Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Taktikcheck GP Monaco 2016 (Teil 2)

Genialer Poker oder Glück für Hamilton?

Ricciardo & Hamilton - GP Monaco 2016 Foto: xpb 39 Bilder

Lewis Hamilton lag schon 13 Sekunden hinter Daniel Ricciardo. Trotzdem gewann er das Rennen. Führten glückliche Umstände oder ein genialer Poker des Mercedes-Kommandostands dazu? Von beidem ein bisschen, ergibt unser Taktik-Check.

03.06.2016 Michael Schmidt

Mercedes hält sich mit der Frage nach dem Warum gar nicht lange auf. "Uns wurde der Sieg geschenkt", sagen selbst die Strategen, die einen brillanten Lewis Hamilton und einen lahmen Nico Rosberg über 78 verrückte Monaco-Runden auf die Plätze 1 und 7 navigierten. Doch dieses Geschenk von Red Bull hatte man auch mit schlauen strategischen Entscheidungen herausgefordert.

Für Mercedes begann der GP Monaco mit einer bösen Überraschung. In beiden Autos kamen Bremsen und Reifen nicht auf Temperatur. Rosberg verlor in den ersten 15 Runden, davon 8 unter Renntempo, 13,1 Sekunden auf Daniel Ricciardo. Die Fernsehbilder verrieten, dass Hamilton hätte schneller fahren können. Er kam nur nicht vorbei. In der Gischt des anderen Mercedes plagten ihn zunächst die gleichen Symptome wie bei seinem Teamkollegen.

Hamilton geht mehr Risiko ein

Selbst 3 Tage nach dem Rennen konnte Mercedes noch nicht erklären, was da schiefgelaufen ist. Und warum nur bei einem Auto so massiv. Und weshalb nur bei den Mercedes, was später die schlechten Runden aus der Box und bei den Re-Starts nach den VSC-Phasen zeigten. Keiner war so langsam wie die Silberpfeile. Als Hamilton an Rosberg vorbei war, flog er Rosberg im Schnitt um 1,8 Sekunden pro Runde davon.

Die Ingenieure erklären es so: "Vertrauen ist alles in Monte Carlo. Dazu müssen die Reifen arbeiten. Warum hat es Lewis weniger betroffen? Die Fahrzeug-Abstimmungen waren sehr ähnlich. Auch die Reifentemperaturen lagen in einem ähnlichen Bereich, selbst als Lewis vorbei war."

"Nico hatte ein paar Probleme mehr mit den Bremstemperaturen. Was aber auch damit zusammenhing, dass er kein Vertrauen ins Auto fand und deshalb langsam fuhr. Es ist wie eine Spirale im Regen. Wenn du attackierst, dann kriegst du dafür mehr Temperatur in Bremsen und die Reifen und das bringt Rundenzeit. Das schaukelt sich hoch." Da zeigte sich auch der Hamilton-Faktor. "Er geht höhere Risiken ein, und er ist aggressiv, wenn die Umstände es verlangen."

Das führt zu der Frage, ob Mercedes den Platztausch nicht eher hätte vornehmen sollen? Antwort vom Kommandostand: "Im Rückblick ja. Wir hätten Rosberg den Befehl 3 Runden früher geben sollen. Aber in der Situation tust du es nicht. Du musst dem Fahrer die Chance geben, seinen echten Speed zu zeigen. Und uns die Zeit um herauszufinden, ob es ein Problem mit dem Auto gibt, ob Lewis wirklich schneller fahren könnte, oder ob Ricciardo einfach nur überirdisch schnell unterwegs war."

"Es braucht 3 Runden, bis du alle relevanten Daten hast. Und es handelt sich um einen Befehl, den du so selten wie möglich aussprechen willst. Und da willst du 100 prozentig sicher sein, dass er gerechtfertigt ist. Wenn du es aus den falschen Gründen tust, kann das für den betroffenen Fahrer ein schwerer Rückschlag sein."

Zwei Rennen für Mercedes

Nach der Stallorder fuhren Hamilton und Rosberg zwei unterschiedliche Rennen. Der eine auf Attacke, der andere in der Defensive. Weil Rosberg bis zum Schluss mit den Problemen am Auto zu kämpfen hatte. Bei Hamilton fiel relativ früh die Entscheidung, sich einen Boxenstopp zu sparen und die Intermediates zu überspringen.

Noch einmal die Strategen: "Wir haben vor dem Rennen darüber gesprochen, ob wir einen direkten Wechsel von Regenreifen auf Slicks in Betracht ziehen sollten. Einfach, weil wir nicht sicher waren, ob der Intermediate so wahnsinnig viel schneller sein würde als der Regenreifen. Monaco ist eine einzigartige Strecke. Da ist es schwer vorherzusagen, wie schnell die Strecke abtrocknet."

"In unserer Situation, auf Platz 2, mit genug großem Abstand zu den Verfolgern, lohnte sich der Schachzug. Mit Nico haben wir entschieden zu stoppen, weil er so langsam war und wir hofften, durch einen Reifenwechsel würden sich die Probleme lösen. Bei Lewis war es schlussendlich eine einfache Entscheidung."

Sie brachte Hamilton die Führung ein, weil sich Ricciardo zur Überraschung von Mercedes ohne Not Intermediates abholte. Doch dann rückte der entscheidende Moment näher. Der Wechsel auf Slicks. Und hiermit die Million-Dollar-Frage: Welche Reifen ziehen wir auf, und wann ist der beste Moment für den Boxenstopp?

Lewis Hamilton - GP Monaco 2016Foto: sutton-images.com

Mathematik, Logik und Psychologie

Die Rechenmodelle sind das eine. Doch in so einem Moment entscheidet auch der Mensch. James Vowles und seine Kollegen holten Hamilton in Runde 31 an die Box und gaben ihm zum Erstaunen aller einen Satz Ultrasoft auf die lange Reise bis ins Ziel. Wenig später wurde auch Rosbergs Mercedes mit dem gleichen Reifentyp bestückt.

Die Wahl fiel aus drei Gründen auf den Ultrasoft. Es war ein Mix aus Mathematik, Logik und Psychologie. "Wir haben mehrere Rechenmodelle für die Reifen, wie lange sie abhängig von der Asphalttemperatur unter bestimmten Bedingungen halten werden. Die sagten uns: Wenn wir in Runde 31 stoppen wird es knapp, aber es reicht."

Zweiter Teil der Überlegung war: "Wir dachten zu dem Zeitpunkt noch, dass uns der Ultrasoft auf der ersten Runde nach dem Boxenstopp extra Rundenzeit gibt. Es ist ein weicher Reifen, der schneller auf Temperatur kommen sollte. Uns war bewusst, dass Ricciardo der schnellste Mann auf der Strecke sein würde, sobald wir an die Box gehen. Das war auch so."

"Aber wir gingen davon aus, dass uns allein der Slick im Vergleich zum Intermediate rund 9 Sekunden Vorteil an Rundenzeit geben würde. Dafür wollten wir den Reifen haben, der theoretisch die beste Performance auf der Runde aus den Boxen raus bringen würde. Und das war der Ultrasoft."

Mercedes-Teamchef Toto Wolff meinte gleich nach dem Rennen, dass es vielleicht besser gewesen wäre, noch 2 Runden zu warten. 3 Tage später sieht man das bei Mercedes in einem anderen Licht. Der Stopp in Runde 31 verhinderte einen Undercut von Red Bull. Und er gab Mercedes die Möglichkeit, den Gegner zu verwirren. Mit einer ungewöhnlichen Reifenwahl. Der Psycho-Trick funktionierte. Red Bull änderte seinen Reifenwahl, was am Ende zu dem Boxenchaos führte.

Rosberg parkt 50 Zentimeter zu spät

Das konnte Mercedes zwar nicht ahnen, aber einen Versuch war es wert. Es passierten noch andere Dinge, die bei Mercedes nicht im Skript standen. Der Ultrasoft lieferte nicht den erhofften Grip für die schnelle Runde nach dem Boxenstopp: "Praktisch alle Autos, egal auf welchen Slicks sie unterwegs waren, haben auf uns in der Runde aus der Box raus 8 Sekunden gutgemacht. Wir hatten später auch immer wieder Probleme nach dem Ende der VSC-Phasen."

Zunächst lief alles wie vorausberechnet. Ricciardo fuhr auf den 8 Runden alten Intermediates im Mittelsektor die bis dahin schnellste Zwischenzeit. Aber auch Sergio Perez, der eine Runde vor Hamilton stoppte, war extrem schnell auf den Soft-Reifen. Die Zeiten des Mittelsektors lagen zwar noch nicht bereit, doch Mercedes erkannte anhand von GPS und anderen Werkzeugen, wie schnell Perez wirklich war:

"Hochgerechnet war es eine 41er Zeit im Mittelsektor. Genau gleich wie Ricciardo. Was hat uns das gesagt? Der Soft-Reifen funktioniert wie erwartet. Also machte unser Ultrasoft-Modell Sinn." Der Rest war Glück. Oder Unvermögen der Konkurrenz. Hamiltons langsame Runde aus der Box raus wurde durch Red Bulls schlechten Boxenstopp egalisiert.

Eine kleine Niederlage mussten die Monaco-Sieger dann doch noch schlucken. Rosberg hätte Vierter werden können. Er kam aber nur als Siebter ins Ziel. Schuld war der schlechte zweite Boxenstopp. "Nico ist 50 Zentimeter über die Parkposition hinausgefahren und stand schon halb in der Ferrari-Box. Wir konnten vorne links den Schlagschrauber nicht ansetzen. Das hat uns 1,8 Sekunden gekostet."

"Das wiederum hatte zur Folge, dass mittlerweile andere Autos in der Boxengasse waren. Hülkenberg und Sainz kamen daher. Das hat uns hinter Vettel geworfen. Hinter Perez wären wir auch mit einem normalen Boxenstopp gefallen, weil seine Runde aus der Box raus so schnell war."

Schlimmer noch: Alonsos verspäteter Boxenstopp in Runde 32 brachte auch den McLaren noch vorbei. "Wir haben ihn dazu eingeladen. Alonso hat auch geholfen, dass auch Nicos Runde aus der Box raus sehr langsam war."

Im Vergleich zu Hamilton fehlten Rosberg 1,5 Sekunden. Und im Vergleich zu Alonsos Runde aus der Box waren es 8,1 Sekunden. Der Platzverlust kurz vor dem Ziel gegen Nico Hülkenberg ging auf das Konto abgewetzter Reifen. Im Gegensatz zum Hamilton steckte Rosberg die gesamte Zeit im Verkehr. Da erhöhte den Verschleiß.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden