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Teamcheck 2011 - Williams

Tiefpunkt in 34 Jahren

Williams GP Japan Crashs 2011 Foto: xpb 21 Bilder

So schlecht war Williams noch nie. Das dritterfolgreichste Team der Formel 1 stürzte auf Platz neun im Konstrukteurspokal ab. Ein gewagtes Experiment mit einem Miniatur-Getriebe erlitt Schiffbruch. Trotzdem will Williams an der Idee festhalten.

23.12.2011 Michael Schmidt

Platz neun mit fünf Punkten, das war selbst dem Chef zuviel. Frank Williams kennt beim Blick auf dn WM-Stand kein Selbstmitleid: "Was für eine Schande. Aber wir haben es nicht besser verdient. Wir haben einen erbärmlichen Job gemacht." Der Mann im Rollstuhl hält zwar noch die meisten Anteile im Team, doch das Ruder haben längst andere übernommen. Zum Beispiel sein Statthalter Adam Parr, nicht unumstritten in Formel 1-Kreisen und auch in den eigenen Reihen. Oder die Aktionäre. Williams ist seit März als Aktiengesellschaft an der Frankfurter Börse notiert. Der Österreicher Toto Wolff ist mit rund 20 Prozent Anteilen einer der stimmgewaltigsten Mitsprecher. Die alte Garde dagegen verschwindet. Technikpapst Patrick Head zieht sich mit Jahresende aus dem Formel 1-Geschäft zurück. Der frühere Technikchef wird sich dann ausschließlich um die Hybridantriebs-Entwicklung im Haus kümmern.

Williams mit misslungenem Getriebeexperiment

Williams wollte es in diesem Jahr besonders gut machen. Heraus kam ein Auto, dem im Heck ein Stück zu fehlen schien. Hinter dem Motor macht der FW33 im Profil einen scharfen Knick nach unten. Technikchef Sam Michael hatte ein Miniaturgetriebe in Auftrag gegeben.

Dementsprechend klein fiel auch das Differenzial aus. Die Antriebswellen mussten zu den Rädern hin angewinkelt werden. Weil sich die hinteren Querlenker der Hinterradaufhängung am Getriebegehäuse nicht abstützen konnten, trafen sie sich in der Heckflügelstütze als zentralem Ankerpunkt. Die Mechaniker fluchten. Der Wechsel der Übersetzung dauerte bis zu zwei Stunden. Es war eher ein Job für Uhrmacher als für Automonteure.

Die Anstrengungen sollten ein Geschenk an die Aerodynamiker sein. Mit Verbot des Doppeldiffusors kam dem unteren Heckflügelelements eine größere Bedeutung zu. Je freier es im Wind steht, umso besser wird es angeströmt. Deshalb die flache Getriebeeinheit. Dazu setzte Williams auf das gleiche Prinzip wie der Red Bull. Ein nach vorne stark angestelltes Auto, dessen Diffusor durch gezieltes Einleiten der Auspuffgase gegen seitliche Einströmung abgedichtet wird. Im Prinzip hatte Williams richtig gedacht. Doch die Praxis folgte nicht der Theorie. Die Hinterachse bewegte sich zu stark, was in einem hohen Reifenverschleiß resultierte. Das wollte lange keiner zugeben. Trotzdem bleibt man dem Konzept auch 2012 treu. Einziger Unterschied: Ein Hilfsrahmen über dem Getriebe wird die Querlenker der Hinterachse aufnehmen. Das bringt Steifigkeit.

Unendliche Auspuffentwicklung

Bei den Testfahrten blies der Auspuff noch auf das Diffusordach. Er trat nahe der Motorabdeckung aus. Williams hatte da aber bereits Phase zwei in Arbeit, bei der die Endrohre in den Boden eingelassen waren und in die Spalte zwischen Hinterrädern und Bodenplatte zielten. Der Versuch wuchs sich zur unendlichen Geschichte aus. Insgesamt gab es im Verlauf der Saison zwölf unterschiedliche Versionen von Auspuff und Diffusor. Zuerst nervten Hitzeschäden die Ingenieure, dann das Feintuning, wo und wie der Auspuff bläst. Der Abtrieb im Heck schwankte. Rubens Barrichello kehrte zu Saisonmitte wieder zu der konventionellen Lösung zurück. Sein Fahrstil braucht ein verlässliches Heck. Außerdem gab es ein Gewichtsproblem. Um die Umgebung der Endrohre vor Verbrennungen zu schützen, wurde massiv Pyrosic und Titan im Unterboden verbaut. Da Barrichello sieben Kilogramm mehr auf die Waage bringt als der schlaksige Pastor Maldonado, kratzte sein Auto hart am Mindestgewicht von 640 Kilogramm.
Maldonado blieb dem seitlich austretenden Auspuff treu. Ab dem GP Belgien produzierte diese Variante nicht nur mehr, sondern auch konstanteren Abtrieb als das alte Modell, auf das Barrichello umgestiegen war. Das überzeugte auch den Oldie im Team. Bei den letzten Rennen fuhren die Williams-Piloten in identischer Konfiguration. Prompt lag Barrichello wieder vor dem Venezolaner.

Williams hadert mit dem angeblasenen Diffusor

Weil sich das Heck ständig änderte, musste auch am Frontflügel regelmäßig nachgebessert werden. Davon gab es in einem Jahr ebenfalls zwölf Spielarten. Die Williams-Ingenieure glaubten lange, dass der Fehler in der Aerodynamik lag. Bis sie draufkamen, dass der Erfolg des angeblasenen Diffusors in einem erheblichen Maße auch von einer intelligenten Motorsteuerung abhing. Wenn die Red Bull-Piloten vom Gas gingen, produzierte der Renault V8 trotzdem Auspuffgase, als würden Vettel und Webber Vollgas geben. Beim Cosworth V8 waren Gaspedalstellung und Gasdurchsatz im Auspuff linear. Für die Entwicklung spezieller Kennfelder fehlte das Geld.

Es war Williams, die bei der FIA gezündelt hatten, das Anblasen des Diffusors im Schleppbetrieb des Motors zu verbieten. Umso verwunderlicher stellte man in Silverstone fest, dass sich Williams bei der Abstimmung über das Verbot auf die Seite jener schlug, die den Trick bis Jahresende beinbehalten wollten. Ein Ingenieur verrät: "Wir hatten in Silverstone das Gefühl, mit dieser Technik den Durchbruch geschafft zu haben. Erst später kamen wir drauf, mit welcher Motorsteuerung Renault und Mercedes unterwegs waren und wieviel uns da fehlte."


Auch am Heckflügel wurde ständig herumgedoktert. Bis zum Saisonende zählte man zehn unterschiedliche Ausbaustufen. Am Anfang fiel der Topspeedgewinn beim Zurückklappen des Flaps zu gering aus. Später wurde der DRS-Effekt von acht auf 18 km/h gesteigert, mit dem Nachteil, dass in Normalstellung des Flaps nicht immer sauber Strömung anlag. Die neue Teamleitung von Williams reagierte. Sie forderte Sam Michael auf, seine Technikmannschaft neu zu besetzen. Weil der Australier seinen langjährigen Mitarbeitern nicht in den Rücken fallen wollte, kündigte er lieber gleich selbst. Michael wird durch zwei Leute ersetzt. Mike Coughlan leitet die Fahrzeugentwicklung. Mark Gillan ist der Chef an der Rennstrecke. Zu den Abgängen zählte auch Aerodynamikchef Jon Tomlinson. Seinen Posten nimmt ein alter Bekannter in der Fabrik ein. Jason Somerville kehrte an seinen früheren Arbeitsplatz zurück. Zwischenzeitlich hatte er bei Renault gedient.

Für Patrick Head lag das Grundproblem des Autos am Kurveneingang. Es reagierte zu stark auf Änderungen der Bodenfreiheit. Beim Bremsen und Einlenken sackte bisweilen der Anpressdruck zusammen. Das war besonders fatal für Barrichello, der ein Auto braucht, auf das er sich beim Bremsen verlassen kann. Seine Stärke am Kurvenausgang kam nicht zur Geltung, weil der Cosworth V8 seine Leistung digital entfaltet. Entweder ist Power da oder nicht.

Überhaupt Cosworth: Am Ende des Jahres ging den Motoren die Puste aus. Als hauptsächlich Triebwerke mit hoher Laufzeit im Einsatz waren, stellten die Cosworth-Techniker Probleme mit den Ventilen fest. Sie dichteten beim Schließen nicht mehr richtig ab. Mehrere Achtzylinder gingen über den Jordan. Beide Fahrer mussten ihren neunten Motor ausfassen, wofür sie zehn Startplätze zurückgestuft wurden. Bei Barrichello war es eigentlich erst das erste Triebwerk, doch weil im Inneren ein Ölleck entdeckt wurde, musste das Siegel gebrochen werden. Auf dem Papier war es damit Motor Nummer neun.

Williams und die Fahrerwahl

Für Williams war es das schlechteste Ergebnis seit der Firmengründung 1977. Auch bei der Fahrerbesetzung für 2012 bekam die Truppe, die früher einmal WM-Titel am Fließband einfuhr, nicht das, was sie wollte. Kimi Räikkönen sagte ab. Ihm war das gebotene Gehalt zu niedrig. Ein Vorwand, wie einige Teammitglieder glauben. Der Finne hätte bei der letzten Verhandlungsrunde bereits gewusst, dass er bei Renault bessere Konditionen geboten bekommt.

Ob der Weltmeister von 2008 der Messias gewesen wäre, der Williams auf die Erfolgsspur zurückbringt, wird nicht nur von Rubens Barrichello bezweifelt. "Speed ist nicht alles. Ich sehe keinen, der mehr Motivation und Erfahrung mitbringt als ich." Sein Argument: 323 Grand Prix-Starts, elf Siege, krisenerprobt und technisch versiert. Für seine 20. GP-Saison hat er sogar ein Sponsorpaket geschnürt. Felipe Massa ruft seinem Freund zu: "Rubens, tu dir das nicht an. Trete lieber in Würde zurück." Barrichello trotzig: "Ich glaube, dass ich Williams 2012 eine große Hilfe sein kann. Mit Renault-Motoren wird es wieder aufwärts gehen. Die neue Technikmannschaft macht mir den Eindruck, dass sie mit einigen alten Fehlern aufgeräumt haben."

Möglicherweise hilft nicht einmal die Mitgift. Den Worten eines Ingenieurs nach zu urteilen, hat sich Williams geistig bereits von Barrichello verabschiedet. "Rubens wacht immer erst im Rennen auf. Er war in einem Jahr nur ein Mal in der Fabrik." Der Brasilianer stellt klar: "Ich werde nicht um einen Vertrag betteln. Das Team muss mich schon wollen. Wenn ich keinen Platz finde, fahre ich nächstes Jahr Autorennen am Computer."

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