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Teamcheck 2011 - Force India

Der Aufsteiger der Saison

Nico Hülkenberg, Adrian Sutil & Paul di Resta Foto: Force India 14 Bilder

Force India lieferte die Überraschung der Saison ab. Der Rennstall aus Silverstone sicherte sich mit einem tollen Endspurt Platz sechs. Mehr noch: Die Autos liegen in puncto Standfestigkeit in der Spitzengruppe. Und die Boxenmannschaft gehört zu den Top vier der schnellsten Schrauber.

19.12.2011 Michael Schmidt

Ein Blick in die Statistik von Force India sagt alles. In seiner Premierensaison 2008 belegte der Rennstall von Vijay Mallya Platz zehn mit null Punkten. 2009 wurde daraus Rang neun mit 13 Zählern. Ein Jahr später kletterte die Truppe aus Silverstone auf Platz sieben mit 68 Punkten. Und in diesem Jahr? Rang sechs im Konstrukteurspokal mit stolzen 69 Zählern auf dem Konto. Jedes Jahr eine Steigerung. Sportdirektor Otmar Szafnauer schwankt zwischen Zufriedenheit und gespieltem Ärger: "Ein Rennen mehr, und wir hätten Renault noch von Platz fünf verdrängt."

Es gibt aber noch mehr als Platz sechs, auf das Force India stolz sein kann. Mit 11.076 Rennkilometern liegt man auf Platz zwei der Zuverlässigkeitsstatistik, um 47 Kilometer geschlagen von Ferrari, aber vor dem Weltmeisterteam von Red Bull. Paul di Resta legte mit 5.667,5 Kilometern eine größere Distanz zurück als jeder andere Fahrer im Feld. Das spricht für ihn und sein Team. Die vier Ausfälle verteilen sich auf zwei Unfälle, einen Hydraulikdefekt und ein loses Rad. Dafür kamen Adrian Sutil und sein Teamkollege 34 Mal ins Ziel, 17 mal davon in den Punkterängen.

Force India sichert Rang sechs

Force India hat beim Finale in Brasilien den Matchball im Kampf um die Plätze sechs bis acht und neun Millionen Dollar mehr oder weniger aus Bernie Ecclestones Kasse souverän verwandelt. Sutil kämpfte sogar die Werks-Mercedes nieder, und di Resta wäre das vermutlich auch gelungen, hätten ihn nicht Getriebeprobleme und eine unerklärliche Top-Speed-Schwäche gebremst. Als der Öldruck im Getriebe sank, wurde der Schotte angewiesen vom Schnellschaltmodus in das Standardprogramm zu wechseln. "Das hat ihn drei Zehntel pro Runde gekostet", attestiert Szafnauer.

Mit 86 Millionen Euro Budget und 308 Angestellten ist Force India der Meister der Effizienz. Das Ziehen des letzten Technikjokers hat sich gelohnt. Ab dem GP Indien wurde zwei Mal am Auspuff und Diffusor nachgebessert. Das brachte in Summe sechs Zehntel. "Wir haben mit Platz sechs das 20-fache der Summe zurückgeholt, was die Notoperation gekostet hat", betont Force India-Technikchef Otmar Szafnauer. Zwei Wochen vor dem GP Indien stoppte er für drei Tage die Entwicklung des 2012er Autos und ließ noch einmal das aktuelle Modell in den Windkanal stellen. Vier Zehntel Zeitgewinn zum Preis von 200.000 Euro.

Schwacher Start verhindert besseres Ergebnis

Im Rückblick haderte Force India mit dem schwachen Saisonstart. Bei den Wintertests hinterließen die weiß-grün-orangen Autos einen eher dürftigen Eindruck. Der neue VJM04 kam wie der McLaren und der Virgin mit vier Testtagen Verspätung. Er debütierte erst in Jerez. Und er war erschreckend langsam. Bei einem Schönheitswettbewerb hätte das bullige Auto konkurrenzlos den letzten Platz belegt.

Aber auch so bereitete das Werk von Andy Green, Simon Phillips, Akio Haga und Co. jede Menge Kopfzerbrechen. Das Chassis war zu weich. Der Heckflügel zu extrem. Der Auspuff an der falschen Stelle. Dann kamen die Troubleshooter. Technikchef Andy Green und seine Kollegen räumten auf. Beim Chassis wurde nachlaminiert. Die Auspuffendrohre in den Boden vor den Hinterrädern verlegt. Am Heckflügel der Flap so abgeändert, dass beim Zurückklappen sofort wieder Strömung anlag.

Force India kopiert Red Bull

Ab dem GP Monaco lief die Operation Red Bull. Das Auto wurde wie sein Vorbild nach vorne geneigt auf den Rädern gestellt. "Es hat gedauert, bis wir den Nachteil des höheren Schwerpunkts hinten durch mehr Gesamtabtrieb kompensiert hatten. Und bis der Diffusor richtig abgedichtet war", blickt Szafnauer zurück. Dazwischen lagen unzählige Versuche, den Auspuff zielgenau in die Spalte innerhalb der Hinterräder blasen zu lassen und den Diffusor dafür zu modellieren. Beim GP Deutschland platzte der Knoten. Man fand fast eine halbe Sekunde. Danach tauchte mit Ausnahme des GP Japan immer mindestens ein Force India in den Punkterängen auf.

Highlight war der Stadt-Grand Prix in Singapur als Sutil und di Resta zwölf Zähler einfuhren. Vorangegangen war das letzte große Aerodynamik-Facelift mit Retuschen am Frontflügel, an den Seitenkästen und dem Unterboden. Dass Toro Rosso und Sauber die Force India-Aerodynamiker danach noch einmal zu einer letzten, unplanmäßigen Offensive zwingen würden, konnte zu dem Zeitpunkt noch keiner ahnen. Die starke Leistung in Singapur zeigte auch, dass der Force India von einem Auto für die schnellen Strecken zu einem Allrounder gereift war. "Wir sind heute auf allen Streckentypen konkurrenzfähig", bestätigt Technikchef Green.

Force India investiert in die Zukunft

Force India hat vom McLaren-Support profitiert, weil die Techniker sich auf das Wesentliche konzentrieren können. McLaren liefert den Antriebsstrang und die Hydraulik. Dinge, die kein Rennen gewinnen, aber leicht kaputtgehen. Trotz der Anbindung an McLaren baut Force India einen eigenen Simulator, der 2013 fertig sein soll. "Manche Daten sind zu sensibel. Wir wollen nicht, dass McLaren da Einblick bekommt", heißt es beim WM-Sechsten.

Die Techniktruppe wurde bereits um 30 Mitarbeiter aufgestockt. "Wir stehen jetzt bei 308. Irgendetwas zwischen 330 und 350 ist das Ziel", verrät Sportdirektor Szafnauer. Es ist eine erfahrene Mannschaft. Viele Ingenieure sind schon seit den goldenen Jordan-Zeiten dabei. Die Truppe hat sogar den Weggang von Technikchef James Key zu Sauber verkraftet.

Lange Diskussionen um Fahrer für 2012

Am Ende des Jahres musste Force India nur noch ein Problem lösen. Die Fahrerfrage. Es war ein Luxusproblem. Mit Sutil, die Resta und Testpilot Nico Hülkenberg hatte man drei exzellente Fahrer zur Hand. Sutils Option lief am Korea-Wochenende aus. Sie wurde nicht verlängert, um flexibel zu sein. Teamchef Vijay Mallya ließ Sutil wie Paul di Resta und Nico Hülkenberg bis Dezember schmoren.

Hülkenberg war vertraglich immer gesetzt. Auch Bernie Ecclestone hatte sich für ihn stark gemacht. Paul di Resta empfahl sich durch Leistung. Der Schotte fuhr in seinem ersten Jahr mit einem auf Augenhöhe, der dem Team schon fünf Jahre diente. Doch Sutils fulminanter Saisonendspurt brachte die Drahtzieher im Team wieder ins Grübeln. Nicht nur Mallya stellte sich die Frage: Dürfen wir so einen Mann ziehen lassen?

Der Einkauf des indischen Sahara-Konzerns und eine Finanzspritze von 100 Millionen Dollar für die nächsten fünf Jahre hat das Team unabhängig von der Mitgift eines Fahrers gemacht. "Wenn wir Platz sechs erreichen", sagte einer aus dem Team, "haben wir die fünf Millionen, die wir von Sutils Sponsor bekommen, in doppelter Höhe in der Kasse." Am Ende fielen die Würfel auf di Resta und Hülkenberg. Danach machte nur noch der Chef höchstpersönlich Sorgen. Vijay Mallyas Fluglinie Kingfisher soll kurz vor der Insolvenz stehen. Die Rettung kam in letzter Minute. Schulfreund Subrata Roy half mit einer Finanzspritze von 2,5 Milliarden Rupien aus.

Daten:

WM-Platz: 6
WM-Punkte: 69
GP-Siege: 0
Pole Positions: 0
Schnellste Runden: 0
Rennkilometer: 11.076,0 km = 291,5 km pro Fahrer und GP (Platz 2)
Führungsrunden: 0
Punkteplatzierungen: 17
Podestplätze: 0
Zielankünfte: 34
Ausfälle: 4 (2 Defekt, 2 Unfall)
Fahrer: Adrian Sutil (P9), Paul di Resta (P13)
Motor: Mercedes V8

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