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Teamcheck 2011 - Renault

Absturz in der zweiten Halbzeit

Lotus Renault R31 Foto: xpb 19 Bilder

Renault zeigte in diesem Jahr zwei Gesichter. In der ersten Saisonhälfte kämpfte das privatisierte Werksteam gegen Mercedes um Platz vier. In der zweiten stürzte es in die Hoffnungslosigkeit ab. Der revolutionäre Auspuff erwies sich als Rohrkrepierer.

17.12.2011 Michael Schmidt

Renault lebte vom ersten Saisondrittel. 60 seiner 73 Punkte hat der ehemalige Werksrennstall in den ersten sieben Rennen geholt. Als der Renault R31 bei den Testfahrten in Valencia debütierte, war die Aufregung groß. Die meist gestellte Frage lautete: Wo mündet der Auspuff? Antwort: Am vorderen Rand der Seitenkästen.

Renault-Auspuff zeigt Potenzial zu Saisonbeginn

Das zwei geteilte Endrohr zielte halb auf, halb unter die Bodenplatte. Die Auspuffgase sollten die Strömung auf ihrem langen Weg nach hinten unterstützen. Prinzipiell richtig gedacht. Damals konnte noch keiner ahnen, dass es wichtiger sein würde, den Diffusor mit dem Auspuffstrahl gegen seitliche Einströmung zu versiegeln und dort die Luft zu beschleunigen.

Die Installation der gut 1,30 Meter langen Auspuffrohre war ein kleines Wunderwerk. Sie schlängelten sich in den Seitenkästen an Elektronikboxen und Kühlern vorbei, bis sie am Anfang der Seitenkästen einen U-Turn machten. Übrigens: Der Red Bull-Auspuff war exakt genauso lang, obwohl er hinten austrat. Hätte man dem RB7 unter die Haube schauen können, hätte man gesehen, dass künstliche Kurven in das Endrohr eingebaut wurden, um es auf Länge zu bringen. Der Grund liegt darin, dass es nur bei bestimmten Auspufflängen keine Rückkoppelungen der pulsierenden Auspuffgase gibt.

Renault opferte für die langen Auspuffrohre 15 bis 20 PS. Was zeigt, wie groß der aerodynamische Nutzen gewesen sein muss. Sonst würde man nicht so viel Leistung herschenken. Bei Red Bull zahlte es sich aus. Bei Renault nur zu Beginn der Saison. Robert Kubica legte am vierten Testtag von Valencia eine Bestzeit hin, die die Konkurrenz aufschreckte. Hatte man da etwas verpasst?

Kubica-Unfall bringt Heidfeld ins Spiel

Vier Tage später verunglückte Renaults Nummer eins bei einer Provinzrallye schwer. Kubica war für den Rest der Saison im Krankenstand. Die Wahl für den Ersatzfahrer fiel auf Nick Heidfeld. Der Routinier bekam den Vorzug gegenüber Bruno Senna und Nico Hülkenberg, weil Teambesitzer Gerard Lopez und Teamchef Eric Boullier neben Vitaly Petrov einen Mann mit Erfahrung und technischem Verständnis suchten.

Die Saison begann gut. Renault etablierte sich als Favoritenschreck. Platz drei für Petrov in Australien, Rang drei für Heidfeld in Malaysia. Auch in den folgenden Rennen waren die Fahrer in den schwarzen Autos Stammgäste in den Punkterängen. Renault besserte nach. In Malaysia kam ein Frontflügel mit seitlich offenen Endplatten. Der Trick wurde später von anderen kopiert, darunter auch Red Bull. In Spanien debütierte eine neue Nase. Im Stile von Ferrari wurden die Frontflügelaufhängungen verbreitert. Auch am Unterboden wurde nachgebessert. Trotz der Modifikationen trat Renault auf der Stelle. Der im Windkanal prognostizierte Fortschritt trat auf der Strecke nicht ein.

Probleme mit Windkanal-Umstellung

Bei einem Aerodynamiktest merkten die Ingenieure, dass der Umstieg von 50- auf 60-Prozent-Modelle im Windkanal nicht ohne Folgen geblieben war. Die Korrelation der Daten zur Wirklichkeit stimmte nicht mehr. Beim GP Kanada hieß es deshalb: Kommando zurück. Einige der letzten Modifikationen wurden wieder abmontiert.

Dafür präsentierte die Technikertruppe von James Allison eine gewagte Heckflügellösung mit zwei getrennten, nach oben durchgebogenen Hauptblättern. Das Ergebnis des GP Kanada schien der Aktion Recht zu geben. Petrov wurde Fünfter, und auch Heidfeld wäre in die Nähe dieser Platzierung gekommen, wäre er nicht dem plötzlich langsamer werdenden Sauber von Kamui Kobayashi ins Heck geprallt.

Abwärtstrend in der zweiten Saisonhälfte

Nach dem GP Kanada war die Luft raus bei Renault. Was nicht daran lag, dass die Aerodynamikabteilung untätig gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. In Valencia debütierten hakenförmige Finnen unter der Nase, wie man sie zuvor schon bei Red Bull gesehen hatte. Am Nürburgring probierte Nick Heidfeld am Freitag einen Auspuff, der nach Red Bull-Vorbild zwischen Bodenplatte und Hinterräder blies. Eine beträchtliche Gewichtszunahme verwässerte das Ergebnis. Außerdem fehlte die Erfahrung mit dieser Anordnung. Das Auto war schlecht ausbalanciert. So kehrte man wieder zur bekannten Auspufflösung zurück.

In Ungarn sollte eine Frontflügeländerung mit einem geteilten mittleren Flap den schwarzen Autos zu mehr Schwung auf langsamen Strecken verhelfen. Umsonst. In Monte Carlo, am Hungroring und in Singapur zuckelten die Renault R31 chancenlos hinter dem Mittelfeld her. Was daran lag, dass gerade auf langsamen Strecken der angeblasene Diffusor der Konkurrenz riesige Vorteile brachte.

Senna ersetzt Heidfeld

Mittlerweile begann es im Team zu rumoren. Heidfeld geriet in die Schusslinie. Von ihm hatte man erwartet, dass er die Mannschaft in der Krise motivieren würde. Doch das Team sackte immer weiter ab. Die Force India waren klar schneller. Renault fuhr bereits in der Liga von Sauber, Toro Rosso und Williams. Beim GP Belgien tauschten Lopez und Boullier Heidfeld gegen Bruno Senna aus.

Teambesitzer Lopez bestreitet, dass Senna nur dank brasilianischer Sponsoren den Weg in das Cockpit gefunden habe. "Die Sponsoren waren bereits vor seiner Verpflichtung auf dem Auto. Es waren die Ingenieure, die sich gegen Heidfeld ausgesprochen haben. Er brachte ihnen zu wenig Impulse." Der Luxemburger Finanzjongleur wehrt sich auch gegen Vorwürfe, das Team sei mehr am Geschäftserfolg als an Ergebnissen interessiert. "Wir haben die Mannschaft von 480 auf 520 Mitarbeiter vergrößert, den Windkanal von 50- auf 60 Prozent-Modelle ausgebaut und bauen gerade einen Simulator. Macht man so etwas, wenn man nur die Kohle im Auge hat?"

Renault-Updates floppen

Renaults Entwicklungsmaschine lief bis spät in die Saison weiter auf vollen Touren. Man hatte Angst, Force India könnte noch vorbeiziehen. In Singapur kam eine schlankere Heckverkleidung. Sie wurde aber wieder abmontiert, weil es unter der schwarzen Kevlarhaut zu heiß wurde. In Abu Dhabi war sie wieder da. Die Ingenieure hatten die Überhitzungsprobleme in den Griff bekommen.

Beim vorletzten Grand Prix wurde auch noch einmal ein neuer Frontflügel nachgeschoben. Und das Auspuffendrohr zielte mehr auf die Bodenplatte als darunter. So sollte die Luft beschleunigt werden, die am Rand der Seitenkästen Richtung Heck strömte. Obwohl Renault aus den letzten acht Rennen nur sieben Punkte holte, wurde Platz fünf verteidigt. Am Ende betrug der Vorsprung auf Force India nur noch vier Punkte.

Es war eine turbulente Saison für das frühere Werksteam von Renault. Mitte des Jahres kursierten Gerüchte, dass man mit den Motorenzahlungen im Rückstand sei. Lopez widerspricht: "Wir haben jede Rechnung pünktlich bezahlt." Das Missverständnis rührte daher, dass es beim Kauf der restlichen 25 Prozent von dem Rennstall zu Misstönen gekommen ist. Lopez gehörten bereits 75 Prozent. So konnte er das Einlösen der Option auf den Rest als Druckmittel benutzen, um das von Renault zu bekommen, was er wollte.

Renault muss Personal ersetzen

Mit Bob Bell, Tim Densham und Jason Somerville haben drei leitende Ingenieure den Rennstall verlassen. Teammanager Steve Nielsen kündigte freiwillig. Angeblich, weil er der Meinung ist, dass die neuen Besitzer die falschen Prioritäten setzen. Man hört, dass weitere altgediente Ingenieure auf der Flucht sind. Auffanglager gibt es genug. Mercedes, Force India und Virgin suchen händeringend Techniker.

Renault stopfte die Löcher mit Universitätsabgängern. Auch Teamchef Boullier steht auf dem Prüfstand. Gerüchteweise war zu hören, der frühere McLaren-Teammanager Dave Ryan löse ihn ab, als er beim GP Brasilien in der Renault-Box gesichtet wurde. Der wehrte ab: "Ich bin hier nur als Berater im Dienst."

Das Thema Kubica hielt seinen früheren Arbeitgeber bis zum letzten Rennen in Atem. Als bereits fleißig diskutiert wurde, wann der Pole nach seiner Genesung zum ersten Mal wieder testen könne, kam es zum Bruch. Ein Comeback von Robert Kubica wird nicht bei Renault stattfinden. Renault wäre juristisch nicht verpflichtet gewesen, seine alte Nummer eins wieder an Bord zu nehmen. Höchstens moralisch. Das Vertragsverhältnis endet mit dieser Saison.

Ob es sinnvoll war, Heidfeld gegen Senna zu tauschen, muss angesichts der Resultate bezweifelt werden. Heidfeld holte 34 Punkte, Senna zwei. Der Deutsche hat bei den ersten elf Rennen sicher keine Bäume ausgerissen, aber sein technischer Input war sicher wertvoller als der eines Fahrers, der von hier auf jetzt ins kalte Wasser geworfen wurde. Senna eilte nicht der Ruf voraus, so wie sein berühmter Onkel ein Team aus der Krise führen zu können.

Wende mit Kimi Räikkönen?

Im nächsten Jahr soll alles anders werden. Renault heißt dann Lotus. Und im Cockpit sitzen weder Vitaly Petrov noch Bruno Senna, sondern Kimi Räikkönen und Romain Grosjean. Eine interessante Mischung aus jung und alt. Ob sie schlagkräftig genug ist, die Talfahrt zu stoppen, wird auch davon abhängen, was das Designbüro für 2012 abliefert. Auch ein Räikkönen kann keine Wunder wirken, wenn das Auto nur Mittelmaß ist. Siehe 2009 mit Ferrari. Damals zeigte der Finne allerdings seine Klasse, weil er die einzige Chance ein Rennen zu gewinnen, in Spa eiskalt nutzte.

Die wieder aufgefrischte Ehe von Motorenlieferant Renault mit Williams macht dem Ex-Werksteam Sorgen. Die Zentrale in Paris hatte sich die Hochzeit etwas kosten lassen und lud die ehemaligen Williams-Weltmeister Nigel Mansell, Damon Hill und Jacques Villeneuve dazu ein. Möglicherweise ein Indiz dafür, das Enstone bei Renault bald nur noch das vierte Rad am Wagen ist?

Daten:

WM-Platz: 5
WM-Punkte: 73
GP-Siege: 0
Pole Positions: 0
Schnellste Runden: 0
Rennkilometer: 10.392,9 km = 273,5 km pro Fahrer und GP (Platz 5)
Führungsrunden: 0
Punkteplatzierungen: 15
Podestplätze: 2
Zielankünfte: 31
Ausfälle: 7 (1 Defekt, 6 Unfall)
Fahrer: Vitaly Petrov (P10), Nick Heidfeld (P11), Bruno Senna (P18)
Motor: Renault V8

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