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Taktik-Check GP Österreich

Strategie-Rätsel dank Wetterumschwung

Sebastian Vettel - GP Österreich 2016 Foto: sutton-images.com 62 Bilder

Auf zwei Tage Hitze folgte ein Renntag mit Kälte. Alles, was die Teams im Training gelernt haben, war im Rennen irrelevant. Daraus resultierten 13 unterschiedliche Strategien. Nur 2 Fahrer im Feld wählten die Sieger-Taktik. Bei Lewis Hamilton war sie eher eine Notlösung.

05.07.2016 Michael Schmidt 2 Kommentare

Der GP Österreich erinnerte in vielen Zügen an das Rennen in Monte Carlo. Nach 2 Tagen Sonnenschein und Asphalttemperaturen zwischen 42 und 52 Grad, stürzte das Thermometer am Sonntag ab. Die Temperaturen auf dem Streckenbelag kletterten nicht mehr über 26 Grad. Aus Sicht der Ingenieure war der neunte WM-Lauf eine Fahrt ins Ungewisse.

Sie mussten ihre Autos schon am Samstag auf Wetterdaten einstellen, die ihnen die Meteorologen unter die Nase hielten. „Wir sind so schlecht vorbereitet in dieses Rennen gegangen wie schon lange nicht mehr. Alles was wir in den ersten 3 Trainingssitzungen gelernt haben, war am Sonntag irrelevant“, erzählten Mercedes-Ingenieure. Wir wissen: Daraus entstehen die besten Rennen.

Lewis Hamilton und Nico Rosberg gingen in das Rennen, ohne zu wissen, wie oft sie bei ihrer Box vorbeischauen würden. Mercedes hielt ein Einstopp-Rennen für möglich, aber nur wenn es die Fahrer mindestens bis Runde 20 schaffen . „Letztes Jahr hat der Soft-Reifen 48 Runden gehalten, und am Ende war nichts mehr drauf. Dafür war der neue Asphalt in diesem Jahr eher etwas aggressiver.“

Zwei Boxenstopp-Pannen bei Hamilton

Der Konkurrenz ging es genauso. Das zeigen die Strategien der 20 Fahrer, die es in die Wertung geschafft haben. Sie waren mit 13 unterschiedlichen Reifenabfolgen unterwegs. Nur Max Verstappen, Kimi Räikkönen, Romain Grosjean und Felipe Nasr schafften es mit einem Stopp über die Distanz. Sie kamen auf den Plätzen 2, 3, 7 und 13 ins Ziel. Unter dem Strich: Keine schlechte Taktik.

Verstappen kam schon in Runde 15 zum Boxenstopp und trug seine Garnitur Soft über 56 Runden ins Ziel. Räikkönen hielt 49 Runden durch, Grosjean 45. Nasr machte es umgekehrt. Der Sauber-Pilot startete mit der härtesten Mischung. Die trug ihn 43 Runden weit, bevor er noch einen Stint über 28 Runden mit den Supersoft-Reifen dranhing.

Lewis Hamilton hielt am längsten auf den Ultrasoft-Gummis durch. Das Privileg der Spitzenposition half ihm, die weichste Mischung bis zu der Runde zu bringen, die das Mindestziel war. „Runde 21 war die Runde, die für ein Einstopp-Rennen reichen sollte, die es Lewis aber ermöglichen sollte, noch vor Nico rauszukommen“, erzählen die Strategen.

Der Plan ging schief. Der erste Boxenstopp dauerte 4,2 Sekunden. Links hinten sträubte sich die Radmutter gegen die Demontage. So ging Nico Rosberg an Hamilton vorbei. Und das stand nicht im Skript. Rosberg wurde vom sechsten Startplatz aus mit einer aggressiven Zweistopp-Taktik ins Rennen geschickt. Er war als Gegner von Hamilton eigentlich gar nicht vorgesehen.

„Wir hätten Lewis ein bisschen früher reinholen können, um uns gegen ein Boxenstopp-Problem abzusichern. Aber in Runde 20 waren wir uns einfach nicht sicher, ob es Lewis bis zum Ende des Rennens schafft. Da zählte jede Runde, die er länger draußenbleiben konnte ohne zu viel an Rundenzeit aufzugeben“, erklärten die Taktiker.

Ohne zweiten Stopp hätte Hamilton verloren

Die neue Reihenfolge brachte Mercedes in Nöte. Rosberg musste auf jeden Fall noch einmal stoppen. Hamilton hätte mit seinem zweiten Satz bis ins Ziel durchgehalten, doch die Reifen wären am Ende eingebrochen. Wahrscheinlich noch stärker als bei Max Verstappen. Weil Hamilton die ganze Zeit Druck auf Rosberg ausübte, und weil die Reifen am Mercedes an diesem Tag stärker abbauten als bei Ferrari und Red Bull.

Erklärung vom Kommandostand: „Nico hätte mit seinem frischeren Satz Reifen Lewis am Ende des Rennens zerstört. Man hat an Verstappen gesehen, was passiert, wenn man länger als 45 Runden mir den Soft-Reifen fährt. Irgendwann wurde er immer langsamer. Lewis hätte sich gegen Nico auf Reifen, die 30 Runden frischer sind, nicht wehren können.“

Um Hamilton eine faire Siegchance zu geben, disponierte Mercedes auch bei ihm auf eine Zweistopp-Strategie um. Da der Engländer keinen frischen Satz Supersoft mehr hatte, kamen bei ihm gebrauchte Reifen der Marke Soft ans Auto.

Rosberg wurde eine Runde später auf einen frischen Satz Supersoft gesetzt. Er hatte seinerseits keine Garnitur Soft mehr in Reserve. Unter dem Strich hatten damit beide Mercedes-Piloten die gleiche Ausgangsposition. „Der Soft-Reifen war eine Garantie, stabil bis zum Rennende zu fahren. Abgesehen von der Aufwärmrunde gleich schnell wie mit dem Supersoft“, verglichen die Ingenieure.

Deshalb bekam Hamilton das Privileg des früheren Boxenstopps. Er konnte es aus zwei Gründen nicht zu seinem Vorteil nutzen: Auch der zweite Boxenstopp ging schief. Diesmal lag das Problem links vorne. Und Hamilton kam in der Aufwärmrunde in der Remus-Kurve kurz von der Strecke ab. Bei der Änderung der Marschroute kam auch das Thema Gleichbehandlung ins Spiel. Dazu Teamchef Toto Wolff: „Könnt ihr euch vorstellen, wie sich Lewis aufgeregt hätte, wenn wir ihm das Gefühl gegeben hätten, das Nico taktisch besser unterwegs war?“

Sebastian Vettel - GP Österreich 2016Foto: sutton-images.com
Sebastian Vettel hätte sich das Risiko mit dem langen Stint auf dem ersten Reifensatz sparen können.

Vettels Reifensatz war bereits 29 Runden alt

Für Kopfschütteln sorgte wieder einmal die Taktik von Ferrari. Wegen der schlechten Startplätze sah Ferrari sein Heil in einem Einstopp-Rennen. Man ging davon aus, dass alle Ultrasoft-Starter, also auch Hamilton und Rosberg, zwei Mal an die Boxen kommen würden. Weil keiner dem Ultrasoft mehr als 15 Runden zutraute. Doch das Körnen vom Training hielt sich am Renntag wegen der kühleren Temperaturen in Grenzen.

Als Hamilton in Runde 21 in die Boxen abbog, folgte Ferrari mit Kimi Räikkönen eine Runde später. Offenbar mit der Option eines Zweistopp-Rennens, die erst später zum Einstopper wurde, weil der Ferrari so pfleglich mit seinen Reifen umging. Sebastian Vettel sollte so lange wie möglich draußen bleiben, um garantiert mit einem Stopp die 71 Runden zu schaffen.

Räikkönens Supersoft-Sohlen waren schon relativ stark abgefahren. Laut Pirelli betrug die Gummiauflage weniger als 30 Prozent. Teamchef Maurizio Arrivabene beteuerte: „Es gab anhand der Daten keinerlei Anzeichen von Reifenproblemen. Auch Sebastians Feedback war gut. Der Plan war, Seb so lange wie möglich draußen zu halten, damit er am Ende des Rennens möglichst gute Reifen hat. Er wäre ohne den Reifenplatzer ganz weit oben auf dem Podium gelandet.“

Ferrari argumentierte damit, dass andere Fahrer noch mehr Runden auf dem Supersoft-Reifen zurückgelegt hätten. Ohne Probleme. Das stimmt nur bedingt. Felipe Nasr fuhr 28 Runden damit, allerdings mit einem leichteren Auto im zweiten Teil des Rennens. Vettels Garnitur hatte bereits 3 Runden aus der Qualifikation hinter sich, davon eine heiße Runde mit 1.06,602 Minuten.

Vettel wäre nach erstem Stopp auf Platz 6 gefallen

Vettel drehte Runde um Runde und verlor Sekunde um Sekunde. Innerhalb von 5 Runden machte Rosberg 7, Hamilton 6 und Verstappen 5 Sekunden auf den Ferrari an der Spitze gut. In Runde 26, rund 100 Meter vor dem Reifenplatzer, hatte Vettel den einen der beiden Mercedes bereits im Rückspiegel.

Hätte er in Runde 27 gestoppt, wäre er in ein Loch zwischen Kimi Räikkönen und Valtteri Bottas gefallen. Mit 17 Sekunden Rückstand auf Rosberg, 12 Sekunden auf Hamilton, 9 Sekunden auf Verstappen, 6 Sekunden auf Ricciardo und 3 Sekunden auf Räikkönen.

Mit jeder Runde mehr auf den ausgelutschten Supersoft-Reifen wäre die Schere um weitere 1,2 bis 2,0 Sekunden aufgegangen. Was war damit gewonnen? Vettel hätte am Ende vielleicht 8 Runden jüngere Reifen gehabt als Hamilton. Er hätte aber auch viel Zeit beim Überholen der Red Bull verschenkt. Man muss sich nur anschauen, wie viel Zeit Räikkönen hinter Ricciardo verloren hat.

Vettel wäre beim zweiten Stopp der Mercedes bestenfalls vor den Silberpfeilen gelandet. Die hätten ihn aber mit den frischeren Reifen schnell aufgeschnupft. Es wäre dann zwischen ihm und Verstappen zum Duell gekommen, das er vermutlich gewonnen hätte. Doch das gleiche hätte Vettel mit einer aggressiven Zweistopp-Strategie erreichen können. Ohne das Risiko, dass ihm der Reifen um die Ohren fliegt.

Neuester Kommentar

"Deshalb bekam Hamilton das Privileg des früheren Boxenstopps."

Hat Mercedes nicht stock und steif behauptet, dass der Führende die bessere Strategie bekommt? Muss ich wohl falsch verstanden haben.

Proesterchen 5. Juli 2016, 14:04 Uhr
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