Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Taktik-Check GP Singapur 2016

Deshalb gab Rosberg erst am Ende Gas

Nico Rosberg - GP Singapur 2016 Foto: sutton-images.com 66 Bilder

Der GP Singapur war ein Strategie-Poker. Mercedes brachte mit Lewis Hamiltons drittem Boxenstopp Nico Rosbergs Sieg in Gefahr. Doch nur, weil man nicht mit dem Fehler von Ferrari gerechnet hatte. Erst der löste das spannende Finale aus. Wir erklären warum.

21.09.2016 Michael Schmidt 1 Kommentar

So verrückt haben die Teams noch nie taktiert. 18 Fahrer kamen in Singapur ins Ziel. Mit 14 unterschiedlichen Strategien. 10 Piloten wählten ein Zweistopp-Rennen, 8 taktierten mit 3 Stopps. Was laut Pirelli auf dem Papier die schnellste Taktik war. Doch die von Pirelli empfohlene Reifenfolge Ultrasoft-ultrasoft-ultrasoft-supersoft wählte keiner. Weil 3 Stopps die Gefahr bergen, in den Verkehr zu fallen. Und auf Stadtkursen ist nichts wichtiger als die Position auf der Rennstrecke.

Der Sieger kam mit zwei Reifenwechseln über die Distanz. Der zweite mit drei. Unterschied im Ziel: 0,488 Sekunden. Also nichts. Hätte Daniel Ricciardo besser das gleiche gemacht wie Nico Rosberg? Immerhin holte der Australier gerade auf, als der Befehl zum Boxenstopp kam. „Ich glaube nicht, dass ich mit dem gleichen Reifentyp mit ähnlicher Laufzeit jemals an Nico vorbeigekommen wäre. Um einen Mercedes zu überholen, musst du etwas anders machen als sie“, winkte Ricciardo ab.

In Kurve 18 kam der Befehl „stay out!“

Zum Glück holte Red Bull Ricciardo ein drittes Mal an die Box. Das bescherte dem GP Singapur ein großes Finale. Bis dahin war das Rennen eher statisch verlaufen. Doch um besser zu verstehen, was sich da in den Runden 45 bis 47 abspielte, blenden wir noch einmal in Runde 44 zurück. Da führte Nico Rosberg mit 3,8 Sekunden vor Daniel Ricciardo, mit 9,0 Sekunden vor Kimi Räikkönen und 11,1 Sekunden vor Lewis Hamilton.

Dann die Überraschung. Hamilton kam an die Box, tauschte Soft gegen Supersoft und brauste wieder los. Verwirrung am Kommandostand von Ferrari und hektische Funkdialoge mit dem Piloten. Reinkommen oder draußenbleiben? Ferrari entschied sich fürs Reinkommen und verzockte. Räikkönen kehrte mit Ultrasoft-Reifen hinter Hamilton auf die Strecke zurück.

Ferrari - GP Singapur 2016Foto: sutton-images.com
Am Ferrari-Kommandostand wurde unter Druck die falsche Entscheidung getroffen.

Mittlerweile hatten wir Runde 46. Ricciardo lag nur noch 3,0 Sekunden hinter Rosberg. Und bog plötzlich auch an die Boxen ab. Für einen frischen Satz Supersoft. Jetzt stieg der Puls auch bei Mercedes. Rosberg bekam den Befehl: „Strat 5, overtake button“. Das heißt: Volle Attacke.

Offensichtlich plante Mercedes zu Beginn der 47. Runde noch Ricciardos Boxenstopp zu kontern. Doch als Rosberg in Kurve 18 einbog, 3 Kurven vor der Boxeneinfahrt, hatte er die Order im Ohr: „Stay out!“ Was 14 Runden vor Schluss folgende Konstellation ergab. Rosberg führte auf mittlerweile 15 Runden alten Soft-Reifen 25,4 Sekunden vor Ricciardo mit frischen Supersoft-Sohlen.

Wer hat den Fehler gemacht?

Mercedes-Teamchef Toto Wolff sagte hinterher, man habe unabsichtlich Rosbergs Sieg durch Hamiltons dritten Stopp in Gefahr gebracht. Das stimmt nicht ganz. Ferrari hatte tatkräftig mitgeholfen, wie die Mercedes-Strategen anschaulich erklären.

„Wir wollten Lewis an Kimi vorbeibringen, haben aber nicht damit gerechnet, dass Ferrari darauf reagieren würde. Wenn Kimi auf der Strecke bleibt, tut das Ricciardo auch, weil ihm die Lücke nach hinten fehlt und er nicht riskieren kann, seine Position auf der Strecke zu verlieren.“

Bei Hamilton war die Entscheidung einfach. „Lewis hätte auf dem dritten Satz zu Ende fahren können, doch es wäre dann aussichtslos gewesen, ihn ohne dritten Stopp an Kimi vorbeizubringen. Wir wollten das Podium.“

Wie schon so oft in dieser Saison, reagierte Ferrari kopflos auf den unerwarteten Strategiewechsel. Räikkönen lag an der Grenze zwischen zweiten und dritten Sektor virtuell schon mit 0.2 Sekunden im Rückstand. Bis zum Ende der Runde hätte sich noch eine Sekunde dazu addiert.

Der Undercut ist in Singapur eine starke Waffe. Weil die erste Runde auf frischen Reifen einen Vorteil von bis zu 2,5 Sekunden bringt. Für Räikkönen war es viel zu riskant, auf Hamiltons Boxenstopp zu reagieren. Weil das den sicheren Platzverlust an den Mercedes-Fahrer bedeutete. Wäre Räikkönen auf der Strecke geblieben, hätte er zumindest die Chance gehabt seinen dritten Platz zu retten. So wie Rosberg gegen Ricciardo.

Räikkönen hatte wie Rosberg in Runde 33 auf einen frischen Satz Soft gewechselt. Und der Ferrari ging schonender mit seinen Reifen um. Außerdem musste Hamilton auf eine gebrauchte Garnitur Ultrasoft zurückgreifen, weil sich Mercedes keine frischen weichen Reifen für das Rennen aufgehoben hatte.

„Vielleicht“ ist besser als „wahrscheinlich“

Es hat den Anschein, dass bei Ferrari die Statistik-Algorithmen nicht immer richtig funktionieren. GPS war in Singapur für alle ein Problem. Die Satellitenpeilung funktionierte in den Wolkenkratzern nur unpräzise. Am Freitag und Samstag gab es zwischen den Kurven 9 und 14 Totalausfälle.

Alle Teams behelfen sich in diesen Fällen mit Rechenmodellen, die die Position der Autos anhand vorhergehender gesicherter GPS-Werte hochrechnen. Mercedes wusste, dass Räikkönen nie und nimmer vor Hamilton auf die Strecke zurückkehren konnte. Die Qualität der eigenen Vorhersagen zeigte sich dann im Fall von Rosberg gegen Ricciardo.

Red Bull hat taktisch alles richtig gemacht. In dem Moment, als Ferrari Räikkönen an die Box beorderte, gab es für Ricciardo zwei Optionen. Draußenbleiben und hoffen, dass der Satz Soft länger hält als beim Gegner. Oder ohne Risiko reinkommen, sich endgültig gegen Hamilton und Räikkönen absichern, aber gleichzeitig die Chance zu gewinnen, mit weicheren und frischeren Reifen Rosberg unter Druck zu setzen.

Was tatsächlich passierte. Mercedes warf den Plan, auf Ricciardo zu kontern, in letzter Sekunde wieder um. „Wir haben versucht mit Nico den Vorsprung auf Ricciardo so zu kontrollieren, dass ein Undercut unmöglich ist. Blöderweise hatte Ricciardo just in der bewussten Runde auf Nico auf 3.0 Sekunden aufgeholt.“

„Nico lief in seiner vermeintlichen IN-Runde auf Nasr auf und hatte noch einen kleinen Fehler drin. Das hat Zeit gekostet. Außerdem war Ricciardo auf seiner OUT-Runde wahnsinnig schnell. Virtuell lag Nico nur noch 0,4 Sekunden vor Ricciardo. Diese 4 Zehntel waren zu wenig, um einen Boxenstopp zu riskieren. Hätten wir Rosberg reingeholt, hätte er wahrscheinlich die Führung verloren. Wenn nicht, vielleicht am Ende. Wir haben uns für das Vielleicht entschieden.“

Größte Gefahr war ein Safety-Car

Dann begann bei Mercedes die große Rechnerei. „Unsere Rechenmodelle sagten uns, dass Ricciardo in der letzten Runde aufschließen würde, aber zu der Zeit hätte sich sein Reifenvorteil bereits reduziert. Das Speed-Delta war am Ende 0,9 Sekunden groß. Was zum Überholen nicht reicht, bei den vielen Reifenschnipsel neben der Ideallinie. Hätte er 4 Runden vor Schluss aufgeschlossen, wäre es eng geworden. Unsere größte Angst war, dass es ein Safety-Car geben würde. Dann hätten wir ein echtes Problem bekommen.“

Rosberg wurde angewiesen, alles für den großen Schlussangriff des Red Bull zu schonen: Reifen, Bremsen, Batterievorrat. Doch warum lässt man den Gegner überhaupt aufholen? Man könnte ja versuchen mit ein paar schnellen Runden zwischendrin seine Moral zu brechen.

„12 Runden vor Schluss wussten wir, dass Daniel uns einholen würde. Auch wenn Nico zwischendrin mal Gas gibt. Deshalb war es wichtig, für das Finale gerüstet zu sein. Oder für den Fall eines Safety-Cars. Wenn du vorher schon alles verheizt, stehst du mit dem Rücken zur Wand.“

Ricciardo bezahlte am Ende nicht für die Überrundungen von Felipe Massa und Esteban Gutierrez. „Die haben Rosberg und Daniel ungefähr gleich viel Zeit gekostet“, rechnete Red Bull-Teamchef Christian Horner vor.

Der WM-Dritte stolperte über seine aggressiven ersten Runden. „In seiner ersten gezeiteten Runde ist Ricciardo 1.47,1 Minuten gefahren. In seiner zweiten 1.47,8 Minuten. Da zeichnete sich schon ein Abbau an. Immer wenn du richtig attackierst, schädigst du die Reifen nachhaltig. Sie werden einfach zu heiß“, rechnen die Mercedes-Ingenieure vor. Doch was blieb Ricciardo auf der Jagd nach dem Spitzenreiter anderes übrig? Er durfte nicht ein Zehntel verschenken.

Das Quartett an der Spitze überstrahlte das Geschehen dahinter. Dabei verdienen auch die Aufholjagden von Sebastian Vettel und Sergio Perez viel Lob. Der eine machte 16, der andere 10 Positionen gut. Und die Kommandostände halfen kräftig mit. Wir haben drüber in unserer -> Vettel-Story und der -> Perez-Analyse schon ausführlich berichtet.

Wie wichtig der Start war, zeigte sich bei Fernando Alonso und Max Verstappen. Alonso tauchte als Fünfter in der ersten Kurve auf. Verstappen rutschte nach dem Problem mit der Kupplung auf Rang 8 ab. Es dauerte 54 Runden, bis Verstappen endlich an Alonso vorbeiging.

Während es Alonso mit zwei Stopps und Undercuts schaffte, sich vor schnelleren Fahrzeugen zu halten, musste Red Bull seinen Fahrer 3 Mal frische Reifen mitgeben. Verstappen fuhr mit der Reifenfolge Supersoft-supersoft-supersoft-soft auf Platz 6.

Neuester Kommentar

Danke für den tollen Artikel.

Lob 21. September 2016, 17:21 Uhr
Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden