Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Teamcheck 2011 - McLaren-Mercedes

Vom Flop zum Top-Auto

Button Hamilton Webber GP Kanada 2011 Foto: Red Bull 39 Bilder

McLaren-Mercedes war das einzige Team, das Red Bull 2011 unter Druck setzen konnte. Mit sechs Siegen nahm die Truppe aus Woking die Kronprinzenrolle ein. Erstaunlicherweise zeigten die McLaren auf den Strecken ihre Qualität, auf denen sie im Vorjahr noch chancenlos waren.

11.12.2011 Michael Schmidt

Der erste Auftritt des McLaren MP4-26 endete mit hochgezogenen Augenbrauen. Bei der Präsentation in Berlin fielen die Eigenheiten des Autos sofort ins Auge. Eine Nase mit einem Splitter darunter. Seitenkästen in Ohrenform. Eine Airbox mit zwei Lufteinlässen. Ein eigenwilliges Heck mit extrem breiten Querlenkern und steil abfallenden Seitenkästen. Ein Auspuff, den man nicht sah.

Auspuff-Trick wird zum Rohrkrepierer

Der McLaren war außerdem die Stretchlimousine im Feld. Das Prinzip des überlangen Radstands verteidigt Teamchef Martin Whitmarsh: "Dadurch konnten wir den Tank schmaler bauen, und das schaffte Platz an einer für die Aerodynamik heiklen Stelle. In der Theorie ist das Auto etwas träger beim Einlenken, aber die Praxis hat in Monte Carlo gezeigt, dass der Nachteil vernachlässigbar ist."

Lange wurde gerätselt, wo die Endrohre des Auspuffs beim neuen McLaren münden. Bis man endlich wusste, was sich die Techniker da ausgedacht hatten, mussten sie die Lösung auch schon wieder in den Papierkorb werfen. Sie hatten die beiden Auspuffrohre hinter dem Getriebe in einen Kollektor münden lassen, von dem aus die Auspuffgase wie bei einem Oktopus in alle erdenklichen Richtungen abgeblasen wurden. Doch die Aerodynamikhilfe wurde zum Rohrkrepierer. Endrohre brachen, Unterböden schmolzen und der erhoffte Aerodynamikeffekt verpuffte.

Während der Testphase dümpelten Lewis Hamilton und Jenson Button im hinteren Mittelfeld herum. Das Auto stand öfter in der Garage, als dass es Kilometer auf der Rennstrecke abschrubbte. Die Piloten malten bereits eine Zukunft grau in grau, als Whitmarsh ein Machtwort sprach. "Stellt das Experiment ein und baut mir einen Auspuff wie ihn Red Bull hat."

McLaren reisst das Ruder rum

Zwei Wochen später stellte Hamilton den runderneuerten McLaren in Melbourne auf Startplatz zwei. Der Unterboden war teilweise noch mit Titanplatten gegen die Hitzeabstrahlung des im Boden eingelassenen Auspuffendrohrs armiert. Im zweiten Rennen profilierte sich McLarens Notbehelf erstmals als Red Bull-Schreck. Der Vorsprung von Red Bull schrumpfte in Malaysia von acht auf ein Zehntel. Rennen drei in Shanghai ging erstmals an McLaren.

Nico Hülkenberg applaudierte andächtig: "Wenn man bedenkt, wie lange die meisten Teams gebraucht haben, den Red Bull-Auspuff zu kopieren, und sich dann anschaut, wie schnell das McLaren gelungen ist, dann kann man nur den Hut vor dieser Mannschaft ziehen."

Beim GP Spanien zog McLaren das erste große Facelift aus dem Ärmel. Die Hinterachse wurde modifiziert, das Getriebegehäuse erneuert und die Heckpartie schlanker gestaltet. Hamilton hatte den Sieg auf dem Fuß, kam aber an Vettel nicht vorbei. Ein Rennen später klebte Jenson Button das halbe Rennen lang formatfüllend in Vettels Windschatten. Mit Alonsos Ferrari als Puffer dazwischen. Als Button dann das Chaosrennen von Montreal gewann, da hatte man das einzige Mal das Gefühl, die Weltmeisterschaft könnte noch kippen.

McLaren nicht konstant genug

Doch dann stürzte McLaren zwei Rennen lang ab. In Valencia überhitzten die Hinterreifen, weil man die Kühlung der hinteren Bremsen zu schwach dimensioniert hatte. In England litt McLaren unter den Folgen des Verbots des aktiven Anblasens des Diffusors. Dabei zählte Technikchef Paddy Lowe zu den heimlichen Rädelsführern der Anti-Diffusor Kampagne. Als die FIA erstmals mit einem Verbot drohte, zeigte man in Woking Verständnis und ließ blitzartig die Motorkennfelder umprogrammieren.

In Silverstone zeigte sich, dass das ein Eigentor war. "Wir brauchen den angeblasenen Diffusor mehr als jedes andere Team", stellte Button fest. Einem Freund verriet der WM-Zweite: "Wir gewinnen zwei Sekunden mit dieser Technik." Die Erklärung: Der Red Bull ist von der Basis her ein besseres Rennauto als der McLaren MP4-26. Er konnte leichter auf die künstliche Strömungshilfe im Heck verzichten, auch wenn er das ausgeklügeltere System hatte.

Kaum durfte man wieder in allen Gasstellungen Auspuffgase in den Diffusor blasen, war McLaren wieder da. Hamilton gewann am Nürburgring, Button in Budapest. Die Entwicklungsmaschinerie in Woking lief gut geölt. Insgesamt kamen zehn unterschiedliche Frontflügel und zwölf Diffusorvarianten ans Auto. Dann folgten drei Strecken, die McLaren das Genick brachen. Adrian Newey hatte seinen RB7 in einem Spezialeinsatz fit für die Highspeedpisten in Spa und Monza gemacht. Der Stop-and-Go-Kurs von Singapur war für den Red Bull quasi maßgeschneidert.

McLaren mit einigen Pannen in der Qualifikation

Gerade dort verspielte die Konkurrenz gute Startplätze durch individuelle Fehler. McLaren unterliefen die Pannen meistens in der Qualifikation. Und die kosteten gute Startplätze. In Monte Carlo wollte man Reifen sparen, schickte Hamilton zu spät auf die Strecke und lief prompt in einen Abbruch nach dem Unfall von Perez. In Silverstone wollte McLaren schlauer sein als die Wettervorhersage. Als Hamilton endlich mit frischen Reifen auf die Strecke ging, nieselte es.

In Spa war die Kommunikation mit dem Fahrer gestört. Jenson Button wurde nicht exakt instruiert, dass er zwei schnelle Runden am Stück fahren muss, ohne Abkühlphase dazwischen. In Monza begriff man zu spät, dass Vettel mit seinem kurz übersetzten siebten Gang die Trumpfkarte gezogen hatte. In Singapur wartete Hamilton vergeblich auf grünes Licht für seinen dritten Versuch. Die Tankanlage saugte statt zu pumpen. Bis die nötigen zwölf Liter endlich im Tank sind, war die Uhr abgelaufen.

Das Wochenende von Suzuka begann im gleichen Stil. McLaren schickte beide Fahrer so spät zum letzten Versuch auf die Strecke, dass Hamilton im Bestreben Abstand zu Button zu lassen es nicht mehr rechtzeitig für seine letzte fliegende Runde über die Linie schaffte. Button übernahm seinen Part und gewann den Grand Prix mit Grandezza. Red Bull verzockte mit dem Setup. Der letzte McLaren-Erfolg in Abu Dhabi fiel Hamilton nach Vettels Reifenplatzer kampflos in die Hände.

An guten Tagen schneller als Red Bull

Fazit: McLaren konnte an guten Tagen Red Bull schlagen. Dazu musste aber alles passen. Die Streckencharakteristik, das Setup, die Boxenstopps. Kurioserweise war der McLaren MP4-26 auf den Strecken schnell, auf denen sein Vorgänger chancenlos war. Strecken wie Barcelona, Budapest, Suzuka oder Abu Dhabi. "In schnellen Kurven haben wir letztes Jahr bis zu 20 km/h auf die Red Bull verloren. Jetzt sind wir dort gleich schnell oder besser", wirft Button ein.

Es dauerte auch zu lange, bis die Heckflügel-Verstellung einwandfrei funktionierte. Button: "Erst in der Schlussphase der WM war unser Flügel so effizient wie der von Red Bull." Punktabzüge gibt es für die fünf Nullrunden. Hamilton feuerte zwei Mal das Auto ins Abseits. Ein Mal streikte bei ihm das Getriebe. Button strandete am Nürburgring mit einem Hydraulikdefekt, und in Silverstone hatten die Mechaniker nach einem Boxenstopp ein Vorderrad nicht angezogen. Bevor es sich selbständig machen konnte, hielt Button an.

Jenson Button zählte zu den Gewinnern dieser Saison. Er hat Lewis Hamilton geknackt. Das ist vorher noch keinem Teamkollegen des farbigen Briten gelungen. Nach Buttons Sieg in Suzuka musste der Teamkollege anerkennen: "Jenson macht einen besseren Job als ich." Noch nie stand die Aktie Button so hoch im Kurs. Auch im Finale zeigte der Weltmeister von 2009, dass sein Vizetitel nicht Zufällen entsprang. Obwohl die neuen weichen Pirelli-Reifen nach Buttons Geschmack zu schwammig waren, kam er besser mit dem Problem zurecht als sein Teamkollege.

Pirelli-Reifen 2012 als Nachteil?

Es war für McLaren ein Warnschuss für 2012 zur rechten Zeit. Der Red Bull RB7 reagierte auf die größeren Laufflächenbewegung der weichen Reifensorte deutlich besser als der McLaren. Vermutlich, weil das Auto weniger hart abgestimmt ist. Für McLaren spricht, dass die FIA dem flexiblen Frontflügel den Garaus machen will. "Bei uns hat diese Technik nie funktioniert", bedauerte Whitmarsh.

Interessant wird sein, was McLaren nächstes Jahr mit dem Auspuff anstellt. Lange kämpfte man gegen das drohende Anblasverbot des Diffusors Seite an Seite mit Red Bull. Offenbar hatte auch McLaren ein Schlupfloch gefunden. Ein anderer Grund dafür ist, dass McLaren wie Red Bull mit einem zu großen Tank für den MP4-27 geplant hat. "Das Chassis wurde bereits im September abgesegnet, zu einem Zeitpunkt, an dem von einem totalen Verbot noch nicht die Rede war", gibt Martin Whitmarsh zu. "Wir wollen nicht ganz so aggressiv in die Saison 2012 gehen, aber wir werden einige interessante Teile am Auto haben", versprach der Teamchef.

Daten:

WM-Platz: 2

WM-Punkte: 497
GP-Siege: 6
Pole Positions: 1
Schnellste Runden: 6
Rennkilometer: 10804,1 km = 284,3 km pro Fahrer und GP (Platz 4)
Führungsrunden: 238
Punkteplatzierungen: 33
Podestplätze: 18
Zielankünfte: 33
Ausfälle: 5 (3 Defekt, 2 Unfall)
Fahrer: Jenson Button (P2), Lewis Hamilton (P5)
Motor: Mercedes V8

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden