozu also ein Risiko mit den Reifen eingehen?

Die härteste Mischung war im Rennen nicht langsamer als die weicheren Reifentypen, gab aber die Sicherheit, bis zum Ende durchfahren zu können. "Es war schwer einzuschätzen, ob der Supersoft und ultrasoft die Restdistanz schaffen“, meinte Vettel.

In der Aussage schwingt mit, dass Ferrari davon ausging, dass Hamilton und Ricciardo ein weiteren Reifensatz brauchen würden. In den letzten 47 Runde fuhr Vettel ein Rennen gegen Perez. „Ich war eine Sekunde pro Runde schneller als er, konnte ein paar Mal dicht aufschließen, doch an Überholen war nicht zu denken.“ Und wo wäre Vettel gelandet, hätte sich Massa in Luft aufgelöst? Wenigstens auf Platz 3. Hätte er wie Perez bis Runde 21 gewartet? Auch auf Platz 3.

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