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Taktik-Check GP Ungarn 2016

Warum fuhr Hamilton so langsam?

Nico Rosberg Boxentafel - Formel 1 - GP Ungarn 2016 Foto: sutton-images.com 67 Bilder

Mercedes hat in Ungarn nur mit seinen Gegnern gespielt. Bis Runde 33 betrug der Vorsprung auf Red Bull nur 5 Sekunden. Am Ende waren es 27. Wollte Hamilton seinen Teamkollegen Rosberg in eine Falle laufen lassen? Der Taktik-Check gibt die Antworten. Und verrät, welcher Pilot einen neuen Boxenstopp-Rekord aufgestellt hat.

26.07.2016 Michael Schmidt 1 Kommentar

Mercedes war auch in Ungarn überlegen. Doch die Silberpfeile hätten das Rennen zwei Mal verlieren oder zumindest für kontroverse Schlagzeilen sorgen können. Es ging gleich los beim Start. Daniel Ricciardo hatte dank eines späten Bremsmanövers in der ersten Kurve seine Nase schon vorn. Dann holten sich Lewis Hamilton ausgangs Kurve 1 und Nico Rosberg außen herum in Kurve 2 ihre angestammten Plätze an der Spitze zurück.

Die Mercedes-Strategen fühlten sich an das Vorjahr erinnert, als Sebastian Vettel vom dritten Startplatz an die Spitze gestürmt war und das Rennen dann auch gewann. Natürlich hatten sie einen Plan B für den Fall, dass Ricciardo das gleiche gelingt.

Red Bull hat die konstantesten Starts

Und so sah er aus: „Es wäre unmöglich gewesen, Ricciardo im ersten Stint auf der Strecke anzugreifen. Wenn wir mit 2 Autos hinter ihm gelegen wären, hätten wir unser besser platziertes in Runde 11 hereingeholt, um es mit einem Undercut vorbeizubringen. Das was Vettel später mit Verstappen gemacht hat.“

„Das andere Auto hätte den Overcut versucht, wäre also länger draußen geblieben. Hört sich blöd an, ist aber mit unserem Speed-Vorteil möglich. Unser zweiter Fahrer hätte am Anfang einfach die Hinterreifen schonen müssen, bis Ricciardo an die Box abbiegt. Und dann Attacke. So wäre auf jeden Fall ein Auto vorne gewesen. Wenn es mit dem zweiten nicht geklappt hätte, hätten wir Ricciardo so früh zum zweiten Stopp gezwungen, dass ihm hinten raus die Reifen eingehen.“

Die Mercedes-Piloten hatten ordentliche Starts, wie die Ingenieure verraten. „Beide Starts waren auf den ersten 100 Metern fast identisch. Nico bekam dann etwas mehr Schlupf. So ist der Abstand zu Lewis von 8 auf 3 Meter geschrumpft. Nico konnte deshalb sein Auto in der ersten Kurve nicht mehr optimal positionieren. Ricciardo ist wahrscheinlich besser weg gekommen als wir, aber den wirklichen Unterschied hat er auf der Bremse gemacht. Wenn man sich die Starts in diesem Jahr anschaut, muss man sagen: Red Bull hat zwar nie die besten Starts, aber die konstantesten auf sehr hohem Niveau.“

Neuer Boxenstopp-Rekord: 1,73 Sekunden bei Rosberg

Der erste Stint auf den Supersoft-Reifen waren bei Asphalttemperaturen von bis zu 54 Grad eine Reise ins Nirgendwo. Alle waren darauf bedacht, den ersten Satz wenigstens bis Runde 11 zu bringen. Die Mercedes-Piloten hatten die Anweisung, die Reifen in den ersten 6 Runden nicht zu überfordern. Hamilton gab erst in Runde 9 richtig Gas, weil er sich nicht sicher war, was er den Reifen zumuten konnte. Da hing Ricciardo mit 3,8 Sekunden Abstand immer noch in einem Fenster, das bei einem Undercut gefährlich werden konnte.

In Runde 14 hatten Hamilton und Rosberg den Abstand nach hinten, der sie vor einem früheren Stopp von Ricciardo schützte. Red Bull musste sich zu dem Zeitpunkt nach hinten orientieren, weil Sebastian Vettel nach einer vorsichtigen Anfangsphase immer näher an Max Verstappen heranrückte.

Mercedes holte seine Fahrer konservativ in den Runden 16 und 17 an die Box. Mit dem Resultat, dass sich Rosbergs Rückstand von ursprünglich 2,5 Sekunden mehr als halbierte. Zwei Gründe: Rosberg hatte seine Reifen besser geschont und war auf dem Weg in die Box um 1,1 Sekunden schneller als Hamilton. Und dann stellte Mercedes mit einem Reifenwechsel von 1,73 Sekunden einen neuen Boxenstopp-Weltrekord auf.

Obwohl Hamilton und Rosberg nach der Serie der ersten Stopps mit 9,6 Sekunden Vorsprung auf Ricciardo komfortabel in Führung lagen, kam Mercedes kurz darauf in eine zweite kritische Situation. Ricciardo holte massiv auf. Was war passiert? Hamilton hatte in den ersten Runden die Hinterreifen zu stark gefordert und reduzierte den Speed, damit die Reifen in ihr Arbeitsfenster zurückkommen konnten.

Hamilton bremst Rosberg ein

Doch der Weltmeister trödelte mehr herum als er eigentlich musste. Er klagte am Funk, dass er ein Problem habe, den Speed zu halten. Die Ingenieure konnten jedoch weder etwas am Auto noch an den Reifen erkennen. Die hatten sich längst wieder erholt. Weil Ricciardo ständig näher kam, ermahnte Chefstratege James Vowles Hamilton am Funk, er solle schneller fahren. Keine Reaktion.

In Runde 30 waren die Abstände aus Sicht von Mercedes besorgniserregend. Hamilton führte 1,8 Sekunden vor Rosberg und 4,6 Sekunden vor Ricciardo. In dem Moment setzte der Kommandostand Hamilton die Pistole auf die Brust: Entweder du fährst schneller oder Rosberg bekommt den früheren zweiten Stopp.

„Mit der Gefahr, dass Lewis den ersten Platz verliert. Aber wir mussten das tun, denn unser Job ist es, einen Doppelsieg abzusichern. Auch wenn es daraufhin einen Aufschrei gegeben hätte, wie wir Lewis so benachteiligen hätten können“, erzählen die Strategen.

Durch die Bummelei von Hamilton lief Rosberg Gefahr, in einen Undercut von Ricciardo zu laufen. Die Sorge war nicht unbegründet, wie Ricciardos früher zweiter Stopp in Runde 33 zeigte. Hamilton verstand die letzte Warnung von der Boxenmauer. Als hätte er einen Schalter umgelegt, wurden seine Rundenzeiten sofort um eine Sekunde schneller. Von durchschnittlich 1.25,8 auf 1.24,7 Minuten.

Sollte Rosberg in die Undercut-Falle laufen?

Das gibt Anlass zu Spekulationen, warum der Engländer seine Fahrt so stark verlangsamt hatte und durch seine Funksprüche den Eindruck vermittelte, er habe ein Problem mit dem Auto. Das Problem gab es nicht. Wer Böses denkt, könnte vermuten, dass Hamilton seinen Teamkollegen bewusst in die Falle laufen lassen wollte, in der Hoffnung dass Ricciardo durch einen Undercut an Rosberg vorbeikommt. Es wären aus Hamiltons Sicht 3 wichtige Punkte mit Blickrichtung Weltmeisterschaft gewesen.

Wie gesagt, es ist eine Theorie. Aber keine ganz abwegige. Der Titelverteidiger ist ein ausgefuchster Rennfahrer, der wirklich alle Tricks auf Lager hat. Das macht ihn fast schon sympathisch, weil er damit auf dem gleichen Klavier spielt wie vor ihm schon Alain Prost, Ayrton Senna, Nelson Piquet, Michael Schumacher oder Fernando Alonso.

Der Rest des Rennens war für Mercedes Formsache. Kaum zog Hamilton das Tempo an, flogen die Silberpfeile den Red Bull davon. Der Vorsprung vergrößerte sich in den nächsten 37 Runden um 22 Sekunden. Rosberg ließ nach dem Rennen durchblicken, dass er schneller als Hamilton gewesen wäre. „Überholen war unmöglich. Du verlierst in den 3 Kurven vor der Zielgeraden einfach zu viel Zeit.“

Die Ingenieure resümieren, dass der Speed ihrer beiden Fahrer identisch war. Weil Hamilton kein optimales Rennen gefahren ist. Der Weltmeister schenkte zu Beginn des zweiten und dritten Stints zu viel Zeit her. Ihm fehlte an diesem Tag das Gefühl, wie lange die Reifen halten würden.

Red Bull griff nach den Sternen

Red Bull richtete seine Taktik auf Mercedes aus. Sie wollten nach den Sternen greifen und hätten dafür fast das Podium an Ferrari verloren. Aus Sicht von Mercedes ließ sich Red Bull von Hamiltons langsamen Rundenzeiten im zweiten Turn in die Irre leiten. „Sie dachten, dass wir nicht schneller fahren konnten als das, was sie gesehen haben. Deshalb wollten sie um den Sieg fahren oder wenigstens Platz 2 zu holen und haben dabei Ferrari völlig vergessen.“

Möglicherweise dachte Red Bull auch kurz über ein Dreistopp-Rennen nach. Wenn man an einem Mercedes via Undercut vorbeigekommen wäre, hätten man zum Schluss noch ein Mal einen Satz Supersoft fahren können. Als Absicherung für den Fall, dass der Soft-Reifen früher einbricht als gedacht. Auch Red Bull konnte nicht wissen, wie lange die Reifen halten. Die Asphalttemperaturen waren am Sonntag um 10 Grad gestiegen.

Die Hoffnung, mit Ricciardos frühem Stopp in Runde 33 Mercedes mit Rosberg zu einer Reaktion zu zwingen ging nicht auf. „Wir haben es nicht gemacht, weil wir uns nicht zutrauten, so lange mit einem Reifensatz bis zum Ende zu fahren. Ricciardo hat uns gezeigt, dass unsere Sorge berechtigt war. Bei ihm sind die Reifen 5 Runden vor Ende in die Knie gegangen“, erklären die Mercedes-Strategen. Ricciardo verlor am Ende bis zu 1,5 Sekunden pro Runde auf sein Umfeld. Eine Runde mehr, und er hätte Vettel nicht mehr halten können.

Neuester Kommentar

Hamilton ist halt ein Fuchs! 1. Warum sollte er schneller fahren? 1. Nico hätte ihn auf dieser Strecke so oder so nicht überholen können. 2. konnte er so seine Reifen schonen. 3. Schonte er so auch seinen Motor und 4. konnte so der Redbull auf Nico aufschliessen und ihn unter Umständen sogar um weitere 3 Punkte bringen. Hamilton hätte dafür einen Pokal verdient!

rblaas 26. Juli 2016, 20:53 Uhr
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