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Teams sind schuld an der Formel 1-Krise

Max Mosley hatte Recht

Max Mosley und Bernie Ecclestone Foto: Daniel Reinhard 23 Bilder

Die Formel 1 versucht hektisch eine Kurskorrektur. Man redet jetzt plötzlich wieder über eine Budgetdeckelung. Das gibt der Kampagne von Max Mosley von 2009 Recht. Die Teams haben ihn deshalb gestürzt. Jetzt stehen sie vor einem Scherbenhaufen und reagieren mit blindem Aktionismus.

19.12.2013 Michael Schmidt

Die Formel 1 steckt in einer Krise. Arm und Reich gab es immer in diesem Sport. Doch jetzt ist auch der Mittelstand krank. Weil die vier großen Teams ohne Rücksicht auf Verluste aufrüsten und das Gesamtbild aus dem Auge verloren haben. Es ist ein Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Red Bull kostet eine Weltmeisterschaft rund 280 Millionen Euro. Ferrari, Mercedes und bald schon McLaren-Honda müssen ihre Budgets anheben, um Red Bull einzufangen. Red Bull wird noch mehr ausgeben, um seinen Jägern zu entkommen. Am anderen Ende des Feldes wird es immer schwerer, das Überleben zu finanzieren. 

Grundstein für die Misere 2009 gelegt

Das führt zu der Frage: Wer ist schuld, dass es so weit gekommen ist? Aus heutiger Sicht muss man sagen: Die Teams selbst. Und ein System, das ihnen zu viel Mitsprache lässt. 2009 ist noch nicht allzu lange her, doch viele im GP-Zirkus scheinen schon vergessen zu haben, was in diesem Jahr passiert ist. Da wurde der Grundstein für die heutige Misere gelegt.

FIA-Präsident Max Mosley hatte das Unheil kommen gesehen. Er wusste, dass Bernie Ecclestone und er selbst gewissermaßen dafür verantwortlich waren. Beide hatten den Automobilherstellern alle Freiheiten gelassen, nur um sie in den Zirkus zu locken. Sie waren für Mosley und Ecclestone die Cashcow, die es zu melken galt. Nach dem Verbot der Tabakwerbung war der Formel 1 die größte Einnahmequelle weggebrochen.

Ecclestone in der Hand der Rechteinhaber

Ecclestone wiederum hatte sich mit dem Verkauf der Formel 1-Aktien an Banken und private Investoren in eine Art Abhängigkeit begeben. Er blieb zwar der Chef, doch er musste den Herren dienen, die ihn angestellt hatten. Und die wollten größtmöglichen Return of Investment. CVC Capitals nahm zwei Mal milliardenschwere Anleihen mit dem Formel 1-Geschäft als Bürgschaft auf. Sie werden erst 2017 vollständig refinanziert sein.
So lange muss das Geschäft mit den Veranstaltungen, dem Fernsehen und der Bandenwerbung noch brummen. Das verlangt Zugeständnisse an den Sport. Zum Beispiel doppelte Punkte zum Saisonfinale. Ecclestone muss die Einnahmen von drei Rennen ersetzen, die ihm weggebrochen sind. Sein Geschäftsplan liegt auf der Hand. Wer doppelte Punkte vergeben darf, muss auch doppelt bezahlen. Merke: Schlechte Deals generieren schlechte Lösungen.

Mosleys Rezept war richtig

2009 wurde für die Formel 1 zum Wendepunkt. Eine Wende zum Schlechten. Mit Honda war gerade der erste Hersteller ausgestiegen. Was Mosley nicht wissen konnte, aber irgendwie schon ahnte: Mit BMW, Toyota und Renault würden drei weitere Werksteams die Bühne verlassen. Zurückbleiben würden vier reiche Teams (Red Bull, Ferrari, Mercedes, McLaren) und ein angeschlagener Mittelstand (Lotus, Williams, Force India, ToroRosso, Sauber). Also neun Teams mit vielen Wackelkandidaten.

Dazu eine Motorenversorgung, die ausschließlich von den drei Herstellern Ferrari, Mercedes und Renault abhängig war. Die konnten die Preise bestimmen und in politischen Fragen Druck auf ihre Kundenteams ausüben. Deshalb war Mosleys Rezeptur im Prinzip richtig. Eine Budgetdeckelung bei 50 Millionen Dollar, billige Motoren für maximal fünf Millionen Euro, ein Getriebe für höchstens eine Million. Das lockte Cosworth an, dazu drei neue Teams, die sich zunächst LotusF1, Virgin und Hispania nannten.

Neue Motoren kommen zur dümmsten Zeit

Auftrag erfüllt? Eher nein. Die drei neuen Teams merkten schnell, dass sie mit falschen Versprechungen in die Formel 1 gelockt worden waren. Von wirksamer Kostensenkung keine Spur. Und Cosworth wurde bald mit einer Motorenformel konfrontiert, die für private Motorenhersteller unbezahlbar ist. Ferrari, Mercedes und Renault haben jeweils über 100 Millionen Euro in die V6-Turbomotoren für 2014 investiert.

Das neue Reglement kommt auch noch zur dümmsten Zeit. Gut die Hälfte aller Rennställe hat finanzielle Sorgen. Ausgerechnet jetzt kostet ein Motorenpaket das Doppelte. Das wird die Kleinen weiter von den Großen entfernen. Weil die zusätzlichen Kosten für den Motor bei der Chassis-Entwicklung eingespart werden müssen.

Privatkrieg zwischen Mosley und Montezemolo

Mosley nutzte 2009 eine Phase zwischen zwei Concorde Abkommen. Das gab der FIA die Chance, das übliche Entscheidungsprocedere auszubremsen. Der ehemalige Jurist wusste, dass er für eine grundlegende Reform auf die Teams nicht zählen konnte, weil die nur immer an ihr eigenes Schicksal denken. Die Teams dagegen hatten Angst um ihr Mitspracherecht.

Ein Vermittlungsversuch von Mercedes mit einer Kostenbremse von 100 Millionen Dollar scheiterte, weil zu viele Leute ihr Gesicht dabei verloren hätten. Die Sache eskalierte in einem Privatkrieg zwischen Ferrari-Präsident Luca di Monzezemolo und Max Mosley. Mosley hatte nicht damit gerechnet, dass sich die Teams in ihrer Not zu einer Interessensgemeinschaft namens FOTA zusammenschließen würden. Sie wurde auch für Ecclestone zu einer Gefahr.

Die FOTA drohte mit Abspaltung, weil sie eine Budgetdeckelung unter allen Umständen verhindern wollte. Mosley hätte es vermutlich drauf ankommen lassen, doch Ecclestone bat ihn den Krieg zu beenden. CVC hatte kalte Füße bekommen. Der Formel 1-Großaktionär brauchte das Concorde Abkommen als Sicherheit. Zwei Konkurrenzserien hätte für CVC die sichere Pleite bedeutet.

Keiner will zugeben, dass Mosley Recht hatte

Die Folge war, dass Mosley auf Druck der Teams gehen musste. Und dass seine Reform im Keim erstickt wurde. Die Teams versprachen ihm und seinem Nachfolger Jean Todt zwar, die Ressourcen selbst zu kontrollieren, doch was dabei herausgekommen ist, zeigen allein die Zahlen von Red Bull. Wenn es möglich ist, 280 Millionen Euro im Jahr auszugeben, dann hat die Kostenkontrolle der Teams grandios versagt.

Fünf Jahre später merken plötzlich alle, dass Mosley in der Sache Recht hatte. Nur zugeben will es keiner. Man würde sich ja selbst die Schuld geben. Deshalb bastelt man verzweifelt an Notlösungen und macht alles nur noch viel schlimmer. Die doppelten Punkte zum Saisonende sind nur ein Beispiel. Oder das neue Punktesystem, das 2010 ohne Not eingeführt wurde und sämtliche Statistiken zur Makulatur macht.
 

Große Teams scheuen eine Budgetdeckelung

Bisweilen  entsteht der Eindruck, dass die großen Teams nur darauf hinarbeiten, dass den kleinen die Luft ausgeht. Sie wollen Fakten schaffen, damit sie endlich Kundenautos einsetzen können. Mehr Testfahrten erhöhen genauso den Kostendruck wie die neuen Motoren oder die Weigerung der FIA das Wettrüsten bei den Boxenstopps einzubremsen.
Red Bull, Ferrari und Mercedes scheuen eine Kostendeckelung. Sie wollen ihre großen Mannschaften nicht abbauen und ihre Werkzeuge weiter voll auslasten. Eine kurzsichtige Ansicht, findet Mosley: "Die Teams mit großen Budgets halten sich so lästige Konkurrenz vom Hals. Bei einer Kostendeckelung wären alle anderen Teams Rivalen."

Große Teams kaufen sich Zeit

In den Slums des Fahrerlagers regt sich aber immer mehr Unmut über das ungerechte Auszahlungssystem und die Selbstgefälligkeit der großen Teams, Entscheidungen über die Köpfe der kleinen hinweg zu treffen. Ecclestones Sensoren haben längst angeschlagen. Er spürt die Unzufriedenheit und unterstützt plötzlich eine Sparkampagne. So kann er von der Kritik an seinem Auszahlungssystem ablenken.

FIA-Präsident Jean Todt setzte die Budgetdeckelung auf die Agenda und bekam sie auch einstimmig abgenickt, aber nur zu einem hohen Preis. Er musste im Gegenzug die Kröte einiger unsinniger Regeländerungen schlucken. Dazu weiß keiner bis heute, bei welcher Summe die Budgetobergrenze 2015 beginnt. Das ist verhandelbar. Die Teams, die sie nicht wollen, haben sich Zeit gekauft.

Ecclestone hat Übergewicht in Strategiegruppe

Todt glaubt, dass der Weltverband weiter die Regelfindung unter Kontrolle hat. Diese Meinung wird im Fahrerlager nicht geteilt. Ecclestone hat sich durch die Hintertür genug Einfluss verschafft, um die Regeln so zu ändern wie er will. Oder wie es ihm Red Bull und Ferrari diktieren. Jede Regeländerung wird in Zukunft von der sogenannten Strategie-Gruppe zur Abstimmung vorgelegt. In der sind je sechs Vertreter von FIA, FOM und den Teams. Mit Red Bull, Ferrari, Mercedes, Lotus, McLaren und Williams als Zünglein an der Waage kann man sich leicht ausrechnen, wer das Übergewicht hat.

Abgesehen von Lotus wurde jedem in dieser Gruppe die Zusage zum neuen Concorde Abkommen mit Extrazahlungen aus Ecclestones Kasse versüßt. Auch in der Formel 1-Kommission sind die reichen Teams in der Überzahl. Sie haben die kleinen Rennställe in Abhängigkeit versetzt. Bei einer Abstimmung über Windkanaltage im Ausgleich für nicht wahrgenommene Testfahrten erinnerten Red Bull und Ferrari ihre Satelliten daran, mehr Testfahrten zu unterstützen.

Ist Einheitsbenzin der nächste Coup von Bernie?

Die Rechteinhaber brauchen Geld. Sie wollen noch einmal richtig Kasse machen bevor es zu spät ist. Notfalls mit einem Börsengang oder dem Teilverkauf der Anteile. Red Bull soll da schon in den Startlöchern sitzen. Angeblich wurde dem österreichischen Getränkehersteller bei einem Börsengang ein üppiges Aktienpaket versprochen.

Bernie Ecclestone hat Gerüchten zufolge einen weiteren Coup vor. Er soll über Einheitsbenzin nachdenken und richtig Kasse machen. Das Monopol könnte mehere Hundert Millionen Dollar wert sein. Gut für Bernie, schlecht für die Teams.

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